Das Brautkleid : Fünf Meter Schleppe

Das wichtigste an einer Hochzeit ist genau genommen nicht das Ja-Wort, sondern natürlich das Kleid der Braut. Wie war das Brautkleid von Victoria?

Moderne Prinzessinnen müssen Mythen am Leben erhalten und kollektive Märchenträume zum Wohl der Wirtschaft ihres Landes transportieren, denn das ist Teil ihres Jobs. Deshalb ist die Wahl des Hochzeitskleides auch so wichtig, man könnte von einem Politikum sprechen. Dass die Wahl auf einen schwedischen Designer fiel, war zu erwarten. Eine so glanzvoll inszenierte Hochzeit wirkt schließlich imagebildend. Wenn sie Lust auf schwedische Produkte macht, wird das dem Ansehen der Monarchie im Land nicht schaden.

Victoria hat sich für ein betont schlichtes Kleid entschieden, das sich teilweise über alte Traditionen hinwegsetzte. Das lässt sich als Statement für ein modernes Schweden werten, dessen Erzeugnisse weltweit für ihre Klarheit geschätzt werden. Der weite Kragen aus schwerer weißer Seide zeigte mehr Haut, als es ein konservatives Protokoll normalerweise ermutigen würde. Im Rücken weckte der weite Winkel romantische Assoziationen an ein Herz. Die fünf Meter lange Schleppe wurde gehalten von einem mit kleinen weißen Knöpfen im Rücken verschlossenen Kummerbund. Wie die angedeuteten kurzen Ärmel unter der freien Schulterpartie brachten die Knöpfe den Hauch Kindheit hinein, den man mit Schweden so oft in Verbindung bringt. Dazu trug die Braut kein aufwändiges Collier, sondern nur ein Paar mädchenhaft wirkender Ohrringe. Der Strauß mit weißen schwedischen Sommerblumen passte perfekt dazu. Auch der Bräutigam hob sich dezent in Schwarz und Weiß gekleidet deutlich ab von den Kronprinzen in ihren vielfach goldbesetzten Galauniformen, an denen Berge von Orden baumelten. In den Kirchenbänken funkelten und glitzerten die teils mit edlen Steinen besetzten Roben in vielen Farben, Rosa und Rot, Himmelblau und Grün, nach Kräften. Die alte Märchenbuchfrage, wer die wahren Königskinder sind, beantworteten Braut und Bräutigam gerade durch ihren klaren und schlichten Auftritt, der sie deutlich aus der Masse der reich bis überreich geschmückten Gäste heraushob.

Schon früh war Victorias Lieblingsdesigner Pär Engsheden als Favorit gehandelt worden, der die Hochzeitsrobe tatsächlich entworfen hatte. Seine Kunst bestand darin, den unverkennbaren schwedischen Touch einzuarbeiten, ein bisschen solides Billy-Regal, ein bisschen elegantes Kosta-Boda-Glas, ein bisschen populäre „Dancing Queen“. Weit ausgeschnittene Abendkleider von Pär Engsheden trug Victoria schon zur Verleihung der Nobelpreise und bei der Bekanntgabe ihrer Verlobung.

Auf dem Kopf trug die Braut zur Trauung das Kamée-Diadem, das auch Königin Silvia bei ihrer Hochzeit getragen hatte. Es stammt von Josephine, der Frau Napoleons. Auch den Schleier aus Brüsseler Spitze hat die Brautmutter bei ihrer eigenen Hochzeit vor 34 Jahren getragen.

Auf dem Foto der offiziellen Pralinenschachtel zur Hochzeit trägt Victoria ein asymmetrisches Kleid des libanesischen Designers Elie Saab. Die Namensähnlichkeit zum gleichnamigen Auto ist wohl ein Zufall. Hochzeitspralinen und Torte wurden zur Feier des Tages auch in Berlin serviert. Da in Deutschland das Interesse an dieser Hochzeit so groß war wie nirgendwo sonst auf der Welt, hatte Botschafterin Ruth Jacoby knapp 300 deutsche und schwedische Gäste eingeladen, darunter viele Kinder, die sich selber Kronen bastelten. Die von den Schweden heiß geliebte Prinzessinnentorte mit Biskuitboden, Himbeermarmelade, Vanillecreme und Schlagsahne trägt normalerweise einen grünen Marzipanüberzug. Gestern war der zu Ehren Victorias brautschleierweiß. Das betont schlichte Kleid rief auch vor den Bildschirmen der Botschaft Begeisterung hervor. Und immer wieder war zu hören: „Sie ist halt sehr bodenständig.“

Astrid Lindgren hat die Sehnsucht nach Bullerbü weltweit in Kinderherzen eingepflanzt, Abba-Songs wurden zu globalen Volksliedern. Und Prinzessin Victoria schaffte es mit diesem Hochzeitskleid, den Glauben an Märchenbuchwelten in die Sprache des Design zu übersetzen.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar