Zeitung Heute : Das als langweilig geltende Hannover überrascht zuweilen mit skurrilem Charme

Joachim Göres

"Sie müssen unbedingt in die Herrenhäuser Gärten, der Maschsee ist auch schön, und in der Eilenriede kann man sich richtig erholen." Ob Taxifahrer, ob alteingessener Hannoveraner: es sind immer dieselben drei Tipps, die Gäste der niedersächsischen Landeshauptstadt aus berufenem Mund zu hören bekommen. Und tatsächlich: Der vor mehr als 300 Jahren von Herzog Johann Friedrich angelegte Große Garten ist als fast unverändert erhaltener Barockgarten einzigartig in Europa. Im Sommer locken Theater, Ballet, Zirkus, Konzerte und Feuerwerke die Massen in Scharen zu Auftritten international bekannter Künstler vor einer besonderen Kulisse. Am 68 Hektar großen Maschsee kann man mitten in der Innenstadt rudern, paddeln, segeln, surfen, sich bei lauer Luft auf den vielen Gaststättenterrassen bei Eis und Kuchen verwöhnen lassen und im Winter eine riesige Schlittschuhlaufbahn genießen. Und der größte Großstadtwald Europas, die Eilenriede nahe der City, trägt zu Hannovers Ruf als grüner Metropole bei.

Doch dafür extra in die Stadt an der Leine reisen? Jedes Jahr sind es Millionen, die es hierher zieht, doch sie kommen entweder als Durchreisende auf dem Weg von Nord nach Süd oder Ost nach West durch den Verkehrsknotenpunkt Hannover. Oder als Besucher einer der zahlreichen Messen, im kommenden Jahr möglicherweise als Gast der ersten Weltausstellung in Deutschland. Was können sie abseits von allem Trubel in Hannover entdecken?

Das als langweilig geltende Hannover ("Nirgendwo ist es doofer als in Hannover") lockt mit versteckten Attraktionen, für die man vor allem eins braucht: Zeit. Ganz im Gegensatz zum Image von Hannover kommen Freunde von Skurrilitäten auf ihre Kosten. Wer für fünf Mark ein komplettes Mittagessen zu sich nehmen und dabei in einem echten Königsschloss speisen möchte, ist in Hannover richtig - im einstigen Welfenschloss befindet sich heute das Hauptgebäude der Universität mit der Mensa.

An Fritz Haarmann erinnert heute nichts mehr im Stadtbild - trotzdem ist dieser Name nicht nur Hannoveranern durch das Theaterstück "Der Totmacher" und den gleichnamigen Film mit Götz George ein Begriff. Zwischen 1918 und 1924 tötete der Homosexuelle Haarmann, ein Polizeispitzel und Dieb, mindestens 24 junge Männer, indem er ihnen beim Liebesspiel die Halsschlagader durchbiss. Auf seinen Spuren kann man beim Rundgang durch Hannovers Kriminalgeschichte wandeln, der wie andere City-Spaziergänge vom Hannoveraner "Stattreisen"-Büro angeboten wird.

Tradition und Moderne verbindet auf besondere Weise das weltgrößte Schützenfest, das alljährlich im Juni zehn Tage lang die Stadt in Atem hält. 250 000 Menschen, so viel wie noch niemals zuvor, waren in diesem Jahr dabei, als 12 000 Uniformierte durch die Stadt zogen. Mit La-Ola-Wellen feierten sie sich selbst, mit karibischen Klängen oder dem Niedersachsen-Lied bringen die mehr als 100 Kapellen jedes Jahr die gar nicht unterkühlten Norddeutschen in Stimmung. Trotz aller Kritik von traditionsbewussten Schützen gab es dieses Jahr erstmals ein "GayZelt" - ein Zelt nicht nur für Schwule - Renner des Schützenfestes.

Ein gewisser Hang zu Waffen und Gewalt hat anscheinend in Hannover Tradition - ob bei den Chaos-Tagen am ersten August-Wochenende, bei denen sich in den vergangenen Jahren Punker aus allen Teilen Deutschlands trafen und für Randale sorgten, ob bei den Spielen der Rugby-Bundesliga, die zur Hälfte aus Mannschaften aus Hannover besteht, ob bei den Attacken des Prinzen Ernst August von Hannover, der schon mal wartende Fotografen mit dem Regenschirm bearbeitet.

