Zeitung Heute : Das Band zur Ideologie

Juliane Schäuble

US-Geheimdienste halten die jüngste Tonbandbotschaft von Osama bin Laden für echt. Darin wirft er dem Westen einen Kreuzzug gegen den Islam vor. Was bezweckt bin Laden mit dieser Botschaft?


Zunächst ist das am Wochenende vom arabischen Nachrichtensender Al Dschasira ausgestrahlte Tonband des Al-Qaida-Führers der eindeutige Beweis, dass es ihn immer noch gibt. „Freunde und Feinde sollen wissen, dass Osama bin Laden noch unter uns weilt – und zwar im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte“, sagt der Berliner Terrorexperte Berndt Georg Thamm. Eine „Ohrfeige“ für alle, die ihn seit Jahren jagen – vorneweg die Supermacht USA. Die Botschaft ist also Teil der psychologischen Kriegsführung bin Ladens.

Zuletzt hatte sich der Al-Qaida-Chef vor drei Monaten zu Wort gemeldet – für den Terrorismusforscher Kai Hirschmann ein ungewöhnlich kurzer Abstand. Seine Erklärung: „Die Organisation Al Qaida zerbröckelt langsam aber sicher, und die Ideologie verselbstständigt sich zunehmend.“ Daher sei bin Laden immer öfter gezwungen, sich zu aktuellen politischen Fragen zu äußern. „Es geht dabei um die Deutungshoheit innerhalb der Ideologie von Al Qaida.“ Darum habe sich der Terroristenführer auch zur palästinensischen Hamas-Regierung und zum Karikaturenstreit geäußert.

In der jüngsten Botschaft, vom US-Geheimdienst als authentisch eingestuft, nimmt bin Laden sein Angebot zum Waffenstillstand zurück und droht nun allen Amerikanern mit Anschlägen. Darüber hinaus nennt er Sudan als künftiges Schlachtfeld für die Auseinandersetzung mit dem Westen und ruft Muslime erstmals auf, in der sudanesischen Bürgerkriegsregion Darfur gegen Blauhelme der Vereinten Nationen zu kämpfen.

Damit knüpft bin Laden laut Thamm an etwas an, was er schon vor zehn Jahren an seine „muslimischen Brüder“ schrieb. „Wegen der überwältigenden militärischen Macht der Feinde sollten die sich nicht auf einen konventionellen Kampf einstellen.“ Erfolgversprechender sei ein internationaler Guerillakrieg – geführt auf mehreren regionalen Schauplätzen, so Thamm. „Darfur war von Anfang an einer der Schauplätze für den weltweiten heiligen Krieg“, bestätigt Hirschmann.

Warum sich bin Laden erneut via Tonband an Stelle einer Videoaufzeichnung zu Wort meldet – eine visuelle Botschaft des Terroristenchefs gab es zuletzt im September 2004 –, ist umstritten. Spekuliert wird immer wieder darüber, er sei schwer krank und könne sein Gesicht nicht mehr zeigen. Das bezweifelt Hans J. Gießmann vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik. „Durch Tonbandbotschaften kann er schwerer enttarnt werden.“ Aus einem Video könnten Experten auf seinen Aufenthaltsort schließen.

Bin Laden wird im schwer zugänglichen Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan vermutet. Obwohl für seine Ergreifung Kopfgelder in Höhe von 22 Millionen Euro ausgesetzt sind, gelingt es den USA nicht, seiner habhaft zu werden – auch wenn Washington am Montag wieder verkündete, die Al-Qaida-Führung befinde sich unter großem Druck. Falls bin Laden wirklich auf psychologische Kriegsführung setzt, hat ihm John Kerry schon einmal einen Gefallen getan: Der ehemalige amerikanische Präsidentschaftskandidat der Demokraten forderte angesichts der neuen Botschaft den Rücktritt von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

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