Das Amsterdamer Konzerthaus : Bürgersinn zum Klingen bringen

Das Concertgebouw und das berühmte Concertgebouworkest feiern ihre Gründung vor 125 Jahren – eine Bürgerinitiative stand am Anfang.

Festsaal für die Musik. Das Concertgebouw Amsterdam ist berühmt für seine exzellente Akustik und seine Orgel von 1890.
Festsaal für die Musik. Das Concertgebouw Amsterdam ist berühmt für seine exzellente Akustik und seine Orgel von 1890.Foto: Rolf Brockschmidt

Amsterdamer sind pragmatisch. Sechs vermögende Bürger der Stadt ergriffen 1881 die Initiative, um Amsterdam ein eigenes Konzerthaus zu ermöglichen, so etwas schien ihnen bitter nötig für eine Hauptstadt. Sie sammelten Geld über eine Aktiengesellschaft, kauften Land außerhalb der Stadt und 1886 ruhte das fertige Concertgebouw auf 2000 Holzpfählen, die dem Gebäude später noch einmal einen Streich spielen sollten. Ein Jahr zuvor war gegenüber das Rijksmuseum eröffnet worden. Auf frühen Fotos sieht man gleich neben dem Gebäude noch einen Graben, rund herum war Farmland und in der Ferne sind ein paar Wohnhäuser zu erkennen. Am 11. April 1888 wurde das Konzerthaus von Architekt Dolf van Gendt endlich mit einem festlichen Konzert eröffnet. 421 Kutschen verursachten an dem Tag einen Verkehrsstau bis ins Stadtzentrum.

Van Gendt hatte zuvor viele Konzerthäuser besucht und sich an dem Gewandhaus in Leipzig orientiert. Der große Saal hat eine Galerie, an der die Namen großer Komponisten verewigt sind. Außergewöhnlich ist die große Orgel, die 1890 eingebaut wurde und links und rechts von einer steilen Treppe eingerahmt ist. Von rechts kommt der Dirigent die Treppe herunter. Wenn man oben steht und in den riesigen Saal blickt, kostet es ein wenig Konzentration, diese Treppe ohne Malheur hinunterzuschreiten. Die Bühne bietet auch ausreichend Platz für Chöre.

Für Königin Wilhelmina gab es in der Mitte auf dem Rang noch einen Baldachin, der die königliche Loge markierte, doch davon ist jetzt nichts mehr zu sehen. Einzig das Wappen der Königin auf der Rückenlehne des Stuhls zeigt an, wo Majestät sitzt. Die allerersten Stühle des Konzerthauses waren übrigens eine Spende der Heineken-Brauerei.

Das prächtigste Zimmer im ganzen Haus ist dem Dirigenten vorbehalten, ein Raum mit einem hohen Spiegel und einem Kronleuchter, dazu Badezimmer und Lift. Er soll alle Möglichkeiten haben, sich auf seinen großen Auftritt zu konzentrieren.

Im Kellergeschoss waren die Künstler untergebracht, zum Teil mussten sie sich im Flur umziehen. Ende der achtziger Jahre mussten die Holzpfähle ausgetauscht werden, eine gewaltige Herausforderung, die gemeistert wurde. 1951 hatten sich Orchester und Gebäude organisatorisch getrennt, das Concertgebouw wurde zur Konzerthalle, in der es auch Rock- und Jazzkonzerte gibt, und in dem Ajax Amsterdam 2003 seinen Abschied von Aaron Winter feierte. Das Nutzungskonzept ist eine pragmatische Lösung, die Geld bringt.

In der ganzen Welt berühmt ist das Concertgebouw aber vor allem wegen seiner einzigartigen Akustik. Der Große Saal ist eine Wunderkammer des Klangs. Wie gute Akustik entsteht, welche Bedingungen herrschen müssen – das kann ein Baumeister bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Am Ende braucht es aber auch eine gehörige Portion Glück, und die Amsterdamer haben viel Glück gehabt mit ihrem Konzertsaal. Wer einmal ein Konzert von Lang Lang besucht hat und auch in der hintersten Ecke im Rang jeden Anschlag so kristallklar und laut hören konnte, als säße der Pianist direkt neben ihm – der weiß, wovon die Rede ist.

Vielleicht ist die phantastische Akustik des Hauses mit ein Grund, dass das Concertgebouworkest neben den Berliner und Wiener Philharmonikern zu den Spitzenorchestern zählt – 2008 wählten es Kritiker der britischen Zeitschrift „Gramophone“ sogar zum besten Orchester der Welt. Kaum eine Rezension, die nicht über den „fließenden“ Streicherklang (der im Concertgebouw besonders gut zur Geltung kommt), das „goldene“ Blech oder die „vollmundigen“ Holzbläser schwärmt. Gegründet 1888, ist das Orchester vor allem in dem spätromantischen Repertoire zu Hause, das zu jener Zeit entstand: Brahms, Bruckner, Tschaikowsky, Richard Strauss. Vor allem aber: Mahler, der zwischen 1903 und 1909 selbst elf Mal am Pult stand, um seine Symphonien zu dirigieren.

Das Concertgebouworkest hat bisher relativ wenige Chefdirigenten gehabt, die dem Klangkörper dafür lange Zeit ihren Stempel aufdrückten – es waren nämlich erst sieben. Legendär vor allem Willem Mengelberg, der von 1895 bis 1945 amtierte, also exakt 50 Jahre. Unter seiner Ägide begann nicht nur die Liebe des Orchesters zur Musik von Gustav Mahler, er ließ auch 1899 erstmals Bachs Matthäus-Passion aufführen und setzte damit eine Tradition niederländischen Bach-Verehrung vor allem an Ostern in Gang, die bis heute anhält.

Eine weitere Parallele zu den Berliner Philharmonikern: Wie Wilhelm Furtwängler sah sich auch Mengelberg nach dem Krieg Vorwürfen ausgesetzt, zu eng mit den Nazis zusammengearbeitet zu haben. Zu seinen Nachfolgern gehörten Bernard Haitink und Riccardo Chailly, der zum hundertsten Gründungsjubiläum 1988 antrat – das Jahr, in dem das Orchester mit dem Prädikat „koninklijk“ (königlich) versehen wurde. Seit 2004 ist Mariss Janssons der Chef. In Berlin wird das Concertgebouworkest wieder zum Musikfest am 4. September in der Philharmonie zu hören sein.

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