Wunderkammer des Klangs

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Das Amsterdamer Konzerthaus : Bürgersinn zum Klingen bringen

In der ganzen Welt berühmt ist das Concertgebouw aber vor allem wegen seiner einzigartigen Akustik. Der Große Saal ist eine Wunderkammer des Klangs. Wie gute Akustik entsteht, welche Bedingungen herrschen müssen – das kann ein Baumeister bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. Am Ende braucht es aber auch eine gehörige Portion Glück, und die Amsterdamer haben viel Glück gehabt mit ihrem Konzertsaal. Wer einmal ein Konzert von Lang Lang besucht hat und auch in der hintersten Ecke im Rang jeden Anschlag so kristallklar und laut hören konnte, als säße der Pianist direkt neben ihm – der weiß, wovon die Rede ist.

Vielleicht ist die phantastische Akustik des Hauses mit ein Grund, dass das Concertgebouworkest neben den Berliner und Wiener Philharmonikern zu den Spitzenorchestern zählt – 2008 wählten es Kritiker der britischen Zeitschrift „Gramophone“ sogar zum besten Orchester der Welt. Kaum eine Rezension, die nicht über den „fließenden“ Streicherklang (der im Concertgebouw besonders gut zur Geltung kommt), das „goldene“ Blech oder die „vollmundigen“ Holzbläser schwärmt. Gegründet 1888, ist das Orchester vor allem in dem spätromantischen Repertoire zu Hause, das zu jener Zeit entstand: Brahms, Bruckner, Tschaikowsky, Richard Strauss. Vor allem aber: Mahler, der zwischen 1903 und 1909 selbst elf Mal am Pult stand, um seine Symphonien zu dirigieren.

Das Concertgebouworkest hat bisher relativ wenige Chefdirigenten gehabt, die dem Klangkörper dafür lange Zeit ihren Stempel aufdrückten – es waren nämlich erst sieben. Legendär vor allem Willem Mengelberg, der von 1895 bis 1945 amtierte, also exakt 50 Jahre. Unter seiner Ägide begann nicht nur die Liebe des Orchesters zur Musik von Gustav Mahler, er ließ auch 1899 erstmals Bachs Matthäus-Passion aufführen und setzte damit eine Tradition niederländischen Bach-Verehrung vor allem an Ostern in Gang, die bis heute anhält.

Eine weitere Parallele zu den Berliner Philharmonikern: Wie Wilhelm Furtwängler sah sich auch Mengelberg nach dem Krieg Vorwürfen ausgesetzt, zu eng mit den Nazis zusammengearbeitet zu haben. Zu seinen Nachfolgern gehörten Bernard Haitink und Riccardo Chailly, der zum hundertsten Gründungsjubiläum 1988 antrat – das Jahr, in dem das Orchester mit dem Prädikat „koninklijk“ (königlich) versehen wurde. Seit 2004 ist Mariss Janssons der Chef. In Berlin wird das Concertgebouworkest wieder zum Musikfest am 4. September in der Philharmonie zu hören sein.

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