Zeitung Heute : Das Bobby-Prinzip

Bars, Billard, Pool: Das Wichtigste, sagt Robert Dekeyser, sind fröhliche Mitarbeiter – und seine Firma macht Rekordgewinne

Stephan Krücken[Lüneburg]

Am anderen Ende meldet sich jetzt die Bilanzbuchhaltung, und was es zu berichten gibt, lässt Bobby Dekeyser fast in den Straßengraben fahren. „73 Prozent in Deutschland! Wirklich?“, ruft er und steckt das Mobiltelefon wieder weg. „Drei-und-sieb-zig“, flüstert er, als verberge sich hinter der Umsatzsteigerung ein böser Geist. Der 50 Jahre alte Ford Pickup brummt durch ein Gewerbegebiet, vorbei an Autohändlern, einem Reifendienst, Lagerhallen, bis vor die Zentrale von Dekeysers Firma. Als der Unternehmer die Wagentür öffnet, springt Anouschka heraus, die ihn überall hin begleitet. Dekeyser, 40, ist ein sportlicher Typ mit makellosem Lächeln; wenn er samt Labrador in Richtung des breiten Flachbaus flaniert, denkt man sofort an einen Werbespot für Hundefutter.

An der Peripherie von Lüneburg spielt eine Geschichte, wie es sie in Deutschland derzeit nicht oft zu erzählen gibt: eine Firma, die mit einem Tempo expandiert, dass es ihrem Chef Sorgen bereitet. Dekeysers Unternehmen heißt Dedon und produziert Luxusmöbel, manche Sofas sind teurer als Gebrauchtwagen. In den vergangenen fünf Jahren stieg der Umsatz um mehr als 1300 Prozent; das Unternehmen beschäftigt 70 Mitarbeiter in Niedersachsen, ein knappes Dutzend in Barcelona und an die 2600 in Fernost.

Dass Hollywoodstars wie Julia Roberts und Brad Pitt, Bundesinnenminister Otto Schily, Michael Ballack und Michael Schumacher oder arabische Scheichs zur Kundschaft gehören, ist sicher bemerkenswert. Richtig interessant aber wird es, wenn man der Philosophie des Firmenchefs zuhört. Nach der Logik der Globalisierung hätte es Dedons Erfolg niemals geben dürfen. Und sein Erfolg gerät zu einem Entwurf wider den Zeitgeist. Robert Henri Marc Dekeyser, den alle nur „Bobby“ rufen, vertritt nämlich die Ansicht, dass man Geld „laufen lassen“ muss, damit es zu einem zurückkehrt. Dass es selbstverständlich ist, in Deutschland Steuern zu zahlen. Dass es auch in der Geschäftswelt auf Ehrlichkeit und Fairness ankommt. Dass nur ein zufriedener Mitarbeiter einen perfekten Stuhl erfinde. Er sagt ständig Dinge, die jeden Bleistiftspitzer von McKinsey zur Verzweiflung treiben würden. Dekeyser ist eine Art Kuschelkapitalist. Aber einer mit 1300 Prozent Umsatzsteigerung.

Wer mit ihm und Labrador Anouschka durchs Verwaltungsgebäude schlendert, fühlt sich nicht als Besucher einer Möbelfirma, sondern eines merkwürdig gelegenen Club Med. Man kommt durch Lounges, sieht überall Couches, Bars und Billardtische; die meisten Büros gingen als Musterbeispiele aus „Schöner Wohnen“ durch. Auffällig ist ein großer Tisch in der Mitte eines Konferenzraums, an dem man mittags die Mahlzeiten einnimmt – gemeinsam, wenn es geht. „Wir mögen es familiär“, sagt der Chef. Darum hat er eine, na klar, sizilianische Mama angestellt, die für alle Pasta kocht.

Weil ein zufriedener Mitarbeiter nach Dekeysers Sicht der Dinge vor allem Sport treiben möchte, ließ er statt einer dringend benötigten Lagerhalle einen neuen Sportplatz bauen; außerdem ein hochmodernes Fitnessstudio, eine Sauna, ein Schwimmbad. Jeden Abend kommt ein anderer Trainer vorbei, um die Belegschaft in Volleyball, Kickboxen oder Fußball zu unterweisen. „Wir verkaufen auch ein Lebensgefühl“, sagt Dekeyser.

