Zeitung Heute : Das Ausgehen

IRGENDWIE, IRGENDWO, IRGENDWANN

Matthias Kalle

Eine Generation weiß nicht wohin – einer macht sich schon mal auf den Weg

Es gibt Dinge, die sind schlichtweg langweilig, egal, wo man ist. Dazu gehören: die Musik der Sängerin Avril Lavigne; das Lesen von so genannten Männermagazinen; Schafe hüten und ausgehen. Vor allem ausgehen. Ausgehen ist verlorene Zeit. Wie ließe sich diese Zeit spannender gestalten? Zum Beispiel, indem man Bücher von J.M. Coetzee liest oder Völkerball spielt.

Seltsamerweise hat man in der Schule, im Sportunterricht, so lange Völkerball gespielt, bis man anfing, auszugehen. Gibt es da vielleicht eine Verbindung? Bis zu dem Moment, an dem ich anfing auszugehen, einige Wochen vor meinem 15. Geburtstag, war ich ein grandioser Völkerballspieler: taktisch brillant, wurfstark und mit einer Wendigkeit versehen, die an Ballett erinnerte. Als Ausgeher war ich hingegen anfangs eine Niete – trotzdem bin ich dabei geblieben und habe das mit dem Völkerball sein gelassen. Im nachhinein muss man vielleicht sagen: eine Fehlentscheidung.

Damals gingen wir immer in die „Box“, tranken Bier, redeten, schauten uns die Mädchen auf der Tanzfläche an und fuhren irgendwann wieder nach Hause. Wir waren uns sicher, dass die Menschen an jedem Ort der Welt mehr Spaß haben würden beim Ausgehen. Der Wunsch, Minden zu verlassen, ist eigentlich der Wunsch nach der besseren Party, den längeren Nächten, den hübscheren Mädchen.

Irgendwann, nachdem ich Minden verlassen hatte, war ich dann auf den besseren Partys, erlebte längere Nächte und lernte hübschere Mädchen kennen. Und mit der Zeit erwarb ich mir im Nachtleben einen ähnlichen Ruf wie damals in der Schule beim Völkerball: Meine Aktionen wurden spielentscheidend. Doch während im Völkerball jede Spielsituation einen vor neue Herausforderungen stellt und den Verstand schult, wiederholt sich im Nachtleben alles nach sehr kurzer Zeit. In München und in Berlin, wo ich arbeitete, traf ich nur noch Medienmenschen oder welche, die einem von anderen Medienmenschen vorgestellt wurden, und die eines zum Ziel hatten: in den Medien zu arbeiten. Worüber man sich bei solchen Zusammenkünften unterhält? Über Medien, darüber, was einer wie und warum geschrieben hat, und was ein anderer demnächst machen wird – die Namen sind austauschbar. Das forderte mich bald nicht mehr, am Ende blieb ich in Berlin meistens zu Hause und stellte meine Wohnung um.

Letztes Wochenende hat mich Mutter auf eine Party gefahren – sie war ähnlich nervös wie ich, es war ja für uns beide das erste Mal seit fast zehn Jahren. Ich saß mit Landy bei jemandem im Keller, mit dem ich Abitur gemacht hatte, es gab Bier und Jägermeister, irgendwo wurde gekifft, im Hintergrund lief „Moon Safari“ von Air. Den meisten Gesprächen konnte ich nicht folgen, es ging um Menschen, die Pommes oder Baum heißen, und man redete über den nächsten Teil von „Herr der Ringe“ und auch viel von früher. Keiner fragte mich, wo ich gesteckt hätte in all den Jahren, keiner wollte wissen, warum ich zurückgekehrt bin. Ständig drückte mir jemand ein Bier in die Hand und sagte so was wie: „Ach nee, auch mal wieder da?“

Später am Abend sind Landy und ich dann noch in die „Box“ gefahren. Wir tranken Bier, redeten, schauten die Mädchen auf der Tanzfläche an und fuhren irgendwann wieder nach Hause. Nach Hause?

Matthias Kalle hat Berlin verlassen und ist zurück in seine Heimatstadt Minden gezogen. Darüber berichtet er Woche für Woche. Wer ihm schreiben möchte: Sonntag@Tagesspiegel.de

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