Zeitung Heute : Das Böse bekämpfen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Liebe Lehrer, diese Kolumne ist euch gewidmet. Wenigstens zum Teil. Denn ihr habt es ja wirklich nicht leicht. Was ihr so manchmal zu Ohren kriegt. Von wegen ihr seid zu alt, macht zu viel Ferien und seid zuweilen ein bisschen depressiv. Wer will das schon immer hören. Darum also hier ein großes Lob: was ihr mit meiner Tochter macht, ein guter Job, muss ich anerkennen. Sie hat nämlich ihre soziale Ader entdeckt. Sie kämpft jetzt fürs Gemeinwesen. Hat sie früher nicht gemacht, hat sie in der Schule gelernt.

Genau darum geht es doch heutzutage. Dass die Kleinen nicht nur lesen und schreiben lernen, damit sie später mal eine Ich-AG gründen können und mir womöglich die Rente neiden. Soziale Intelligenz nennt man das, was wir brauchen. Hat schon Kennedy gesagt. Nein, ich meine nicht „Ich bin ein Berliner“, sondern „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst“. Du liebe Zeit, werden Sie jetzt vielleicht denken, was ist denn passiert?

Also, neulich kam die Kleine nach Hause und verkündete, dass am Dienstag der Unterricht ausfällt. Was, habe ich noch gedacht, warum fällt denn der Unterricht aus? Ist etwa irgendein Betriebsausflug? Kann man das nicht in den Ferien erledigen? „Der Unterricht fällt aus, weil wir dafür keine Zeit haben. Wir müssen die Kastanien retten“, hat sie gesagt. Richtig aufgeregt war sie und hat geschimpft, „Insekten sind böse“. Na, na, wollte ich sie noch ein wenig bremsen, weil unsereins ist erstens tolerant und weiß zweitens, dass Insekten doch sehr nützlich sein können. Aber sie hat gar nicht richtig zugehört, wollte stattdessen nur ein paar Arbeitshandschuhe haben und eine kleine Harke. Die ganze Klasse 1b würde nämlich ausrücken, zum Kampf gegen die Miniermotte.

Die Miniermotte. Habe ich auch schon von gehört. Der fiese, kleine Schädling lauert im gefallenen Laub. Und im Frühjahr erhebt er sich und geht auf die Kastanien los. Und dann, dann gibt es bald keine Kastanien mehr. Man stelle sich das vor: Generationen haben Kastanien gesammelt, haben Männchen draus gebastelt, Ketten und lustige kleine Tiere. Und das würde es nie mehr geben. Natürlich habe ich meiner Tochter sofort eine kleine Harke gesucht und ein paar Handschuhe, damit wir auch morgen noch Männchen basteln können, Ketten und lustige Tiere. Die Kleinen haben dann den ganzen Vormittag geharkt, das war letzte Woche.

Und, habe ich gestern gefragt, wann geht es weiter? „Wieso weiter“, wollte sie wissen, „jetzt sind erst mal die anderen Klassen dran, geht doch nicht, dass wir das alleine machen." Da war sie wieder, diese und-was-machen-die-anderen-Haltung. Vor der Tür stehen noch jede Menge Kastanien, und manche sehen schon ganz krank aus. Ja, reicht denn ein Vormittag aus, um ein sozialer Mensch zu werden?

Andererseits kann die Schule ja nicht alles alleine machen. Sieht also ganz so aus, als ob wir jetzt dran wären. Von wegen Vorbild und so. Ach, was tut man nicht alles für die Rente.

Laubsäcke gibt es für drei Euro bei den Betriebshöfen der Berliner Stadtreinigung .

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