Zeitung Heute : Das Allzeit-bereit-Täschchen

Ein Torhüter wurde erwischt – mit einem Kulturbeutel unterm Arm. Eine kleine Reise in die Welt des Necessaires.

Norbert Thomma

Nur, um jeder Verwirrung gleich zu Anfang vorzubeugen: Ja, dieser Artikel könnte auch im redaktionellen Teil der Wissenschaft stehen. Oder im Sport. Oder auf der Modeseite. Oder im Feuilleton. Es geht hier um so vieles, ja um alles. Damit mal kurz die ganze Dimension des weiten Themas skizziert ist: Es geht um Ehebruch und Fußball, um Autos und Stil, um Zahnbürsten und alte Sprache, und das sind nur einige wenige Stichworte.

Jetzt aber, wie es sich gehört, erst einmal die harte Nachricht. Vor einigen Tagen wurde ein Mann fotografiert, der gerade die Wohnung seiner Geliebten verlässt. Der Mann ist verheiratet. Die unappetitlichen Details müssen uns nicht interessieren. Wirklich wichtig an der Geschichte ist, was der Mann unter dem Arm trägt: einen Kulturbeutel.

Dazu ist ein kleiner historischer Exkurs nötig. Das vergangene Jahrhundert war das Jahrhundert des Fortschritts. Mondflug, Doppelhelix, Quantentheorie, Kernspaltung, Penicillin… So recht ungelöst blieben eigentlich nur zwei große Rätsel. Da war zum einen die Tomate. Lange bevor es anfängt zu regnen, beginnt sich die Haut der Tomate zu verdicken. So können die Regentropfen die Haut nicht zum Platzen bringen. Woher aber die Tomate diesen meteorologischen Spürsinn hat? Tja, großes Geheimnis.

Und dann waren da noch die Torhüter und ihre seltsamen Bräuche des späten Jahrhunderts. Beim Betreten des Fußballplatzes hatten sie eine Art Toilettentäschchen dabei, das am Netz des Tores deponiert wurde. Ewig fragte man sich: Was ist da drin? Ersatzhandschuhe? Jod? Eine Draculamaske, um die Stürmer zu erschrecken? Mutmaßungen, Gerüchte, Witze. Doch keiner weiß es. Niemand hat je einen Blick in diese reißverschlossene Höhle getan.

Nun schließt sich der Kreis. Es gibt von unserem Mann (der mit der Geliebten) noch ein zweites Foto, er geht da, den selben Beutel unterm Arm, in die Umkleidekabine. Unser Mann ist Torhüter, der Beste der Welt. Und die größte Boulevardzeitung des Landes hat geschrieben, bei den Bayern nenne man diesen Gegenstand „Allzeit-bereit-Täschchen“.

Wollen’s mal so sagen: Mit so einem Teil in der Öffentlichkeit zu wandeln, das sieht verboten aus. Fußballer sind Popstars. Sie stylen sich. Unser Torwart kommt immer daher, als käme er gerade aus dem Bett. Dabei wissen wir, Männer, die immer aussehen, als kämen sie gerade aus dem Bett, standen die letzten zwei Stunden vor dem Spiegel. Haargel, Wachs, Drei-Wetter-Taft. Unser Mann fährt einen Ferrari 360 Modena Spider. Dieses Auto brüllt schon im Leerlauf: Alle hergucken! Fahrer will was hermachen!! Warum, zum Teufel, klemmt er sich dann etwas unter den linken Arm (immer ist es der linke), das jedem Mann dieses Flair von Heinz Erhardt und Campingplatz gibt?

Kleines Gedankenspiel: James Bond nähert sich im Anzug der schönen Halle Berry. Was trägt er? A) …lässig einen Autoschlüssel? B)…ein charmantes Lächeln? C) …ein Toilettentäschchen? Na bitte!

Okay, Männer haben ein Problem, ein großes Problem sogar. Es fehlt ein portables Depot fürs Nötigste. Dieses Nötigste gehört in ein Necessaire. Damen haben Necessaires. Das Necessaire geht aufs lateinische necessarius zurück, notwendig, erforderlich. Wohin also mit dem Erforderlichen?

Bei dieser Frage drehte sich ein Autor dieser Zeitung um und deutete mit dem Zeigefinger auf etwa halbe Körperhöhe seiner Rückseite. Rechts wölbte sich die aufgenähte Hosentasche wie ein Vulkan, bereit, jederzeit auszubrechen. Sah sehr pavianartig aus. Eine pralle Geldbörse! Ist das die Alternative, die Gesäßpartie als Zwischenlager zu benutzen?

Roger Willemsen interviewte neulich den Pornostar Dru Berrymore. Diese Frau (nicht mit der Schauspielerin verwechseln!) kennt sich nun mal mit Kerlen aus. Frage: Welcher Teil erregt Sie am männlichen Körper? Antwort: der Hintern. Und dieses erotische Signal soll unser Torwart verunzieren mit Deoroller, Zahnbürste, Aspirin…

Plastikkamm und Feuerwehr

Niemals! Der Tasche für den Herrn, also. Lachen Sie nicht, die bedeutenden Feuilletons haben sich schon an diesem Problem abgearbeitet. Es ist recht interessant, im Archiv herumzustöbern. Denn Zeitungen schreiben („…und immer an die Leser denken…“) für ihr Publikum – und verraten nebenbei auch etwas über sich selbst. Wie stellen sich verschiedene Blätter das Erforderliche vor, was tun sie dem ideellen Gesamttorhüter in die Tasche?

