Zeitung Heute : "Das Bild vom edlen Menschen ist realitätsfern"

Wozu Lebenswissenschaften? Der Biologe Peter Hammerstein und der Philosoph Dominik Perler im Gespräch

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Herr Hammerstein, Sie haben über die Evolution von Kooperation geforscht und dazu Modelle aus der Spieltheorie, also aus den Wirtschaftswissenschaften, herangezogen. Warum war es sinnvoll, den klassischen Rahmen der Biologie zu verlassen?

HAMMERSTEIN: Die Evolutionsbiologie fußt seit Darwin auf einem Denkmodell, in dem sich die Konkurrenz der Lebewesen um Überleben und Fortpflanzung widerspiegelt. Konkurrenz ist allerdings ein Thema, mit dem Ökonomen besser vertraut sind als Biologen. Diese Einschätzung hat unser Interesse an einem interdisziplinären Dialog schon vor langer Zeit geweckt. Heute untersuchen wir gemeinsam mit Ökonomen die Frage, wie Kooperation, Altruismus und Reziprozität (Wechselseitigkeit) dem Zerreißdruck des Wettbewerbs standhalten können. Ich komme gerade von einer internationalen Tagung zurück, auf der Biologen und Ökonomen über solche Modelle diskutiert haben.

In welchen weiteren Themenfeldern könnten sich Biologie und Sozialwissenschaften ergänzen oder befruchten?

HAMMERSTEIN: Für besonders aussichtsreich halte ich Forschungsgebiete, in denen thematisiert wird, wie Natur und Kultur ineinander greifen. So ist Scham eine Emotion, die ausgelöst wird, wenn wir kulturelle Normen verletzen und dabei ertappt werden. Starke Scham ist eine Empfindung, die mit Schmerz bei Berührung einer heißen Herdplatte vergleichbar ist. Beides sind physiologische Reaktionen, deren auslösende Reize aber kulturell definiert sind. Was Scham betrifft, macht es keinen Sinn, Natur und Kultur gegeneinander auszuspielen. Das gilt in gleicher Weise für Forschungsthemen wie Aggression, Sexualität, Geschlechter oder die Beziehung von Eltern und Kindern.

Herr Perler, Biologen sprechen vom Verhalten der Tiere, Sie vom Geist, warum?

PERLER: Wenn wir in der Philosophie vom Geist der Tiere sprechen, dann nicht im Sinne einer Behauptung, sondern einer Frage. Was sind die Kriterien, die wir anwenden müssen, um Tieren Geist zuzusprechen oder abzusprechen? Wenn man sich das Verhalten der Tiere anschaut, sieht man, dass es kognitive Bezugnahme gibt, Planen, Herstellen von Werkzeugen, soziale Kooperation. All das setzt mentale Fähigkeiten voraus. Es gibt geistige Fähigkeiten auf verschiedenen Stufen. Wir sollten das Bild verabschieden, dass es Geist entweder auf dem Niveau des Menschen gibt oder gar nicht. Man ist bereits vor dreißig Jahren davon abgekommen, Tiere nur als Reiz-Reaktions-Maschinen zu sehen. Wenn es kognitive Verarbeitung gibt, dann müssen wir erklären, wie sich die Mechanismen dafür entwickelt haben. Dabei geht es nicht um den Streit Gene versus Umwelt, sondern um Zusammenschlüsse von angelegten Fähigkeiten und sozialen Prozessen.

Halten Sie es für sinnvoll, dass Philosophen mehr als bisher Ergebnisse der Wissenschaften in Zusammenhänge einordnen und auslegen?

PERLER: In der Tat, aber immer in enger Zusammenarbeit mit den empirischen Wissenschaften. Ich denke, es wäre ein überrissener Anspruch, Philosophie als übergeordnete Wissenschaft oder Leitdisziplin zu sehen. Die erste Aufgabe der Philosophen ist Begriffsklärung. Was verstehen wir unter Funktion, einem wichtigen Begriff in der Biologie? Worin besteht die Identität eines Lebewesens, das sich entwickelt und verändert? Was ist ein Organismus? Philosophen können Grundbegriffe klären und Begriffsnetze aufspannen. Zweitens geht es um die verschiedenen Erklärungsebenen, etwa der molekularbiologischen und der mentalen, und um die Frage nach dem Verhältnis dieser Ebenen. Drittens muss die ethische Dimension in den Blick genommen werden. Wenn Lebewesen kognitiv sind, wenn sie planen können, sozial kooperieren und Emotionen haben: Welche Rechte müssen wir ihnen zugestehen? Wie sollen wir angemessen mit Tieren umgehen?

