Zeitung Heute : „Das Beste wäre, wenn es Fischer gelänge, ehrlich zu sein“

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Bundesaußen minister Joschka Fischer sagt am heutigen Montag vor dem Untersuchungsausschuss aus. Wie viel Psychologie wird bei seiner Vernehmung im Spiel sein, Herr Maaz?

Generell ist die Situation durch zwei Aspekte geprägt: Da ist zum einen die ganz persönliche narzisstische Frage, die bei jedem Menschen eine Rolle spielt, aber bei so einer Persönlichkeit wie Fischer in besonderem Maße. Also: Welchen Eindruck vermittle ich, wie komme ich an? Wir bezeichnen das als narzisstischen Selbstwert. Hinzu kommt der ganz sachliche Aspekt: Gab es in der Vergangenheit Versagen, irgendwelche Fehler? Das gesteht niemand wirklich gern ein, und in solch einer Position schon gar nicht. Das Problem ist, dass die ganz realen Fragen immer in Konkurrenz zu der narzisstischen Thematik stehen: Wie viel darf ich zugeben, ohne dass ich Schaden nehme an meinem Selbstwert.

Ist bei einer schillernden Person wie Joschka Fischer auf Seiten der Vernehmenden besonderer Ehrgeiz im Spiel?

Es wird kompliziert dadurch, dass meiner Meinung nach hinter dieser ganzen Diskussion um die Visa-Affäre ein viel tiefer reichender politischer Kampf stattfindet. Es ist eine Art Versuch der letztmaligen Abrechnung mit den 68ern. Dadurch bekommt die Vernehmung eine besondere Brisanz. Und das ist eine weitere psychologische Besonderheit: Es wird um eine Sache gestritten, nämlich um die Visa-Erteilungen, aber dahinter schmort einerseits diese persönliche narzisstische Problematik und andererseits eine tief gehende politische Auseinandersetzung. Das macht das Ganze so heiß.

Wird Fischer unter dem Eindruck dieser großen öffentlichen Wahrnehmung zu rhetorischer und darstellerischer Höchstform auflaufen?

Das kann ich mir vorstellen. Denn er versucht, seinen Narzissmus zu verteidigen. Es wird dann tatsächlich einen rhetorischen Kampf geben mit der Absicht, ihn zu schwächen. Die Gegenseite wird versuchen, ihn so zu schwächen, dass er auch mal ausfällig wird, dass er seine Contenance verliert – was bei ihm ja auch zu vermuten ist. Dann ist man nicht mehr sachlich, sondern wird emotional – was wir uns in der Psychotherapie natürlich wünschen, weil es dann ehrlicher wird. Aber in der Öffentlichkeit trübt es meist das Ansehen des Betroffenen, wenn er sich nicht beherrschen kann, wie es dann heißt.

Also gehörte eigentlich ein Psychotherapeut in diese Runde, damit Ehrlichkeit erreicht wird?

Ja, auch im Sinne einer Supervision: um das, was zwischen den handelnden Mächten unsauber, hinterhältig oder intrigant läuft, aufzudecken oder es von vornherein zu vermeiden. Damit das ganze Geschehen eine menschliche Angelegenheit bleibt.

…und um den emotionalen vom sachlichenGehalt zu trennen.

Ja. Denn es besteht die Gefahr, dass ein Sachthema benutzt wird, um einen Menschen oder eine politische Haltung zu diskreditieren. Das sollte möglichst nicht passieren und aufgedeckt werden.

Zur psychologischen Wirkung beim Publikum: Will es lieber einen kleinlauten, einsichtigen oder eher einen angriffslustigen Außenminister?

Das wird sich teilen. Das Beste wäre natürlich, wenn es Joschka Fischer gelänge, ehrlich zu sein. Das wirkt psychologisch am meisten.

Und das würde man erkennen?

Ja. Weil jede ehrliche Äußerung und jedes ehrliche Gefühl ansteckt, wie wir sagen. Wenn einer hysterisch überzieht oder losbrüllt, aber es nicht stimmt, weil es nur ein Abwehrverhalten ist, wirkt das unangenehm. Aber wenn es wirklich dem seelischen Zustand desjenigen entspricht, dann ist das sehr beeindruckend. Es steckt an und schafft Respekt.

Dr. Hans-Joachim Maaz ist Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik im Diakoniekrankenhaus Halle an der Saale.

Das Gespräch führte Matthias Schlegel.

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