Zeitung Heute : Das Auslauf- model

Mit der Lust auf Luxus wurden Mannequins wie Claudia Schiffer und Naomi Campbell in den 90er Jahren zu Superstars. Heute bleiben die Schönen namenlos. Warum?

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Von Heidi Gross In den frühen 90er Jahren war die westliche Gesellschaft wild auf Schönheit, Perfektion und Glanz. Der Kalte Krieg war vorbei, es herrschte Aufbruchstimmung, man orientierte sich neu. Es wurde die Zeit der großen Mädchen, der sogenannten Supermodels: Cindy Crawford, Linda Evangelista, Naomi Campbell, Claudia Schiffer, Tatjana Patitz.

Heute, 15 Jahre später, ist der Westen eher glamoursatt. Wir reden über neue Werte, die neue Bürgerlichkeit – und jäten lieber Unkraut. Der Hunger nach Glamour ist nach Osten weitergezogen. In Belgrad habe ich kürzlich eine ähnliche Stimmung erlebt wie früher hierzulande. Italienische Modedesigner der mittleren Stufe werden wie Stars gefeiert.

Die Ära der Supermodels, das war eine historische Koinzidenz. Vorher gab es immer mal ein Mädchen, das berühmt wurde und dessen Name jeder kannte – Twiggy oder Veruschka. Plötzlich standen sieben oder zehn Mädchen gleichzeitig im Rampenlicht und arbeiteten zusammen. Ein einmaliger Vorgang. George Michael holte Linda, Cindy, Tatjana und Naomi für das Video „Freedom 90“ vor die Kamera, der Fotograf Peter Lindbergh nahm Strecken mit ihnen auf, Gianni Versace ließ sie alle über den Laufsteg gehen.

Wir dürfen dabei nicht unterschätzen, wie sehr das Umfeld ein Image beeinflusst. Ein Mädchen ist am Anfang seiner Karriere hübsch, groß, begabt. Ein exzellentes Team baut daraus ein Image: Friseure, Stylisten, Make-up-Artists und natürlich Fotografen. Nehmen Sie Peter Lindbergh. Er hat mit seinen stilisierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen viele Karrieren begründet oder gefördert. Ich erinnere mich an ein „Max“-Special, in dem alle Supermodels fast nackt, mit verschränkten Armen auf der Erde saßen. Stephanie Seymour zeigte dabei als Erste ein Tattoo – damals ein Schock in der Welt der High-Fashion-Models. Das ist ein ikonografisches Foto geworden.

Gleichzeitig hat Gianni Versace die Zweiteilung zwischen Laufsteg und Fotostrecke aufgehoben. Vor Versace waren Modenschauen reine Laufsteg-Ereignisse. Die Designer wollten Mannequins. Das ist der Ursprung des Modellings. In die Modehäuser kamen Kunden, die Mannequins führten die Entwürfe vor – und das mussten sie beherrschen. Ihr Geschäft war ihr aufregender Gang.

Mit der Entwicklung der Werbung kamen die Fotomodelle. Der Laufsteg blieb aber weiter Mädchen vorbehalten, die gut laufen konnten. Giorgio Armani arbeitet bis heute so. Er bucht fast nie bekannte Gesichter für den Laufsteg. Er war derjenige, der auf Filmstars gesetzt hat. Hollywood einzubeziehen – das ist sein Verdienst. Er war auch Anfang der 80er Jahre der erste Modeschöpfer, der Filmstars zu Schauen einlud und sie exklusiv für die Oscar-Verleihungen einkleidete.

Versace war da völlig anders. Er sagte: Ein bisschen laufen kann jede. Cindy Crawford beispielsweise geht vielleicht nicht so hervorragend auf dem Catwalk, aber das war Versace wurscht, er hat sie trotzdem gebucht. Es ging ihm um Präsenz. Er wollte berühmte, tolle Gesichter haben – und dafür hat er fünfstellige Tagesgagen gezahlt. Davor waren vierstellige Summen an der Tagesordnung. Versace hat viel für den Beruf des Models getan, weil er die Modewelt für die Öffentlichkeit interessant gemacht hat. Er hat den Kult um das Supermodel geschaffen, Popkultur mit Mode vermischt, Models und Rockstars zusammengebracht. Sein grausamer, mysteriöser Tod 1997 war ein Schock. Ob er eine neue Ernsthaftigkeit in das Geschäft gebracht hat, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Seine Schwester Donatella pflegt weiterhin eine enge Verbindung zur Popkultur.

Was sich in derselben Zeit geändert hat, ist der Reiseaufwand. Die Mädchen müssen heute um fünf Uhr morgens anfangen, weil das Licht in Miami gerade so toll ist, am nächsten Tag werden sie von New York nach Kenia geflogen, um in einem entfernten Massai-Kral eine Modestrecke aufzunehmen. Australien, Südafrika, Brasilien – das gesamte Einzugsgebiet hat sich erweitert. Vor 20 Jahren wurde weniger gereist. Die Fotografen arbeiteten im Studio, vielleicht ging man nach Lanzarote. Mitte der 80er Jahre wurde Miami als Standort entdeckt, ab Mitte der 90er Jahre nahm man dann praktisch überall auf.