Während seines Arbeitstages klingelt selten das Handy; man trifft keine mürrische Sekretärin und spürt auch sonst wenig Stress. Dekeyser schaut in den Büros auf einen Smalltalk vorbei, lacht ausdauernd,verbreitet gute Laune und lässt sich im Vorbeigehen Unterlagen zeigen. „Man muss die Leute machen lassen“, sagt er, „das habe ich bei Bayern München gelernt.“

Mit 14 war Dekeyser, Sohn einer Unternehmerfamilie, mitten im Englischunterricht aufgestanden und nie mehr in eine Schule zurückgekehrt; er hatte beschlossen, Fußballprofi zu werden, und weil es fürs Feld nicht reichte, übte er Torwartsprünge. Bald darauf gewann der Teenager, der als nicht erziehbar galt, einen Sichtungswettbewerb, durfte in New York mit Pelé trainieren und bekam mit 19 seinen ersten Profivertrag. Für den 1. FC Nürnberg, die Bayern und 1860 München spielte er in der Bundesliga. In der Dedon-Pressemappe hat er hinter Artikeln aus „Architectural Digest“ den Sportteil der Münchner „Abendzeitung“ einsortieren lassen: „Dekeyser war der König!“, steht über dem Spielbericht. Auf den Fotos trägt er Schnäuzer zur Vokuhila. Als ihm ein Gegenspieler mit einem Ellbogenschlag die linke Gesichtshälfte zertrümmerte, erfuhr Dekeyser im Krankenhaus, dass sein Verein bereits einen Nachfolger verpflichtet hatte. Es reichte. Er beschloss, den Profisport aufzugeben und gründete noch im Krankenbett seine Firma. Kaufte kurz darauf 1000 Paar Skier, lackierte sie um und trat damit im Frühstücksfernsehen auf. Etwa 80 Paar wurde er los, 70 kamen als Reklamationen zurück in den Keller einer Doppelhaushälfte am Stadtrand.

„Wichtig ist, dass man im Leben immer weitermacht,“ sagt Dekeyser, „alles ist möglich!“ Das klingt verdächtig nach Laufen über brennende Kohlen, fußt aber auf der Erfahrung, mit Rückschlägen umgehen zu müssen. Mit betrügerischen Geschäftsführern, mit Möbelkollektionen, die so wenig Anklang fanden, dass Messebesucher sie nicht geschenkt mitnehmen mochten. Angebote, sich wieder in ein Bundesligator zu stellen, schlug Dekeyser aus: Hartnäckig und mit dem Urvertrauen eines calvinistischen Missionars machte er weiter.

Die Idee für den späteren Millionenerfolg kam Dekeyser auf einer Messe, als er Flechtmöbel von den Philippinen entdeckte: Was wäre, wenn man das wetteranfällige Rattan gegen „Hularo“ austauschen könnte, eine von ihm entwickelte Kunstfaser? Um die Produktion anzukurbeln, zog seine Familie mit drei kleinen Kindern für einige Monate nach Cebu, eine Insel der Philippinen.

Das Geschäft schien trotz diverser Startprobleme anzulaufen. Dann der nächste Tiefschlag: Ein Luxushotel auf San Salvador, das Dekeyser First Class zu sich einfliegen ließ, wollte keinen neuen Großauftrag, sondern über Schadenersatz verhandeln – alle 1000 Dedon-Stühle waren zusammengebrochen. Doch Dekeyser verzweifelte noch immer nicht und finanzierte aus den allerletzten Reserven die Umstellung von Rattan- auf Aluminiumgestelle, ließ die Farben der Hularo-Fasern verbessern und beauftragte einen amerikanischen Designer mit der neuen Kollektion. Endlich der Durchbruch. Dedon-Produkte gelten seither als zeitlos elegant und so robust, dass sie selbst Rotweinattacken und glühende Zigarettenasche aushalten. „Wir haben das Wohnzimmer für draußen erfunden“, erklärt Dekeyser den Erfolg. Die Lieferfrist für manche Produkte beträgt mehrere Monate, so groß ist die Nachfrage.

