Zeitung Heute : Das beschäftigt

Vollbeschäftigung in Deutschland ist möglich, glauben zumindest Politiker. Ist das Vision oder Wirklichkeit?

Carsten Brönstrup

Politiker sind meist vernunftgesteuerte Menschen, doch manchmal verlieren sie sich in Träumereien. „Ja, Vollbeschäftigung ist möglich“, sagte Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) am Dienstag. Schon „im nächsten Jahrzehnt“ sei es so weit, glaubt Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU). Gleich ein „Jahrhundert der Vollbeschäftigung“ prophezeit Hessens geschäftsführender Ministerpräsident Roland Koch (CDU).

Der Stoff, aus dem diese Träume sind, kommt aus Nürnberg. Dort verkündet die Bundesagentur für Arbeit seit Monaten neue Tiefstände bei der Arbeitslosigkeit. Nur noch 3,5 Millionen Menschen suchen zurzeit eine Stelle, 1,7 Millionen weniger als während der großen Misere auf dem Jobmarkt Anfang 2005. Über Jahrzehnte gab es bei der Zahl der Stellensuchenden nur eine Richtung: nach oben. Doch nun liegt die Arbeitslosenquote bei 8,4 Prozent, entstehen täglich etwa 1600 neue Stellen – obwohl der Aufschwung ins Stottern gekommen ist. „Es ist gut, dass die Politik die Vollbeschäftigung wieder in den Blick genommen hat“, sagt Dierk Hirschel, der Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). „Nur redet leider niemand über die Instrumente, mit denen das zu schaffen ist.“

Vollbeschäftigung, das klingt nach vollen Kassen, einem auskömmlichen Leben und steigenden Löhnen. Doch sie ist eine schwammige Größe – manche Ökonomen sehen das Ziel bereits bei fünf Prozent Arbeitslosigkeit erreicht, andere erst bei drei Prozent oder weniger. So niedrig war die Quote der Beschäftigungslosen in der Bundesrepublik zuletzt 1974.

Einige Wirtschaftsforscher und Philosophen halten Vollbeschäftigung ohnehin für unmöglich. Für Karl Marx zum Beispiel war die Marktwirtschaft ohne Arbeitslose gar nicht denkbar. Die Kapitalisten bräuchten die „industrielle Reservearmee“, um Druck auf die Beschäftigten ausüben zu können, schrieb er. Und USZukunftsforscher Jeremy Rifkin glaubt, dass der rasante technische Fortschritt das Ende der Beschäftigung einläutet. Er schließt daraus: „Langfristig wird die Arbeit verschwinden.“

Trotzdem ist Vollbeschäftigung hierzulande keine Utopie – schon heute ist sie für gut 100 Städte und Kreise, fast alle im Süden Deutschlands, Realität. Von allein aber wird sich Vollbeschäftigung in ganz Deutschland kaum einstellen. So sind die strukturschwachen Regionen im Osten des Landes meilenweit von diesem Ziel entfernt. „Das Trendwachstum in den nächsten Jahren wird bei etwa 1,5 Prozent liegen“, sagt Roland Döhrn, Konjunkturchef beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). „Das ist zu wenig, damit Arbeitsplätze für alle entstehen.“

Weil der Markt allein es nicht schafft, muss der Staat nachhelfen, fordert daher DGB-Mann Dierk Hirschel. „Um Vollbeschäftigung zu erreichen, brauchen wir einen deutlichen Kurswechsel.“ So müsse der Staat mittelfristig deutlich mehr Geld für Bildung, Forschung, Gesundheit und Pflege ausgeben, „etwa 50 Milliarden Euro mehr, pro Jahr“. Die europäischen Länder mit einem höheren Beschäftigungsstand als die Bundesrepublik gingen diesen Weg schließlich auch, sagt Hirschel. Und in den neuen Ländern würden sich ohnehin keine dem Westen vergleichbare Wachstumspole bilden. „Hier muss der Staat nachhelfen, mit Forschungszentren, Verwaltungen oder einem öffentlichen Krankenhaus.“ Das dafür nötige Geld will Hirschel durch höhere Steuern auf Erbschaften, Vermögen und Spitzeneinkommen sowie durch eine strengere Steuerfahndung hereinholen.

RWI-Forscher Döhrn teilt die Meinung des DGB-Mannes – zumindest was zusätzliches Geld für Bildung und Forschung angeht: „Innovationen, ein flexiblerer Arbeitsmarkt, Steuersenkungen – alles, was das durchschnittliche Wachstum erhöht, bringt uns dem Ziel der Vollbeschäftigung näher.“ Wie lange es braucht, damit es in diesem Land Vollbeschäftigung gibt, darauf will Döhrn sich nicht festlegen: „Zurzeit ist vieles im Fluss, wenn etwa in- folge der neuen Familienpolitik mehr Frauen arbeiten wollen, werden wir das Ziel erst später erreichen.“

Auf einen kräftigen Aufschwung, der Tausende Jobs schafft, wollen viele Experten nicht setzen – wenn Vollbeschäftigung, dann bitteschön auch auf Dauer. „Das muss ein nachhaltiger Zustand sein“, sagt Joachim Möller. Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Eine kurzfristige Überhitzung des Arbeitsmarktes in einer Phase der Hochkonjunktur wäre das sicher nicht.“

Der Vollbeschäftigung kommt Deutschland nicht nur durch Reformen näher. Auch die rapide Alterung der Gesellschaft werde den Stellenmarkt grundlegend umkrempeln, erwartet Möller. Schon jetzt werden die Lehrlinge knapp. „Etwa 2010 ist der Zenit des Arbeitskräfteangebots erreicht, danach geht das Potenzial zurück. Es scheiden mehr Ältere aus dem Arbeitsmarkt aus, als Jüngere nachrücken“, sagt Möller. Zugleich werde die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften noch steigen. Die Folge: „Rein rechnerisch wird sich bis 2020 die Arbeitslosigkeit halbieren.“ Der Politik fällt der Erfolg quasi in den Schoß, weil es reichlich Arbeit gibt, aber nicht mehr genügend Arbeitskräfte.

Ein Erfolg? Irrtum, sagt Möller. Vollbeschäftigung werde auch dann keinesfalls zum Selbstläufer werden. Nur die qualifizierten Arbeitskräfte würden rar, die Ingenieure, Techniker, IT-Experten. Es müsse also sehr viel mehr Geld in die Bildung fließen, „sonst bekommen wir einen Fachkräftemangel bei anhaltend hoher Arbeitslosigkeit“. Dann bleibe die Vollbeschäftigung das, was sie heute ist – ein Traum der Politiker.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar