Zeitung Heute : Das Beste zum Schluss

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Von Thomas Seibert,

Istanbul

Einen Luftsprung vor Freude soll er gemacht haben, als er am Dienstag den Anruf bekam. Er darf die Türkei in Richtung München verlassen, das hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden. Es war der glücklichste Moment des Serienstraftäters während seiner Zeit im Land der Eltern. Seine, „Mehmets“ Abschiebung aus Deutschland vor dreieinhalb Jahren war rechtswidrig. Auch wenn er über 60 Straftaten verübt hatte. Die Behörden in seiner Heimatstadt München müssen ihm jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung erteilen.

Bis zum Wochenende dürfte „Mehmet“, der in Wirklichkeit Muhlis Ari heißt, wieder im Besitz eines Visums für Deutschland sein. „,Mehmet’ gibt’s nicht mehr. Jetzt gibt es nur noch Muhlis“, sagte er am Mittwoch einem Reporter des Fernsehsenders Sat1 in der Türkei. Und zugenommen hat er auch.

Am Tag vor dem Anruf, am Montagmorgen, war Ari bereits am Istanbuler Flughafen, er wollte nach Berlin zur Verhandlung. Im weißen Hemd und mit einem Kurzhaarschnitt diskutierte der mittlerweile Volljährige mit den Beamten, vergeblich. Sein türkischer Pass war abgelaufen und sie ließen ihn nicht ausreisen.

Vor dreieinhalb Jahren hatte er schon einmal mit der Flughafenpolizei zu tun. Den Kopf gesenkt und den Blick schüchtern nach vorn, die langen Locken wippten, und ein halbes Dutzend türkischer Beamter umringte ihn. So hat es ausgesehen, als der damals 14-jährige Muhlis Ari im November 1998 nach seiner Abschiebung in Istanbul ankam.

Zwischen den beiden Begegnungen mit den Flughafenpolizisten liegen die Jahre, die Ari in der Türkei verbracht hat. Er hat sich mit dem von ihm ungeliebten Land, das er bis zu seinem Zwangsaufenthalt nur von Urlaubsreisen kannte, nicht anfreunden können. „Wie Afrika“, sagte er einmal, komme ihm die Türkei vor, mit den Menschen und ihrer Mentalität könne er nichts anfangen.

Der Höhepunkt seines Türkei-Aufenthalts ist also dessen Ende, und auch ganz am Anfang hatte es gut ausgesehen für ihn. Er war zum Fernsehen gegangen.

Dem türkischen Musikvideo-Sender „Kral TV“ war der Rummel um den abgeschobenen Teenager aus Deutschland nicht entgangen; „Kral“ engagierte ihn als Ansager in einer Nachmittagsshow. Doch vor der Kamera war Ari nicht zu gebrauchen. Er stammelte vor sich hin, hatte offensichtlich keine Ahnung von der Musik, die er präsentieren sollte, und wirkte mit seiner neuen Pferdeschwanzfrisur schlicht und einfach ölig. Und dann, im Januar 1999, sollen Sicherheitskameras im Gebäude des Fernsehsenders festgehalten haben, wie sich „Mehmet“ einen teuren Laptop unter die Jacke schob; die Umrisse des Computers seien auf der Jacke deutlich zu sehen gewesen. Er wurde wieder festgenommen. Ihm wurde vorgeworfen, in der Türkei so weiterzumachen, wie er in Deutschland aufgehört hatte: als „Verbrechensmaschine“, wie eine türkische Zeitung damals schrieb. Zu Unrecht wohl, ein Istanbuler Jugendrichter sprach ihn frei, aber „Mehmets“ Tage als Medienstar waren vorbei.

Wenig später flog er nach einem Streit um Telefonrechnungen aus der Wohnung, die er sich mit einem Freund geteilt hatte. Und seine deutsche Freundin machte Schluss mit ihm. Auch die türkischen Zeitungen, die ihn kurz nach seiner Ankunft zum „sympathischsten Menschen von Istanbul“ ausgerufen hatten, interessierten sich nicht mehr für ihn. Muhlis Ari war nun ein Niemand.

In den Jahren danach hat er sich mit Überweisungen seiner in Deutschland gebliebenen Eltern und mit Jobs in einer Schildermacherei und einer Bar bei Istanbul durchgeschlagen, ohne jemals mit seinen türkischen Verwandten oder anderen Landsleuten warm geworden zu sein. Er war jetzt allein. Und doch fiel es „Mehmet“ schwer, von seiner Zeit als öffentliche Person Abschied zu nehmen: Wer ihn anrief, um von ihm zu erfahren, wie es ihm gehe und was er mache, der konnte das merken. Für Interviews wollte er auch lange nach seinem Absturz bei „Kral TV“ und dem Beginn seines zurückgezogenen Lebens Geld sehen. Noch im vergangenen Jahr legte er den Telefonhörer auf, wenn er erfuhr, dass er kein Honorar erhalten werde: „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag", sagte er dann.

Solche Allüren erinnerten an den „Mehmet“ von früher, an den Bengel, der seine Abschiebung und die Aufregung um seine Person als Riesenspaß und gute Gelegenheit zum Geldverdienen verstand. Inzwischen ist aus „Mehmet“ ein junger Mann geworden, der von sich selbst sagt, er sei damals ein „Depp“ gewesen. Er habe sich verändert, beteuert er. Auch Aris türkischer Anwalt, Özkan Arican, legt Wert darauf, dass sich sein Mandant in der Türkei nichts zuschulden kommen ließ. Muhlis Ari habe „sehr ruhig“ gelebt und nicht gegen Gesetze verstoßen, sagt Arican. In München will er nun seinen Hauptschulabschluss nachmachen. „Ich will eine Ausbildung, ein neues Leben, eine Zukunft“, sagt er.

Muhlis Ari kann ein ruhiges Gewissen haben, wenn er irgendwann in den nächsten Tagen wieder den Beamten am Istanbuler Flughafen begegnet. Er wird den Blick nicht senken müssen und auch nicht mit den Polizisten diskutieren – die Papiere werden in Ordnung sein. So viel kann man sagen.

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