Wenn der Autor und Zeichner Wilhelm Busch heute noch lebte, hätte er den schlagenden Prinzen bestimmt aufs Korn genommen. Im Wilhelm-Busch-Museum kann man nicht nur den Schöpfer von "Max und Moritz" kennen lernen, sondern auch den Karikaturisten. Im Museum am Georgengarten, in der Nähe der "königlichen" Mensa, ist heute das Deutsche Museum für Karikatur und kritische Grafik untergebracht. Nach dem Umbau öffnet es erst wieder zur Expo am 16. Juni 2000.

Als Stadt der Künste hat sich Hannover bereits in den 70er Jahren durch die umstrittenen "Nanas" ins Gespräch gebracht: farbenfrohe, überlebensgroße Figuren mit deutlich weiblichen Formen, die wegen der immensen Kosten einen Sturm der Entrüstung entfachten. Andere sahen in den fülligen Frauenplastiken eine Verunglimpfung des weiblichen Geschlechts. Heute regen die Nanas der Künstlerin Niki de Saint Phalle niemanden mehr auf. Dafür sind sie beliebter Blickfang vieler Touristen, die immer sonnabends über den daneben angesiedelten angeblich ersten deutschen Flohmarkt am Hohen Ufer bummeln können.

Zu Fuß, per Fahrrad oder mit Bus und Straßenbahn - so sollte man Hannover vor allem im nächsten Jahr erkunden. Das empfiehlt nicht nur Expo-Chefin Birgit Breuel angesichts der erhofften Besucherströme und der befürchteten Staus anlässlich der Expo. Mit von Designern gestalteten Bushaltestellen und neuen Bussen, die eher an Ufos denn an herkömmliche Linienbusse erinnern, will man das komplette Verkehrschaos verhindern. Auch BVG-Busfahrer aus Berlin, die während der Expo in Hannover eingesetzt werden und dort schon ihre ersten Erfahrungen sammelten, warnen: "Immer stur in der Spur, keine Rücksicht auf den übrigen Verkehr. Das geht in Berlin viel besser, da wird auch nicht so trantütig gefahren wie in Hannover."

Schon heute können Gäste eine ExpoRundfahrt unternehmen und einen kleinen Eindruck davon bekommen, wie das 160 Hektar große Gelände einmal aussehen mag. Wer bei den ganzen Superlativen, die für das kommende Jahr angekündigt sind, nicht den Überblick verlieren will, sollte mit Europas schrägstem Fahrstuhl - keine Angst, man fällt nicht drin um - das Rathaus hinauf fahren und aus 100 Metern Höhe den Blick schweifen lassen. Orientierung bietet auch der "rote Faden": eine vier Kilomter lange rote Linie, aufs Straßenpflaster gemalt, die den Besucher vom Hauptbahnhof aus zu 36 Stationen quer durch die Innenstadt führt, so unter anderem zu den "Nanas", zum Rathaus und den Fachwerkhäusern der Innenstadt.

Stadtrundgang: Einen Führer mit Erläuterungen zu den Sehenswürdigkeiten entlang des "Roten Fadens" gibt es für drei Mark bei der Hannover-Information (neben dem Hauptbahnhof), Ernst-August-Platz 2, 30159 Hannover; Telefon: 05 11 / 301 40. Einen Überblick über das Angebot sogenannter Stadtspaziergänge erhält man bei "Stattreisen", Hausmannstraße 9-10, 30159 Hannover; Telefon: 05 11 / 164 03 33

Bei der Hannover-Information gibt es auch Auskunft etwa über Expo-Rundfahrten, Unterkünfte sowie zu Pauschal-Reiseangebote.

Literatur: Mit dem in diesem Jahr in der Edition Temmen (Bremen) erschienenen Führer "Hannover" kann man die Landeshauptstadt ganz gut auf eigene Faust erkunden.

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