Zeitung Heute : Das Berliner Shell-Haus am Landwehrkanal ist endlich restauriert

Jürgen Tietz

Getreu dem Motto "Was lange währt, wird endlich gut", nähert sich die Restaurierung des Shell-Hauses am Landwehrkanal ihrem Ende. Derzeit werden die letzten Natursteinplatten der Fassadenverkleidung im Erdgeschoss montiert. Eine vom Werkbund veranstaltete Führung bot nun Gelegenheit, sich einen Eindruck von der Instandsetzung des Gebäudes zu machen, ehe Anfang März die Gasag einzieht. Jahrelang bot das Shell-Haus ein Bild des Jammers, war von seiner Eleganz kaum etwas zu ahnen. Über zehn Jahre zog sich eine lähmende Diskussion zwischen der Bewag als Eigentümer und dem Landesdenkmalamt hin, ehe man sich auf einen Kompromiss für die Sanierung der maroden Bausubstanz einigen konnte.

Das von dem Düsseldorfer Emil Fahrenkamp entworfene Haus gehört zu den markantesten Bauten Berlins. 1930 / 31 für die "Rhenania Ossag Mineralöl Werke A.G." errichtet, wurde es schnell zu einer Ikone der Großstadtarchitektur. Stilistisch steht es zwischen Art Déco und Moderne. In eleganten Rundungen schwingt sich seine Schaufassade entlang des Landwehrkanals voran. Dabei wächst das Geschäftshaus Geschoss um Geschoss empor, um an der Stauffenbergstraße in einem zehnstöckigen Hochhaus zu gipfeln. Lang gezogene Fensterbänder, abgerundete Ecken und Stahlfenster gehörten Ende der zwanziger Jahre ebenso zu den Insignien einer sich großstädtisch gebenden Architektur, die mit den Stilmitteln der Moderne spielte, wie die Garage für die wachsende Zahl der Automobile.

Mit dem Shell-Haus gelang Fahrenkamp, der nicht eben zu den führenden Avantgarde-Vertretern zählte, ein einzigartiger Wurf. Wesentlich konservativer präsentiert sich sein fast gleichzeitig begonnenes zweites wichtiges Berliner Gebäude für den Deutschen Versicherungskonzern am Hohenzollerndamm, das er wenig später für die "Deutsche Arbeitsfront" (DAF) erweiterte.

Undichte Fenster, bröselnde Mauern

Nach schweren Kriegsbeschädigungen und einem teilweise provisorisch anmutenden Wiederaufbau in den fünfziger Jahren, war der Zustand des Shell-Hauses aufgrund undichter Fenster und bröselnden Mauerwerks bedenklich geworden. Dass es dennoch so lange dauerte, ehe die Restaurierung des Gebäudes abgeschlossen werden konnte, lag an den lange unvereinbaren Positionen von Eigentümer und Denkmalpflege, welche sich gegen eine Veränderung der filigranen Fensterprofile und eine vor die Fassade gesetzte Wärmedämmung wehrte. Der von Fahrenkamp fein abgestimmte Gesamteindruck des einzigartigen Baudenkmals würde dadurch grundlegend verfälscht, so die Befürchtung des Denkmalschutzes.

Auch wenn die Restaurierung erhebliche Eingriffe mit sich brachte, ist es der Bewag gelungen - mit einem finanziellen Aufwand von 80 Millionen Mark -, das ursprüngliche Erscheinungsbild weitgehend zurückzugewinnen. Dafür musste das Gebäude nahezu bis auf sein stählernes Stützkorsett zurückgebaut werden. Die Geschossbrüstungen aus Mauerwerk erstanden neu. Anstelle einer im Mörtelbett verlegten Natursteinfassade verfügt das Haus heute über eine Vorhangfassade, ein Curtain Wall - eine Technik, die zu Fahrenkamps Zeiten noch keine Anwendung fand. Die vielfach beschädigten, hellen Travertinplatten der Fassade konnten nicht wiederverwendet werden. Stattdessen wurden neue Platten - aus demselben Steinbruch in Tivoli wie schon 1931 - angebracht. Die vier Millimeter breiten offenen Fugen, die dem Betrachter kaum auffallen, sorgen für die notwendige Hinterlüftung der Fassade. Die Wärmedämmung wurde in das Gebäudeinnere verlagert, so dass die äußeren Abmessungen des Hauses erhalten blieben, während die Wände im Inneren heute vier Zentimeter dicker sind als zu Fahrenkamps Zeiten.

Neues Glas über alten Trägern

Zu den Besonderheiten des Shell-Hauses gehören seine asymmetrisch geteilten Kastenfenster. Im Bereich der abgerundeten Fensterscheiben, die den dynamischen Schwung der Fassade aufnahmen, waren die Fenster allerdings nur einfach ausgeführt. Die äußerst anfälligen alten Stahlfenster wurden bei der Sanierung bis auf drei historische Belegexemplare durch Nachbauten nach altem Vorbild ersetzt. Sie bestehen außen aus widerstandsfähigerer Bronze, während sie innen aus Kostengründen lediglich in Aluminium ausgeführt wurden. Trotz dieses Materialwechsels von Stahl zu Bronze ist es gelungen, die ursprüngliche optische Wirkung der Fassade zu erhalten.

Die kantigen Fensterbeschläge fanden immerhin zu siebzig Prozent wieder Verwendung, die fehlenden wurden nachgebaut. Von den Stahltüren mit wellenförmiger Oberfläche, die früher zu den Büros führten, haben etwa hundert Krieg und Nachkriegszeit überdauert und wurden nun an den Toiletten wieder eingebaut. Das obere Geschoss der ehemals doppelgeschossigen Garage dient zukünftig als Betriebsrestaurant. Seine mächtigen alten Stahlträger werden heute von einem neuen Glasdach überwölbt. Ebenso wie die Treppenhäuser geben auch die Flure mit den Oberlichtern zu den Büros einen Eindruck vom ursprünglichen Charakter des Hauses, auch wenn die Bürogrundrisse teilweise verändert wurden.

In den sechziger Jahren errichtete Paul Baumgarten an der Rückseite einen höchst eleganten, mehrfach gestaffelten Erweiterungsbau für die Bewag. Ohne Fahrenkamps Formensprache zu imitieren, verstand er es, sie in eine zeitgemäße Architektur zu übersetzen. Während Fahrenkamps Shell-Haus gerettet wurde, steht die Zukunft der angrenzenden Gebäude Baumgartens nach dem Auszug der Bewag in den Sternen. Hier scheint der nächste Problemfall auf die Berliner Denkmalpflege zuzukommen.

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