„Stern“: „Reiseführer, Taschentücher, Pocketkamera, Sonnenmilch, Hotelschlüssel, Brieftasche.“

„Neue Zürcher Zeitung“: „Portemonnaie, Zigaretten, Feuerzeug (oder Zündhölzer), kleines Taschenmesser, Visitenkarten, Personal- und Blutspendeausweis, Mitgliedskarte der freiwilligen Feuerwehr, Plastikkamm.“

„Die Zeit“ (I): „Schlüsselbund, Sonnenbrille, Handy, Brieftasche.“

„Süddeutsche Zeitung“: „Handy, Geldbeutel, Kamm, Kaugummi, Autoschlüssel, Zigarettenschachtel.“

Tagesspiegel: „Hausschlüssel, Autoschlüssel, Notizbuch, Papiertaschentücher, Kamm, Brillenputztuch, Zeitung, Kugelschreiber.“

„Die Welt“: „Taschentuch, Jausenbrot, Zigaretten und weiß-Gott-was.“

„Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“: „Tickets, Stadtplan, Portemonnaie.“

„Die Zeit“ (II): „Zigaretten, Minidiscs, Medikamente, Handys und Death-Metal-Magazine.“

„taz“: „Kreditkarte, Audischlüssel, Schweizer Messer, Zuckerwürfel, Funktelefon, Notkekse, Schutzfaktor 16, besondere Steine.“

„Berliner Zeitung“: „Geld, Präservative, Zigaretten, Feuerzeug, Visitenkarten, Kamm, Bonbons fürs betrunkene Nachhausefahren, Identitätskarte, Werbegeschenk-Kugelschreiber.“

Wovon reden die? Vom Necessaire unseres Torhüters? Jetzt muss die klare Trennschärfe her! Die Rede ist wohl vielmehr von jener Herrentasche, die der Volksmund „Detlev“ nennt, ein mittels Schlaufe am Handgelenk getragenes Ding; in Kreuzberger Kreisen wurde es als „Bullentäschchen“ bezeichnet, weil kein Polizist je ohne es vor Gericht in den Zeugenstand trat. Der Stilkritiker Moritz von Uslar hat die beschlaufte Handtasche für den Mann als das schamloseste „Spießeraccessoire“ überhaupt gebrandmarkt. (Drehen wir die Sache mal um: Wie finden Sie Frauen mit Duschhaube oder Lockenwicklern beim Einkaufen?)

Schwarz und üppig

Was also kann ein verstrubbelter Weltklassetorhüter machen mit seinen Utensilien, wenn er zwischen Trainingsplatz und Disco und der Geliebten pendelt? Man kann das bei einem Einkaufsbummel auf dem Kudamm ergründen. Man fragt das Personal: Was schenke ich dem Fahrer eines Ferrari 360 Modena Spider für sein Erforderliches?

Im KaDeWe raten sie zu Porsche, glatt und schwarz das Leder (244 Euro), innen mit den obligaten Seitenfächern, aber sehr, sehr klein. Goldpfeil offeriert aus der Steffi-Graf-Linie ein schlichtes schwarzes Mäppchen (90 Euro), ohne jede Unterteilung. Auch bei Versace kommt der Kulturbeutel in Schwarz daher (269 Euro), verziert mit gotischer Schnalle; die Größe: üppig, weil, wie der Berater sagt, Männer immer mehr Produkte unterzubringen hätten; und: innen auswaschbar. Das ist ein sehr praktischer Hinweis auf das Fiasko, das nicht nur Torhüter immer wieder erleben, wenn sich nämlich Shampoo und Ohrstäbchen und Taschentücher und ausgelaufener Fußbalsam zu einem kloakenartigen Brei vermischen.

Nun sind die ersten Eindrücke in diesen edlen Geschäften schon ein wenig erschütternd. Ja, auf der Jagd nach dem stilvollsten aller Kulturbeutel kann ein Mann (geschätzes Torwarteinkommen: acht Millionen Euro jährlich) gar nicht richtig Geld ausgeben. Peanuts! Allein ein einziger Auspufftopf des Ferrari 360 Modena Spider kostet 2396 Euro! Gibt es denn keine Kulturbeutel in Michael-Jackson-Dimension? Offenbar nicht. Das wird dann später auch bei Louis Vuitton (280 Euro/schwarz/Form wie VW-Käfer) und Hermes nicht besser, obschon einem hier endlich mal ein freundliches Kirschrot (150 Euro/Stoff) entgegenlacht.

Unser Torhüter, soviel steht fest, hat sich alle Mühe gegeben. Was da stets unterm Arm klemmt, ist von Gucci, Collection 2003 zu 265 Euro und von www.gucci.com so beschrieben: toiletry case in GG plus with dark brown leather trim, single zip compartment and washable interior. Das Muster des Beutels geht ins Verspielt-rokokohafte und lässt eine gewisse Neigung zum Kitsch durchscheinen. Oha! Ist dieser Urian zwischen den Pfosten in Wahrheit ein Träumer, ein Nostalgiker?

Halt, jetzt bitte nicht zu viel Mitgefühl! Der Mann zeigt sich in aller Öffentlichkeit mit einem Kulturbeutel, schlimm genug. Die Folgen kann er nicht einfach so unter dem Arm wegtragen.

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