Zeitung Heute : Das Bauernopfer

Der Tagesspiegel

Von Silke Becker

Hinten in der Ecke muss dringend gefegt werden, und er wollte auch schon lange mit einem Besen an den Decken im Stall entlangfahren, wo sich die Spinnweben sammeln. Und an das Silo darf Norbert Rebhan gar nicht denken, da klebt eine Mischung aus Heu und Körnern auf dem Boden. So was hätte es früher nicht gegeben, als sie noch mit mehreren Generationen auf dem Hof werkelten. Da war alles so blitzblank, dass man vom Siloboden hätte essen können. Er kommt ja so schon kaum mit der Arbeit hinterher. Obwohl er fleißig ist. „Norbert, arbeite nicht so viel“, hat seine Mutter auf dem Sterbebett zu ihm gesagt.

Besonders im Stall, bei den Tieren, überfallen ihn seine schlechten Gefühle. Wenn er zwischen seinen 55 bayerisch braunen Fleckviechern steht, die ihn aus ewig hungrigen Augen anglotzen, dann fragt er sich, wofür er das alles noch tut und den Rücken krumm macht. Er weiß ja, dass er der Letzte sein wird.

Er kann nur hoffen, dass die Maschinen so lange durchhalten und nichts Ernstes kaputt geht. Den Schweinestall mag er gar nicht herzeigen, weil der ihm nicht mehr präsentabel vorkommt, und auch der Kuhstall brauchte dringend eine Generalüberholung. Aber das lohnt nicht mehr. Macht ja doch keiner weiter.

Die Kirche ist nicht im Dorf

Eine lange, verschlungene Straße führt hoch nach Brauersdorf, ein winziges Dorf ganz im Norden Bayerns, in Franken, 50 Kilometer von Hof entfernt. Wenn ein Trecker auf der Straße unterwegs ist, muss man mit dem Auto an den Rand fahren, weil es sonst zu eng würde. Noch haben sie ihr eigenes Wirtshaus, aber zur Kirche müssen sie sonntags schon in die nächste Ortschaft. Und bei der Kommunalwahl Anfang März hatten sie nicht mal mehr ein eigenes Wahllokal, denn dafür sind 70 Wahlberechtigte nötig, und so viele sind sie nicht mehr. 13 Höfe standen hier noch vor 20 Jahren rund um den Weiher. Jetzt sind es noch vier.

In Brauersdorf passiert das, was überall auf dem Land geschieht. Pro Tag geben in der Bundesrepublik 63 bäuerliche Betriebe auf, die Arbeit lohnt nicht mehr, die Alten sterben weg, und die Jungen haben keine Lust mehr. Im Landwirtschaftsamt in Kronach sagt der Milchviehberater Rudi Feulner, „dass die Höfe umkippen wie Dominosteine“. Häuser verfallen, erste Flächen werden nicht mehr bewirtschaftet, Sägewerke schließen, und deswegen ist das auch eine Geschichte über einen Abschied auf Raten.

Früher hat Rebhan davon profitiert, denn er pachtete immer wieder die Flächen der anderen Bauern dazu. Da saß er mit den alten Herren am Tisch, musste mit ansehen, wie sich ihre Augen mit Wasser füllten, wenn sie Unterschriften unter die Verträge setzten, mit denen sie ihre Felder abgaben, weil niemand in den Familien mehr weitermachen wollte. Jetzt weiß Rebhan, dass es bei ihm genauso kommen wird.

Zwei Töchter hat er, 20 und 25 Jahre alt, hübsche junge Frauen mit braunen Haaren und braunen Augen, die haben sie von der Mutter. Sie wollen den Hof nicht übernehmen. Die Jüngere hat sich gerade mit einem Reisebüro selbstständig gemacht, die Ältere hat ein BWL-Studium begonnen.

Manchmal, wenn er morgens auf seinem Hof so vor sich hin arbeitet, träumt er davon, dass eine der beiden doch noch einen jungen Mann mit nach Hause bringt, der darauf brennt, Landwirt zu werden, der auf Ferien und Feiertage verzichtet, einen Schwiegersohn eben, für den es sich lohnen würde, weiter Kraft in den Hof zu investieren. Aber meistens denkt er den anderen Gedanken, und der geht so: Wenn Bauernkinder sehen, wie viel ihre Eltern arbeiten, dann sei es doch kein Wunder, dass sie keine Lust haben weiterzumachen.

