Zeitung Heute : Das andere Amerika suchen

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Amerikaner haben derzeit einen schlechten Stand in meiner Umgebung. „Fuck USA“ steht in großen Buchstaben auf einer umgedrehten Stars-and-Stripes-Flagge, die jemand ein paar Häuser neben unserem an seinen Balkon gehängt hat. Und ein Freund hat geschworen, das Land nicht mehr zu besuchen, solange Bush junior an der Macht ist. Ich beschimpfe ihn dann immer als unverbesserlichen Antiamerikaner, der ein ganzes Land und sich selbst dazu für eine zweifelhafte Wahl bestrafen will, und der ignoriert, dass es doch auch noch das andere Amerika gibt, jenes Land, in dem die Menschen liberal und Bush-kritisch und gar nicht kriegslüstern sind.

Ein Bild davon kann man sich im Moment im Gropius-Bau machen. Dort zeigt die Fotoschau The American Scene 2000 amerikanische Impressionen aus jenen Jahren, bevor Bush und Co. das Land in Verruf brachten. 35 Fotografen präsentieren ein faszinierendes Panorama des amerikanischen Alltags, von stolzen Bauern über spektakulär tätowierte Großstadtindianer bis hin zu Trailerpark-Nomaden im Niemandsland des weiten Westens. Hier sollte ich meinen bekenntnisfreudigen Nachbarn mal hinschicken. Oder ins Filmmuseum am Potsdamer Platz. Dort zeigt die Schau Oscars in Animation all jene amerikanischen Trickfilm-Ikonen, die für unser Amerikabild mindestens ebenso bedeutend sein dürften wie George W. Bush, aber eben die freundliche, harmlose Seite des Landes repräsentieren: von Tom und Jerry, Bugs Bunny und Micky Maus bis hin zu Spiderman, Roger Rabbit und Shrek. Originalzeichnungen und Dutzende Ausschnitte aus der Wunderwelt des Zeichentricks lassen für ein, zwei Stunden alle Schreckensnachrichten aus dem Weißen Haus vergessen.

Noch mehr Material zum Sympathisieren mit dem Amerika jenseits von Bush und Cheney gibt’s heute Abend im Geschäft des Amerika-Fans Peter Dussmann. Dort liest der Schauspieler Peter Lohmeyer aus Michael Moores Bestseller Stupid White Men, den er kürzlich auf CD aufgenommen hat. Moore wird von Amerika-Verächtern ja immer gern als Kronzeuge zitiert. Wenn man sich allerdings Lohmeyers Aufnahme anhört, wird deutlich, dass Moores Pamphlet gar kein Anti-Amerika-Buch ist, sondern eine – manchmal recht platte – Liebeserklärung an die USA und ihre Bewohner. Lohmeyer lässt in seiner Aufnahme Moore wie einen stimmgewaltigen Wanderprediger klingen, der voller Inbrunst über den Verfall der Sitten schimpft und dabei doch vom Glauben an das Gute getrieben ist, von der Hoffnung, er könnte das Land mit einer großen, flammenden Rede zurück auf den Pfad der Tugend bringen. Wer Lohmeyer zuhört, merkt, wie viel Herzblut und Patriotismus in Moores Abrechnung mit Bush stecken. Oder, in Moores Worten: Selbst wenn man annimmt, dass in den USA 200 Millionen Idioten leben, bleiben noch 80 Millionen Vernünftige. Das ist mehr, als wir beim besten Willen von Deutschland behaupten können.

Fotoausstellung „The American Scene 2000“ im Gropius-Bau bis 24.8. „Oscars in Animation“ bis 10. 8. im Filmmuseum Potsdamer Platz. Peter Lohmeyer liest heute um 19.30 Uhr bei Dussmann aus „Stupid White Men“. Eintritt frei. CD im Kunstmann-Verlag.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben