Zeitung Heute : Das Bayern-Team

Der Tagesspiegel

An diesem Wochenende muss sich entscheiden, wen Stoiber im Falle seines Wahlsiegs mit nach Berlin bringen wird. Dann wird die Landesliste der CSU für die Bundestagswahl aufgestellt, auf der es noch eine Leerstelle gibt — freigehalten für Stoibers Wunschbegleitung. Der heißeste Kandidat ist, wie aus der Umgebung Stoibers erfahren hat, Erwin Huber, Staatsminister in der bayerischen Staatskanzlei. Stoiber möchte ihn zum Chef des Bundeskanzleramtes machen. Unter den Unionsabgeordneten in Berlin, die noch über aktive Regierungserfahrung verfügen, aber auch bei einigen Vertrauten des Kanzlerkandidaten hat dieser Plan ziemliches Entsetzen ausgelöst. Huber erfreut sich zwar großer Wertschätzung; seine Mitarbeit am Regierungsprogramm der Unionsparteien wird allgemein als ausgesprochen konstruktiv und nützlich gewertet. Doch die Überlegung, einem Landespolitiker ohne jegliche Berlin-Erfahrung die Schlüsselposition in der Regierungszentrale anzutragen, halten die erfahrenen Hasen der Union für eine Schnapsidee: Stoiber, der einstweilen noch bei jedem Auftritt auf der Berliner Bühne erkennbar ängstelt und fremdelt, mit einem Kanzleramtschef Huber, der über keinerlei Erfahrung im komplizierten Geflecht der Bundesministerien verfügt, der die geheimen Wege in der Unions-Bundestagsfraktion nicht kennt und schon gar nicht die an jeder Ecke aufgestellten Fallen des Berliner Politikbetriebs? "Mit einer solchen Konstellation würden wir das rot-grüne Chaos der Anfangszeit bei weitem in den Schatten stellen", glaubt einer, der schon länger zu der engeren Unionsführung zählt und der auch noch die beachtliche Pannenserie zu Beginn der Amtszeit Helmut Kohls — damals war Waldemar Schreckenberger Chef des Kanzleramtes — in Erinnerung hat. Diese Gefahr sieht man gleichfalls im Umfeld Stoibers, wo mancher im Falle eines Wahlsiegs lieber einen erfahrenen Bundespolitiker an Stoibers Seite sähe, der nicht erst alles lernen müsste, sondern der vom ersten Tag an voll agieren könnte. In München wie auch in Berlin ist in diesem Zusammenhang seit kurzem der Name von Hans-Peter Repnik zu hören, seit vielen Jahren parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion. Dummerweise stand Repnik in der Vergangenheit immer wieder unter Beschuss der CSU-Landesgruppe. In Frage kommt aber auch Norbert Lammert, den Angela Merkel schätzt. Er verfügt über Regierungserfahrung im Bund und führt gegenwärtig die nordrhein-westfälische Landesgruppe der CDU im Bundestag.

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