Das Model-Business ist also nicht nur glamourös, es ist auch strapaziös. Wir als Agentur sind Arbeitsvermittler: Wir vermitteln Menschen, die gut aussehen. Das ist keine Arbeit, wie ein Schweißer oder Elektriker sie ausübt, aber glamourös wird das Ganze erst im Produkt, nicht im Prozess. Der Weg zum Supermodel ist jahrelange harte Arbeit. Er besteht zum größten Teil aus Reisen und Warten. Darauf, dass das Licht richtig ist, dass die Kleidung gut sitzt, und dass das Endprodukt perfekt aussieht.

Dafür bezahlten Firmen jahrelang gutes Geld – doch die Wirtschaftsflaute der vergangenen Jahre hat eine neue Kostenrechnung in Gang gesetzt. Heute geben die Kunden oft einen Fixpreis vor, der nicht verhandelbar und wesentlich geringer als die klassische Berechnung nach Arbeitstagen und Nutzungsrechten ist. Bei Weltberühmtheiten wie Claudia oder Naomi gilt das allerdings nicht, im Gegenteil: Deren Gagen sind höher geworden.

Die Modehäuser haben nach wie vor Geld für Models, geben es nur anders aus. Viele Schauspielerinnen oder Sängerinnen machen inzwischen Kampagnen für Kosmetik oder Mode. Vor zehn Jahren war das undenkbar. In den 90er Jahren erhielten wir von einem Kosmetikhersteller eine Anfrage für Uma Thurman. Keine Chance. Wenn ich heute die aktuelle Ausgabe der „Vogue“ aufschlage, sehe ich Uma Thurman für die Uhren von Tag Heuer und das Parfüm von Lancome posieren, dann Nicole Kidman für Chanel No. 5 und Penélope Cruz für ein Shampoo. Schauspielerinnen haben von den Supermodels gelernt. Sie begreifen, dass sich durch Kampagnen Aufmerksamkeit erzeugen lässt.

Früher gab Hollywood vor: Werbung wertet die Qualität herab. Heute gehört es zum normalen Geschäft. Berühmtheiten bekommen höhere Gagen. Blockieren sie den Aufstieg für junge Models? Nein. Ein schönes Gesicht setzt sich immer durch. Dass daraus kaum noch Namen werden, die jeder auf der Straße kennt, ist eine andere Sache. Vielleicht mangelt es an den Geschichten hinter den Gesichtern.

Naomi war immer für eine Geschichte gut – ihre Affären, ihr neues Auto, ein Streit mit der Haushälterin. Kate Moss hatte Liebschaften mit Johnny Depp und Pete Doherty, ihren kleinen Drogen-Skandal. So unangenehm die Paparazzi auch sein können, sie verhelfen manchmal zu einem Berühmtheitsgewinn – und dann lässt sich eine Distanz zur Masse herstellen.

Diese Form der Popularität ist im Modegeschäft seltener geworden. Die hübschen Mädchen von heute transzendieren kein Geheimnis – wie Naomi, Claudia oder Kate, die sich bewusst nicht volksnah geben und Abstand halten. Wie übrigens alle großen Models, bis auf eine Ausnahme: Heidi Klum. Sie ist auf untypische Weise sehr erfolgreich. Sie hat es geschafft, volkstümlich zu sein, von Männern begehrt und von Frauen verehrt zu werden. Ihr Körper ist hübsch, aber wie sie selber sagt, kein Körper mit Laufstegmaßen. Die Karriere verdankt sie auch ihrem Mutterwitz und Unterhaltungstalent. Keine Talkshow, in der sie nicht gern gesehen ist. Sie klemmt sich für Beckmann Fruchtgummis zwischen die Zehen, und das mit Charme und Witz.

Kate Moss ist ein ganz anderes Kaliber. Eigentlich zu klein, weil sie unter der Marke von 1,76 Metern liegt. Eigentlich mit O-Beinen gesegnet. Aber schauen Sie sich die Fotos des Mädchens über die Jahre an. Sie ist immer hübscher geworden. Das Cover auf der Jubiläumsausgabe der „Tempo“ – unglaublich schön! Ganz anders als die harten Jürgen-Teller-Bilder Mitte der 90er Jahre, wo sie wie ein Mädchen von nebenan aussieht. Heute wirkt sie unerreichbar schön, sie hat sich eine große Individualität bewahrt, ein bohemienhaftes Auftreten. Sie lebt, wie sie es möchte. Sie wirkt authentisch.

Wolfgang Joop sagt, vor zehn Jahren waren Glamour, Perfektion und Präsenz gefragt – und heute wollen die Kunden mehr Ecken und Kanten. Das ist richtig. Ich bin trotzdem davon überzeugt, dass ein wunderschönes Gesicht mit richtiger Ausstrahlung sich auch heute durchsetzt. Eine zweite Claudia Schiffer wäre möglich, aber ein Mentor wie Lagerfeld hilft natürlich. Das Umfeld muss stimmen, um ein wundervolles Geschöpf zu würdigen und durchzusetzen.

Und das Umfeld, in diesem Fall die Mode, hat sich verändert. Das Unerreichbare, Perfekte steht gerade nicht hoch im Kurs. Die Prêt-à-Porter-Schauen schielen immer mehr auf Tragbarkeit. Jean-Paul Gaultier, Alexander McQueen und Lagerfeld machen das so. Moden richten sich zunehmend nach der Straße, und im Umkehrschluss kommen die Models auch verstärkt von dort. Heute ist das Geschäft mit der Mode weniger an Glamour orientiert, sondern mehr fürs Alltägliche. Es passiert viel, aber nicht in der Intensität wie in den 90er Jahren. Vielleicht wollen wir deshalb Models, die normaler sind.

aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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