Zeitung Heute : Das andere Hollywood der 30er: Droben in den Bergen, da hab ich eine kleine Frau

Christian Schröder

Amerika stellt sich seine Helden am liebsten kantig vor: hünenhaft, viril, entschlossen in die Welt blickend. So gesehen war Gary Cooper die Idealbesetzung für den "Sergeant York", den All American Hero des Ersten Weltkriegs. Alvin C. York, ein Farmer aus Tennessee, hatte 1917 bei der Schlacht in den Ardennen einen achtköpfigen Stoßtrupp angeführt, der 132 deutsche Soldaten gefangen nahm. Nach seiner Rückkehr in die USA stieg er zum lebenden Nationaldenkmal auf, eine New Yorkerin bot ihm 50 000 Dollar, wenn er ein Kind mit ihr zeugen würde. York blieb standhaft und lehnte ab: "Dort, wo ich zu Hause bin, in den Bergen, habe ich meine eigene kleine Frau". Gary Cooper zeigte den Mann aus den Bergen als amerikanischen Jedermann mit Stahlhelm, als "Krieger-Demokraten" (so der Filmhistoriker Michael T. Isenberg), der bereit war, für seine Werte zu kämpfen und notfalls auch zu sterben. Dass der Schauspieler keinerlei Ähnlichkeit mit seiner Figur hatte - er wog 84 Kilo, der echte York 140 Kilo - störte die Kinogänger des Jahres 1941 keineswegs. "Sergeant York", inszeniert von Howard Hawks, wurde ein Millionenerfolg und machte Cooper zum Idol. Vor allem aber bereitete der Film die Amerikaner ein halbes Jahr vor Pearl Harbor darauf vor, dass es bald nötig werden könnte, wieder zum Gewehr zu greifen.

Amerika erklärte am 8. Dezember 1941 den Krieg, aber in Hollywood hatte der Kampf schon früher begonnen. Es war ein ungleicher Kampf, denn er wurde auf amerikanischer Seite anfangs nur von zwei älteren Herren geführt: Harry und Jack Warner. Die Chefs des "Warner Bros."-Filmstudios entstammten einer jüdischen Familie aus Polen, die sich vor Pogromen in die Vereinigten Staaten gerettet hatte. Während alle anderen Filmmoguln weiter Geschäfte mit den Nazis machten - MGM-Produktionschef Irving Thalberg besuchte Deutschland und befand: "Der Hitlerismus wird vorübergehen" -, begannen die Warner-Brüder schon gleich nach Hitlers Machtübernahme vor der Gefahr des Nationalsozialismus zu warnen. Sie brachen 1934 ihre Verbindungen nach Deutschland ab, und ab 1936 zeigten sie in den Kinos ihres Konzerns keine Wochenschauen mehr, in denen Hakenkreuzfahnen oder fröhlich ihrem Führer zuwinkende Deutsche vorkamen. Feinde machten sie sich damit auch im eigenen Land. Harry Warner, schrieb 1937 die Zeitschrift "Fortune", habe zwei Interessen: "das Geschäft und die Moral." Im Interesse der Moral war er sogar bereit, aufs Geschäft zu verzichten.

Filme als Waffen: "Celluloid Soldiers" lautet der Originaltitel des Buches, mit dem Michael E. Birdwell den Warner-Brüdern ein Denkmal setzt. Die Geschichte ihres Zelluloidkrieges gegen die Nazis erzählt der Historiker anhand von drei Filmen aus ihrem Studio, deren Entstehung er akribisch rekonstruiert. "Black Legion" (1937) handelt von der gleichnamigen Untergrundorganisation, die Schwarze lynchte und Gewerkschafter umbrachte. "Confessions of a Nazi Spy" (1939) schildert die Entlarvung eines deutschen Spionagerings durch das FBI. Und "Sergeant York" (1941), Höhepunkt der Kampagne und mit einem Budget von über zwei Millionen Dollar die bis dato teuerste Warner-Produktion, zeigt, dass Helden manchmal - so ein Zitat aus dem Film - "Gottes Werk mit dem Werkzeug des Teufels vollbringen müssen".

Eine bessere Inkarnation des Hinterwald-Amerikaners als diesen Alvin York hätte man nicht erfinden können. Als Mitglied der Church of Christ in Christian Union war er bekennender Fundamentalist. Hollywood galt ihm als eine babylonische Lasterhöhle, ein Kinobesuch war für ihn gleichbedeutend mit einer Sünde. York wehrte sich zunächst vehement dagegen, zum Titelhelden eines Films zu werden, doch die Abgesandten aus Hollywood fuhren immer wieder in die Berge von Tennessee und stimmten ihn schließlich um. Wie sich die beiden Sturköpfe Alvin York und Harry Warner dabei langsam näherkamen: Das ist die schönste Pointe von Birdwells packendem Buch. Am Ende war York von der Filmidee so begeistert, dass er Gary Cooper seinen 125 Jahre alten Vorderlader lieh. Ein Adelsschlag, von Held zu Held.

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