Zeitung Heute : Das Auge isst mit

Matthias Kalle

Ich kann nicht kochen. Gar nicht. Überhaupt nicht. Und das ist keine alberne Behauptung wie die, man könne weder einen Videorekorder programmieren noch ein Ikea-Regal zusammenbauen. Ich kann es einfach nicht, und eigentlich will ich es auch nicht können, denn ich sehe im Kochen keinen Sinn - wozu gibt es Restaurants, Pizza-Taxis und Imbiss-Buden? Jahrelang verweigerte ich mich der Koch-Kultur, dieser "Du, ich lad Dich ein und koch was Schönes"-Gesellschaft. Aber für eine gute Geschichte tue ich fast alles, deshalb meldete ich mich freiwillig für dieses Experiment: Eine Woche lang Kochsendungen im Fernsehen anschauen und nachkochen, was einem dort vorgemacht wird. Journalismus ist manchmal ein hartes Brot.

"In der Küche braucht man gute, scharfe Messer", sagt Alfred Biolek. Donnerwetter. Gleich in meiner ersten Sendung, eine der zahlreichen Wiederholungen von "Alfredissimo" in den dritten Programmen, lerne ich Essentielles. Kommt man ja so auch nicht drauf. Neben Biolek steht die Schauspielerin Nina Petri und beide kochen in einer schicken, offenen Küche, die aussieht wie aus dem Schaufenster einer Bulthaupt-Filiale. Biolek steht für das gesittete, bürgerliche Kochen - die Generation Toskana am Herd. So ungefähr, denke ich auf meinem Sofa, ist es bei Soziologie-Professoren zu Hause, wenn sie es mal richtig krachen lassen, und dann sagt Biolek doch tatsächlich: "Wir erleben ja gerade die Renaissance der Roten Beete", während Nina Petri rote Knollen in Scheiben schneidet.

Kochsendungen gehören also auch irgendwie zum Bildungsfernsehen, zumindest, was das Kulinargeschichtliche angeht. Dann wird Biolek vom vielen Reden der Mund trocken - ob man nicht einen "Küchenwein" trinken solle, fragt der Gastgeber und reicht deutschen Burgunder, während die Petri spanisches Olivenöl ("Was ganz Gutes!", sagt Bio) mit einem Pinsel auf die Rote Beete streicht. "So simpel, aber so schön", sagt Bio.

So simpel und so schön funktionieren auch Kochsendungen, und wahrscheinlich sind sie auch deshalb so beliebt: Bei den Sendern, weil man sie schnell und billig produzieren kann; und bei den Zuschauern, weil man gerne dabei zuguckt, wie da einer, der das kann, Sachen in Töpfe und Pfannen haut und nach einer gewissen Zeit daraus etwas Leckeres zaubert. Kochsendungen sind freundlich, sie tun niemandem weh, dort gibt es nichts Böses, da wird keiner laut, niemand weint und langweilig wird es auch nicht, denn in welcher Fernsehsendung kann man dabei sein, wie Protagonisten zu einem Ergebnis kommen und sich darüber auch noch freuen? Das Zuschauen hat auch etwas Entspannendes, man kann sich nicht wirklich aufregen, wenn einer kocht.

Wer will, kann den ganzen Tag Kochsendungen schauen - nachts laufen oft Wiederholungen, in den Morgenmagazinen werden Rezepte vorgestellt, die ARD zeigt mittags ihr "Buffet", andere Name sind origineller: Auf Hessen III läuft "Hessen à la carte", im österreichischen Fernsehen gibt es die Kochshow "Frisch gekocht ist halb gewonnen", im SFB "Reisen und Speisen", bei 3Sat "Aufgegabelt in Österreich". Und auf Vox kommt jeden Tag um viertel nach sechs die Trash-Variante der Küchensendungen: "Kochduell".