Eigentlich wären seine beiden Töchter längst in dem Alter, das Kommando auf dem Hof zu übernehmen, so wie damals bei ihm und seinem Vater und dem Großvater und all den Generationen davor. Dann wäre er jetzt der Alte, und so fühlt er sich ja auch. Norbert Rebhan ist 47 Jahre alt.

Die Töchter sind gerade in Kanada. Urlaub. Sie tun Dinge, die für ihn nie in Frage kamen. Letztes Jahr hat ihn der Arzt zur Kur geschickt, weil die Knochen schmerzten, aber da sorgte er sich schon nach wenigen Tagen, ob auf dem Hof alles gut geht. Seine Frau würde gerne mal nach Mallorca. Aber er sagt ihr immer, sie soll alleine fahren. Ihm genügen die Bilder aus den Katalogen, die seine Tochter aus dem Reisebüro mitbringt. Und wenn er dann auf dem Hügel hinter dem Hof steht, neben der Maschinenhalle, und ins Tal blickt, auf die Wälder rechts und links, dann weiß er gar nicht, warum er sich „den Steinbruch auf Mallorca“ ansehen soll. Strand interessiert ihn nicht. Seine Frau Traudl sagt: „Sie werden sicher bemerkt haben, mein Mann ist sehr heimatverbunden.“

Um Lust, wie bei den Töchtern, ging es bei Norbert Rebhan nie, er tat, was von ihm erwartet wurde. Manchmal denkt er, dass er nur „auf die Welt gekommen ist, um Landwirt zu werden“. Natürlich meinten seine Eltern es gut, sagt er, die sahen den „Bauernhof als Königreich“, da hatte man zu essen und konnte glücklich sein. Gerade nach dem Krieg, als die Nahrung knapp war, waren Bauern angesehene Leute. Das änderte sich in den 80er Jahren. Da waren auf einmal Lebensmittel im Überfluss vorhanden, es begann die Zeit der Agrarsubventionen, und das Ansehen der Bauern sank. Norbert Rebhan hat sich oft gefragt, ob er mit seinem Vater vor dessen Tod über die schlechten Zukunftsperspektiven hätte reden sollen. Warum man ihn nichts hat lernen lassen, so wie den Bruder, der Grundschullehrer geworden ist? Aber was hätte er dem alten Mann Vorwürfe machen sollen, der packte ja bis zum Schluss mit an. Mit schwarzen Händen mussten sie ihn beerdigen. Der 78-Jährige strich noch drei Tage vor seinem Tod das Silo mit schwarzer Ölfarbe.

Schmutzige Gardinen

Franken ist vom Bauernsterben besonders hart betroffen, viel Wald und magere Böden. Früher hatten sie wenigstens noch die Touristen, Berliner besonders. Die verbrachten hier ihre Urlaube, kauften und staunten über die typischen Schieferhäuser. Aber jetzt verirrt sich nur selten jemand hierher. Nein, die Wende hat ihnen keine Vorteile gebracht. Und die zusätzliche Einnahmequelle, den so genannten Ab-Hof-Verkauf können sie auch vergessen, weil es keine Großstadt in der Nähe gibt.

Es ist ja nicht so, dass es nur um die Bauern ginge. Andere Berufsgruppen erleben es auch, dass die Jungen nicht mehr weiterführen, was über Generationen aufgebaut wurde, viele Handwerker zum Beispiel. Und doch scheint das Bauernsterben schlimmer. Denn ohne Bauern wäre die Landschaft nicht, wie wir sie kennen. Sie kümmern sich um Felder und Wiesen, um das unterschiedliche Grün, um die Hecken, das offene Land, das in den Wald übergeht, wo man Rad fährt, spazieren geht und den Hund ausführt. Weil die Städter das mögen, fahren sie aufs Land und zeigen ihren Kindern, dass Kühe nicht lila sind.

Das ärgert Norbert Rebhan: dass viele gar nicht ahnen, wie die Landschaft ohne Bauern aussehen würde. „Verschandelt wär’s.“ Die Natur bringt ja nicht nur hübsche, bunte Blümchen hervor. Dann steigt Rebhan in seinen weißen Mercedes und zeigt ein bisschen was von der Gegend. Hier, der hat aufgehört und der und der, und bei dem ist es schon länger her. In einigen Orten zeigt er auf vier, fünf Häuser, dann fährt er auch dahin, wo’s besonders schlimm ist, in weit abliegende Dörfer. Manchmal wohnen alte Leute, die nicht mehr können, in den Häusern, man sieht es an den Gardinen. Früher hätten sich die Nachbarn über so viel Unordnung aufgeregt, aber jetzt sind diese Höfe ein Symbol.