Ein Lehrbuch beschreibt als Ziel der kognitiven Neurowissenschaft, „mit zellbiologischen Begriffen alle klassischen philosophischen und psychologischen Fragen zu den geistigen Funktionen zu untersuchen.“ Streben die Lebenswissenschaften danach, ihr Erklärungsterritorium auszuweiten?

PERLER: Das Grundproblem ist hier ein reduktionistischer Ansatz. Man glaubt, mit zellbiologischen Begriffen alles erklären zu können. Wenn man Leben in den Blick nimmt, muss man jedoch verschiedene Ebenen unterscheiden und verschiedene Erklärungsmodelle entwickeln. Wenn wir mit einem Lebewesen kommunizieren wollen, bringt es nicht viel, auf der zellbiologischen Ebene anzusetzen. Stattdessen muss ich etwas von Absichten, Wünschen oder Plänen verstehen.

HAMMERSTEIN: Ein Beispiel aus der Musiktheorie: Dort gibt es die spannende Frage, ob Dissonanzen kulturelle oder biologische Phänomene sind. Biologische Experimente haben gezeigt, dass dissonante Akkorde bei zwei Tage alten Babys Abwendungsreaktionen hervorrufen. Nun hat Johann Sebastian Bach oft dissonante Akkorde benutzt, um Spannung zu erzeugen und sie dann harmonisch aufzulösen. Er bediente sich damit sicher der biologischen Klaviatur und der natürlichen Empfindung. Dass Bach aber dieses Stilmittel einsetzte, lag an der Kultur und am religiösen Umfeld, in der die Erlösung von den Dissonanzen des Lebens ein zentrales Thema war. Wie könnte man so etwas neurobiologisch erklären?

Gegenwärtig herrscht in der öffentlichen Wahrnehmung ein biologisches Bild vom Menschen vor. Kulturelle Bilder vom Menschen verblassen. Selbst der Biologe Hubert Markl betont aber, dass „Mensch“ ein kulturbezogener Zuschreibungsbegriff sei und keine rein biologische Tatsache. Wie können Lebenswissenschaften dazu beitragen, das Zerrbild zu korrigieren?

HAMMERSTEIN: Ich sehe es nicht als ein Zerrbild, denn die Natur des Menschen macht ihn sicherlich nicht zu einem unbeschriebenen Blatt, auf das die Kultur mühelos schreiben kann. Wir haben doch gerade aus der schöngeistigen Literatur gelernt, dass Menschen sich häufig nicht so verhalten, wie die Kultur es möchte, und ihren biologischen Neigungen folgen. Allerdings gibt es kulturelle Bilder, die auf maßlos idealisierten Vorstellungen basieren. Das Musterbeispiel ist Rousseaus Bild von der edlen Natur – eine realitätsferne Fiktion.

PERLER: Es geht sicher nicht darum, dass wir kulturelle Bilder biologischen gegenüber setzen. Man muss eher fragen: Wie schaffen wir ein Gesamtbild, das den Menschen sowohl als biologisches als auch als kulturelles und soziales Wesen versteht? Dazu gehört auch, die Entwicklung der Kultur auf biologische Grundlagen hin zu untersuchen. Sie haben das Beispiel Emotionen erwähnt. Emotionen sind kulturell geprägt, haben aber zweifellos eine biologische Basis. Die Frage ist, wie man Natur und Kultur in einer angemessen Erklärung verbindet.

HAMMERSTEIN: Wir werfen beispielsweise einen Blick in die Trivialliteratur, um herauszufinden, von welchen Kriterien sich das menschliche Paarungsverhalten leiten lässt. Das tun wir deshalb, weil die Autoren zum Teil besser als Biologen wissen, wie die Menschen hier fühlen und denken. Es gibt im Übrigen ein schönes Beispiel für die Koevolution von Genen und Kultur: Die genetisch bedingte Fähigkeit, im erwachsenen Alter Milch zu verdauen, ist besonders dort anzutreffen, wo seit langem Milch produzierende Tiere gehalten wurden.

