Zeitung Heute : Das blaue Wunder

Wie unsere Autorin zu ihrer ersten Blüte kam

Ursula Friedrich

Aus lebenslanger Perspektive im Rückblick betrachtet, war es nur ein kleines Glück. Zeitweise habe ich es sogar vergessen. Aber damals, als ich fünf Jahre alt war, erschien es mir als das Allergrößte. Meine Familie hatte ein Haus mit Garten bezogen. Davon bekam ich ein kleines Stück, vielleicht sechs Quadratmeter, die ich selber bepflanzen durfte. Mein erster Garten Eden!

Ich war selig und zugleich ratlos. Was sollte ich in meinen Garten setzen? Das Taschengeld reichte für vier Stiefmütterchen. Meine Mutter schenkte mir ein Tütchen Feuerbohnen. Ich aß gerne Bohnen. Aber das dauerte ja so schrecklich lang. Wenn ich sie in die Erde steckte, würden in drei Wochen die ersten Spitzen herausschauen, und in frühestens acht Wochen hingen die ersten Bohnen dran. Für eine Fünfjährige sind das endlose Zeiträume.

Die Rettung kam von einer Nachbarin. Sie brachte mir fünf frisch ausgestochene Pflanzen, die wenigstens schon Blätter hatten. Sie hießen Gottesauge oder Dreimasterblume, ihr Hauptname war schwer zu behalten: Tradeskantien. Mein Glück war berauschend, als sie bald blühten, leuchtend blau mit dreiblättrigen Blüten, die mutig zwischen den spitzigen Blättern hervor leuchteten. Irgendwie dachte ich an Piraten-Dreispitze. Wohl auch wegen der drei Masten in ihrem Namen nannte ich sie für mich die Seeräuberblume.

Sie fühlte sich wohl bei mir, breitete sich schon im ersten Sommer aus, war das einzige Blau in unserem brachen Neubau-Garten. Ich goss sie fleißig, wenn ich es mal vergaß, war sie auch nicht böse. Der Guano-Dünger, den ich ihr prisenweise gab, schmeckte ihr offensichtlich. Im Herbst schnitt ich unter Anleitung der Nachbarin die Blätter ziemlich weit herunter und deckte sorgfältig etwas Laub und ein Tannenzweiglein darüber, damit sie nicht fror. Ein paar Jahre war ich eine gute Pflegerin für meine Seeräuberblume, ungefähr, bis der erste Schüler aus der Jungenschule in mein Blickfeld trat. Dann goss meine Mutter. Sie blühte, bis wir in ein anderes Haus zogen. Ich weiß nicht, was aus ihr danach geworden ist. Erst jetzt habe ich sie wieder in einem anderen Garten gesehen. Im Herbst werde ich sie kaufen und bei mir einsetzen. Es wird gar nicht leicht sein, eine Tradeskantie virginiana fürs Freiland zu finden. Sie ist auch aus der Mode gekommen.

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