Wie in einer Daily Soap

Das Kochen, so das Konzept, ist hier ein Kampf und gewinnen tut der, der für wenig Geld in wenig Zeit etwas Appetitliches auf den Tisch bringt. Die Show findet vor Publikum statt; sieht etwas sehr lecker aus, macht es laut "Mhmmm". Hier erinnert die Küche an die Ausstattung einer Daily Soap, moderiert wird das Ganze von Britta von Lojewski, die schon bei fast jedem deutschen Sender gearbeitet hat und nach Selbstauskunft bereits eine "hartnäckige Interviewerin von Mick Jagger, Michael Jackson, Prince" war. Sie schaut den Profi-Köchen, die gegeneinander antreten, in die Töpfe, im Wettstreit müssen die das, was die Kandidaten für höchstens 15 Mark eingekauft haben, zu etwas Genießbarem zusammenrühren - das ist nicht immer leicht, manchmal bringt einer Gorgonzola, Möhren, Straußenfleisch und einen Rettich mit und am Ende entscheidet eine Jury, ob das dann noch schmeckt. Diesmal bringt eine Kandidatin tiefgefrorene Himbeeren, Perlhuhnbrust, Salatgurke, Tomaten, Ricotta und Zwiebeln mit - der Koch runzelt die Stirn, die Spannung steigt. In 15 Minuten steht dann plötzlich eine Vorspeise (Crêpe mit Ricotta-Gurken-Füllung an Tomatencoulis) und eine Hauptspeise (Perlhuhnbruststreifen auf Himbeerrisotto) auf dem Tisch - das Publikum macht "Mhmmmm". Ich sitze staunend vor dem Fernseher und mache "Mhm".

Das ging so die ganze Woche - ich schaute mir jede Kochsendung an, ich merkte mir jeden Handgriff, jede Zutat, jedes noch so dumme Fachwort. Ich sah Menschen mit lustigen Mützen dabei zu, wie sie Garnelen auf Zitronenrisotto anrichteten (ARD-Buffet) oder gefüllte Tomaten mit Thunfisch kredenzten (Volle Kanne, Susanne). Ich lernte Menschen kennen wie Armin Rossmeier und Vincent Klink. Ich durchschaute Alfred Biolek, der auf alles, aber auch wirklich auf alles, Parmesan draufhaut. Und ich weiß jetzt, dass auf Zucchini immer Dill gehört, dass man auch mit den Händen rummatschen darf und dass der chilenische Wein ziemlich aufgeholt hat. Würde mir dies alles auch in der Praxis nützen?

Wo liegt was?

Samstag ging ich einkaufen - ich wollte für mich kochen, und aus allen Rezepten, die ich gesammelt hatte, entschied ich mich für die Crêpe mit Ricotta-Gurken-Füllung an Tomatencoulis und die Perlhuhnbruststreifen auf Himbeerrisotto. Mhm. Da stand ich also - in der Lebensmittelabteilung eines Kaufhauses wie ein kleiner Junge, der seine Mutter verloren hat. Wo anfangen? Vor allem: Wo liegt was? Ich ging in die Gemüseabteilung und machte mich auf die Suche nach Zwiebeln, Gurken, Tomaten, Knoblauch. In der Gemüseabteilung ist es wichtig, sofort zuzupacken, längeres Stehenbleiben wirkt auffällig, aber ich konnte mich bei der riesigen Auswahl von Fleisch- Zwerg- Undwasweißich-Tomaten nicht entscheiden und kaufte die, die am schönsten aussahen. Ähnlich ging ich beim Rest vor- das Auge isst schließlich mit. Die Perlhuhnbrust, die Eier, der Reis und die tiefgefrorenen Himbeeren stellten keine Probleme dar - dann kam der Ricotta. Oder sagt man: das Ricotta? Es ist doch ein Käse, dachte ich, also ging ich zur Käsetheke, aber es gab ungefähr sechs Schälchen, auf denen Ricotta stand - ich nahm das teuerste, für mich ist das Beste gerade gut genug.

Ja, und dann habe ich also gekocht - zum ersten Mal in meinem Leben. Und ich habe mir nicht weh getan. Aus Mehl, Milch und Eiern stellte ich einen Crêpeteig her und gab ihn vorsichtig in eine Pfanne. Dann schälte, halbierte, entkernte und würfelte ich die Gurke, verrührte sie mit dem Ricotta und strich es auf die fertigen Crêpes. Die Tomaten würfelte ich ebenfalls, um sie mit dem Knoblauch, Salz, Pfeffer und Basilikum in einer Pfanne anzubraten und dann neben den Crêpes zu servieren. Dann schnitt ich die Perlhuhnbrust in Streifen, legte sie in eine Pfanne und würzte mit Salz und Pfeffer nach. Ich würfelte die Zwiebel und gab sie mit dem Reis in einen Topf, den ich mit Weißwein auffüllte. Die Himbeeren pürierte ich und gab sie zum Risotto dazu. Das Risotto füllte ich in Suppenteller, die Perlhuhnbrust drapierte ich dazu. Es sah aus wie im Fernsehen. Wie in der Muppet-Show. Und so hat es auch geschmeckt: eher lustig.

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