Die Biologie hat viele Lebensvorgänge mit Molekülen und molekularen Reaktionen erklärt. Aber schon eine Zelle ist viel mehr als die Summe ihrer Moleküle. Wie können Lebenswissenschaften dem Reduktionismus entgehen?

HAMMERSTEIN: Naturwissenschaftler wollen Reduktion nicht einfach abschaffen. Sie haben ja außerordentlich wichtige Einsichten durch Reduktion gewonnen, das gilt für die moderne Biologie ebenso wie für die Physik. Es gibt daher nicht die Tendenz, Reduktion über Bord zu werfen. Fatal wäre jedoch zu glauben, dass nur mit Reduktion Erkenntnisgewinn möglich wäre. Man muss auf der jeweiligen Ebene seine Theorie ansiedeln. Im Übrigen können auch Physiker makroskopische Phänomene nicht vollständig auf mikroskopischer Basis erklären. Warum sollten wir Biologen das können müssen?

PERLER: Es gibt hier zwei Probleme. Auf der einen Seite die Reduktionismusgefahr, der wir entgehen wollen, auf der anderen Seite die Gefahr, dass man nur noch von disparaten Bereichen oder Ebenen spricht. Das will man ja auch nicht. Die große Herausforderung ist, zu erklären, wie eine höhere Ebene auf einer bestimmten niedrigeren möglich ist. Ein Beispiel aus der Philosophie des Geistes: Es gab lange Zeit ein funktionalistisches Modell. Der Geist wurde mit einem Computerprogramm verglichen, das gleichsam installiert werde und dann laufe. Dabei wurde die Bedeutung der Hardware ausgeblendet. Man sagte, das Programm könne ebenso in einem Chip wie in einem Gehirn laufen. Dann zeigte sich, dass es so einfach nicht ist. Es braucht bestimmte materielle Grundlagen mit bestimmten Strukturen, damit die höheren kognitiven Ebenen überhaupt entstehen können. Genau dieses Verhältnis muss man in den Blick nehmen.

HAMMERSTEIN: Ich möchte hier eine ketzerische Bemerkung machen. Bei biologischer Informationsverarbeitung denkt man an Nervensysteme und Gehirne. Informationsverarbeitung findet aber auf allen Ebenen des Organismus statt, auch in der Zelle. Sogar Einzeller gehen angepasst mit ihrer Umwelt um.

Das Innovationstempo der Techniken in den Lebenswissenschaften ist rasant. Zugleich stauen sich ungelöste ethische, soziale und rechtliche Fragen im Zusammenhang mit den Techniken. Brauchen wir im Vorfeld Philosophen, Wissenschaftshistoriker und andere, die das Tun der Praktiker interpretieren?

PERLER: Sicherlich ist es richtig, dass man interpretiert und die Befunde einordnet. Ich glaube aber nicht, dass das im Vorfeld getan werden muss. Eher erzielt man Resultate, wenn man mit empirischen Wissenschaftlern zusammenarbeitet und sich die Praxis anschaut. Als wir über Tiere gearbeitet haben, gab es Stimmen, die meinten, es sei Unsinn, von Kognition bei Tieren zu sprechen. Dann sind wir nach Leipzig gefahren und haben uns die Forschungsarbeit am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie angeschaut. Da sah die Sache schon anders aus.

HAMMERSTEIN: Das Gleiche gilt für die theoretische Biologie, wo wir ebenfalls versuchen, übergreifende Theorien zu entwickeln, aber baden gehen, wenn wir das nur am Schreibtisch tun. Wir müssen immer wieder den Dialog mit Experimentatoren suchen.

Moderation: Peter Düweke.

Peter Hammerstein (56) ist Professor für Organische Evolution am Institut für Theoretische Biologie der Humboldt-Universität und außerdem an Forschungsprojekten an der Charité beteiligt.

Dominik Perler (41) ist Professor für Theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität. Kürzlich erhielt er den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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