Wenn Norbert Rebhan so durch die Gegend fährt, sorgt er sich um seine Rente. Die Alterskasse, in die die Bauern einzahlen, war ja immer nur als zusätzliches Taschengeld gedacht. Kost und Logis sollte durch die Kinder gesichert werden, die die Höfe weiter bewirtschaften. Aber wenn die andere Berufe haben, dann reichen auch die Renten nicht.

Ein Abschied auf Raten. Die Hühner, Gänse und Enten schafften die Rebhans schon vor längerem ab. Seit ein paar Jahren pflanzen sie keine Kartoffeln mehr. Rebhan macht jetzt kürzere Pachtverträge, teilt sich Maschinen mit Kollegen, und letzten Herbst hat er beschlossen, den Gemüsegarten aufzugeben.

Seine Frau hat sich nach der Arbeit schnell umgezogen. Sie geht 20 Stunden jede Woche in die Küche des Krankenhauses arbeiten. Auch wenn er ihre Hilfe gut gebrauchen könnte, sie soll den Job auf keinen Fall aufgeben, denn da gibt’s schließlich Gehaltserhöhungen. Die kennt ein Bauer nicht. Jetzt kniet seine Frau hinter den Kühen und wischt mit einem sauberen, warmen Lappen die Euter der Kühe ab. Plopp macht es, wenn sich der Milchschlauch festsaugt.

150000 Liter Milch haben sie pro Jahr. Die Milch wirft noch Geld ab. „Fleisch“, sagt Norbert Rebhan, „ist ja eine Lachnummer.“ Mit BSE wurde es noch schlimmer, sie hatten hier oben im Norden Bayerns ja auch einige Fälle.

Nur noch Schreibkram

Die Familie lebt längst zur Hälfte von Subventionen, obwohl sie hier lieber das Wort Ausgleichszahlungen hören. Und natürlich muss Norbert Rebhan aufpassen, dass er nicht irgendwann den Überblick verliert, bei all den Prämien, Zulagen, Diesel-Zuschüssen, Rückerstattungen, Vergütungen, zwischen Geldern, die er von der EU, aus Bayern und aus Berlin kriegt. Er geht hoch in sein Büro und bringt Ordner herunter, die aussehen, als entstamme er einer alten Beamtenfamilie, so sauber liegen die Papiere übereinander, kein Zipfel hängt da raus. „Ist ja nur noch Schreibkram heute.“ Und das macht ihn wütend. Manchmal kommen diese Prüfer auf den Hof und vergleichen die Ohrmarkennummern mit den Dokumenten im Ordner. Norbert Rebhan gibt den Prüfern nicht immer zur Begrüßung die Hand. Und seit „die Künast dran ist“, er spuckt die Worte aus, ist alles noch schlimmer geworden. Dabei hat Norbert Rebhan gar nichts gegen biologische Landwirtschaft, er versteht auch die Ängste vieler Menschen, heute Fleisch zu kaufen. Aber er hat das Gefühl, dass die Bauern von dieser Regierung alle wie Verbrecher behandelt werden.

Deshalb gefällt ihm auch, dass jetzt Edmund Stoiber seine Chance kriegt. Denn der spricht mit ihnen, redet öffentlich von „seinen Bauern“, deshalb haben sie das Gefühl, dass sie hier noch etwas wert sind und man nicht vergessen hat, was sie geleistet haben. Sie wissen, dass auch die CSU das Bauernsterben nicht aufhalten wird, aber sie werden wenigstens gut behandelt dabei.

Stunden nach dem Melken sitzt der Bauer im Esszimmer, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, und dann muss er doch noch sagen, dass er, obwohl die Töchter andere Berufe haben, sehr, sehr stolz ist, wie gut sie geraten sind. Er holt gerahmte Fotos hervor von seinen beiden, auch der Bruder hat zwei Mädchen und der Schwager hat auch nur Töchter. Nur ein ganz klein wenig wundert den Bauern, dass keines der Mädchen „fest gebunden ist“. Aber irgendwie imponiert ihm das auch. Sie verdienen ja Geld und haben feste Jobs. Und das hat’s sowieso noch nicht gegeben, dass Bauernkinder nicht fleißig wären.

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