„Eigentlich müsste ich viel mehr Leute einstellen“, sagt Dekeyser, „aber wir wachsen zu schnell.“ Knapp 2600 Menschen flechten auf Cebu nach jahrhundertealten Traditionen Möbel, und auch für sie gilt das „Bobby-Prinzip“, nach dem nur zufriedene Mitarbeiter gute Arbeit leisten. Dedon bietet kostenlose Gesundheitsversorgung, Bustransfers zur Arbeit, und damit die Männer den Lohn nicht gleich in Schnaps und Hahnenkämpfe investieren, hat man Familienkonten eingerichtet. „Wir beuten niemanden aus“, versichert Dekeyser und erzählt von seinem Engagement für eine Schule des Don-Bosco-Ordens, für Cebus Straßenkinder und das Projekt eines Pfarrers, der Bewohner einer Müllhalde betreut.

In einem Gespräch mit Dekeyser kommt man an den Punkt, an dem man sich in Gedanken nach der Schattenseite fragt und sich im selben Moment für den Gedanken schämt. Dekeyser klingt manchmal wie ein Prediger, aber er meint das auch so, wenn er zum Beispiel sagt: „Wegsehen ist unverantwortlich.“ Dass die einen im Müll wühlen müssen, um zu überleben, und die anderen den Komfort einer Dedon-Sofainsel „Orbit“ zum Stückpreis von 4000 Euro genießen, lässt sich für ihn nur so ertragen.

Eine Unterhaltung mit ihm dreht sich nie um irgendwelche Designs oder Möbelmessen oder was am Wirtschaftsstandort Deutschland gerade verkehrt läuft. Lieber geht es um Werte, die sich nicht in Geld ausbezahlen lassen.

Dass nicht alle Mitarbeiter nach Feierabend auf dem Volleyballfeld erscheinen, weil nicht jedem der Sinn nach Leibesertüchtigung steht; dass bestimmt nicht jeder gerne gruppendynamisch Mamas Nudeln isst; dass es manche nervt, auf Dienstreisen grundsätzlich in Doppelzimmer gebucht zu werden – Dekeyser macht sich darüber keine Gedanken, dafür ist kein Platz in seinem Traum. Und weil er sich auf der guten Seite wähnt, ist auch ein Betriebsrat total überflüssig: „Die könnten bei mir nur die Farbe der Fußbälle aussuchen.“

Die Visite in der Zentrale ist beendet, der Chef verabschiedet sich und klettert samt Hund in den Pickup, gewissermaßen sein Bobby-Car. Die Fahrt geht hinaus aus Lüneburg, durch das weite Bauernland von Niedersachsen und endet in einem Dorf, vor einen restaurierten Hof. Im Garten befindet sich ein Teich, in dem man problemlos einen Möbelwagen versenken könnte; rund um das Grundstück wachsen hohe Eichen, daneben grasen Kühe. Hier wohnt der Clan Dekeyser, seine Frau Ann-Kathrin, ein ehemaliges Fotomodel, ihre gemeinsamen drei Kinder sowie Onkel Seppi und Tante Resi. „Ohne mein Rudel wäre ich nichts“, sagt Dekeyser. Deshalb ist auch das Einzige, was seine Projekte gefährden könnte, die Familie. Wenn er spüre, dass die Belastung zu viel werde, wenn er zu wenig Zeit habe, sei er bereit, alles abzugeben. Bis dahin sei es seine Aufgabe, wie ein Jongleur Teller auf verschiedenen Stangen am Drehen zu halten.

Im Herbst wird ein Großverlag seine Biografie auf den Markt bringen; Dekeyser versteht das Buch als Ermunterung für andere, aktiv zu werden. Vermutlich erzählt er aus seinem Leben dann auch in den Talkshows der Johannes B. Kerners. Und vermutlich werden sich alle darüber wundern, weil seine Ansichten so ungewöhnlich erscheinen, wobei sie eigentlich so normal sind. Man ist nur nicht mehr daran gewöhnt, sie von einem Unternehmer zu hören. „An manchen Tagen“, sagt Bobby Dekeyser, „komme ich mir ja schon selber vor wie ein Exot.“

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