Zeitung Heute : „Das Boot ist noch nicht voll“ Georgia Tornow über Berlin

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Georgia Tornow, 54, kennt sich wie kaum eine andere im Berliner Medien-Business aus. Die Generalsekretärin von Film 20, einer Lobbyvereinigung der führenden deutschen Film- und Fernsehproduktionen, war unter anderem Chefredakteurin der Taz, stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Zeitung und Chefredakteurin von Econy.

Frau Tornow, Berlin wurde noch bis vor kurzem als zukünftige Medienhauptstadt bezeichnet. Kann man nach dem Kahlschlag bei Springer und anderen Verlagen diese Worte noch in den Mund nehmen?

Diese Extrem-Sucht ist eine echte Krankheit: Berlin – eben noch die totale Metropole, gleich drauf natürlich wieder eine tierische Krise im Genick – das totale Dorf! Selbstverständlich ist Berlin nach wie vor das deutsche Medienzentrum. Dafür sorgen die Größe der Stadt, die Hauptstadtfunktion, zig Events und Standort-Spezialitäten – von der Berlinale bis zum Wissenschaftspark in Adlershof. Die Einheit hat Berlin einen irren Zuwachs an Medien gebracht. Dass da ein Prozess der mühsamen Verschränkung zwischen Ost und West laufen sollte, wurde allseits immer wieder gewünscht. Dass der dann auch eine Konzentration nachholt, die in allen westdeutschen Großstädten in den 60er und 70er Jahren lief, kann keinen ernsthaft verwundern – noch dazu in einer Medienlandschaft mit ganz neuen Playern, die gleichzeitig als Konkurrenten um die Gunst des Publikums antreten.

Wie sieht die Zukunft der Journalisten in Berlin aus?

Besser als anderswo, weil die Landschaft vielfältiger ist, weil es leichter ist, von einem Haus – sogar von einer Sparte, etwa Print zu TV oder Radio – zu wechseln. Und diese Wechsel gehören heute im Journalismus einfach dazu. AnfängerInnen sollten allerdings bei einer Lokal- oder Regionalzeitung volontieren: Nirgendwo lernt man so gut alle Genres kennen.

Welche Branchen haben in Berlin eine Chance?

Musik, Film und PR sind derzeit mit interessanten Unternehmensmischungen und auch der entsprechenden Zahl von potenziellen Arbeitgebern gut aufgestellt. Im IT-Bereich würde ich immer noch nach München gehen, bei Werbung nach Düsseldorf, Hamburg oder München. Gute Chancen haben alle genannten Bereiche aber auch in Berlin – die Stadt und ihre Politiker wissen parteiübergreifend, dass diese modernen Industrien gepusht werden müssen.

Müssen sich die Job-Gefährdeten einen anderen Job suchen?

Ich glaube auch im Journalismus nicht, dass das Boot wirklich schon voll ist. Aber es ist nötig, sein ganz spezielles Profil zu finden. Warum nicht mal Pressetexte für ein Unternehmen schreiben? Warum nicht mal Reden für einen Politiker oder die Hauszeitung des Europäischen Patentamtes verfassen? Klar kann man auch mal ein Sabbatical nehmen und weltweit nach neuer Orientierung suchen. Nur bei einem wird man als JournalistIn mit Sicherheit schlechter: beim Rumhängen und Hadern.

Das Gespräch führte Mascha Friedrich.

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