Zeitung Heute : „Das Bewusstsein für Schuld ist nicht da“

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Die Situation würde zwiespältig bleiben. Es würde auch nach Mladics möglicher Festnahme eine Art Bewusstsein für Verantwortung oder für Schuld fehlen. Das ist in Serbien nicht anders, als es in Deutschland nach 1945 war. Dieses Bewusstsein ist einfach nicht da. Man kann sehr gut verfolgen, wie die jeweiligen Reaktionen sind, wenn vor dem Haager Tribunal jemand freigesprochen wird: Dann triumphiert die jeweilige ethnische Seite – auch wenn der Freispruch nur aus Mangel an Beweisen zustande kam. Und wenn jemand aus den Reihen der eigenen Nation verurteilt wird, dann wird das als Verschwörung der Welt gegen die betreffende Nation betrachtet. Das sind die typischen Reaktionen, die immer wieder zu beobachten sind und die sich wiederholen. Deshalb dürfte es nach einer Festnahme Mladics zunächst einmal in der serbischen Bevölkerung zu neuen Verschwörungstheorien kommen.

Wie ist es eigentlich zu erklären, dass Mladic so lange Zeit untertauchen konnte?

Man kann wohl davon ausgehen, dass er nach wie vor sehr viele Unterstützer innerhalb Serbiens hat, vor allem in den Kreisen ehemaliger Militärangehöriger und Paramilitärs, aber auch bei Politikern. Und immer wieder wurde ja die Frage aufgeworfen, ob die internationale Gemeinschaft überhaupt genug getan hat, um eine Verhaftung zu erreichen.

Könnte die serbische Regierung unter den Druck von Nationalisten geraten, wenn sie für eine Verhaftung Mladics sorgt?

Ja, die Regierung in Belgrad dürfte dann unter Druck geraten. Sie dürfte in der Öffentlichkeit als Handlanger des Westens dargestellt werden. Das würde für sie eine schwierige Situation in der öffentlichen Meinung schaffen. Auf der anderen Seite – und das zeigt eben auch gerade das Beispiel Deutschland – ist es wichtig, dass die Vorkommnisse im Krieg aufgeklärt werden und dass es ein Gericht gibt, das diesen Fragen nachgeht. Nur so kann geklärt werden, was juristisch beweisbar ist und was nicht. Diese Aufarbeitung kann meines Erachtens auch nicht vor einem inländischen Gericht erfolgen, das kann eigentlich nur ein ausländisches Gericht tun. Es werden Materialien zur Verfügung gestellt und Informationen weltweit öffentlich gemacht, die sonst erst nach Jahrzehnten zur allgemeinen Kenntnis kämen.

Würde eine Festnahme Mladics es für die ethnischen Gruppen im ehemaligen Jugoslawien einfacher machen, aufeinander zuzugehen?

Nachdem sich bereits der kroatische General Gotovina vor dem Haager Tribunal verantworten muss, wäre es gut, wenn jetzt auch Mladic als wichtigste serbische militärische Persönlichkeit festgenommen würde. Das würde die Möglichkeiten, die Gespräche zu intensivieren, erhöhen. Allerdings hatte es ja auch in Kroatien enorme Aufregungen gegeben, als Gotovina nach Den Haag überstellt wurde. In vielen Teilen Kroatiens wird er nach wie vor als großer Held verehrt und für Mladic gilt das Gleiche in Serbien. Außerdem halten bis jetzt alle Parteien an der Vorstellung fest, dass von ihnen lediglich ein Verteidigungskrieg geführt wurde.

Könnte es zu einer Annäherung zwischen Serbien und der EU kommen?

Bei den Gesprächen mit der EU geht es ja nicht um einen Prozess, der nur von Mladic oder der Auslieferung des immer noch flüchtigen Radovan Karadzic abhängig ist. Eine wichtige Rolle werden die jetzt laufenden Gespräche über den künftigen Status des Kosovos spielen und die Frage, ob es gelingt, die übrigen Probleme in Serbien, wie Kriminalität und Schwarzmarkt, in den Griff zu bekommen. Auf längere Sicht aber gibt es für beide Seiten keine Alternative. Wenn im Zuge der EU-Erweiterung Bulgarien und Rumänien in die Union kommen, wird der Westbalkan isoliert sein. Das ist für Serbien eine eigentlich unerträgliche Situation. Aber auch die Europäische Union hat keine andere Wahl, als auf die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens zuzugehen.

Holm Sundhaussen ist Professor für südosteuropäische Geschichte am Osteuropa-Institut Berlin.

Das Gespräch führte Fabian Leber.

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