Zeitung Heute : Das Brot der frühen Jahre

Heinis kleiner Himmelsstürmer: Wie Jürgen Klinsmann im Eybacher Tal das Laufen lernte. Auf den Spuren eines Getriebenen

Jürgen Schreiber[Geislingen]

„Mal ehrlich, Heini, wie war das mit dem Klinsi?“

Heinrich Reinemer junior hockt im Gasthof Zur Linde in Weidenstetten auf der Schwäbischen Alb, die Werbung für „Gold-Ochsen-Bier“ und eine Urkunde vom Deutschen Sängerbund im Rücken. Der Mann mit dem eisgrauen Schnauzbart trainierte Klinsi einst in der Jugend des SC Geislingen. Damals ist der Knirps einfach „der Jürgen“ gewesen, pfeilschnell, wendig, von brachialem Ehrgeiz beseelt: „Des gabs gar net. Der Kerle konnte oifach net verliere!“ Setzte es Niederlagen, plärrte der spätere Bundesliga-Torschützenkönig Rotz und Wasser.

Reinemer ist der typische Schwabe, zögerlich und eher maulfaul nach der Maxime, „i sag net so, und i sag net so, damit man später net sage kann, i hätt so gsagt oder so“. Bei seiner sonstigen Wortkargheit kommen die Auskünfte zu Klinsmann einem Informationsausbruch gleich. Heini ernannte ihn zum Spielführer der C-Jugend: „ein Erfolgsgarant“. Ihr Sportplatz lag im malerischen Eybacher Tal, dort baute der Stürmer anno 74 seine Torfabrik auf, „hundert werdet net lange“ in den vier Jahren im schwarz-weiß gestreiften Trikot. Schlussendlich schoss Klinsi über 250 Kisten. Den Jubiläumstreffer versenkte er in Mergentheim, dies nur für die Statistiker.

Tor für Tor verzeichnet der Realschüler in einem „Fußball-Rekordbuch“, das er mit sich herumschleppte. Voran die olympische Parole, „ehrlich im Kampf, bescheiden im Sieg“ zu sein, unterschrieben von „Vater und Turnkamerad Siegfried Klinsmann“. In hin und her schwankender Kinderschrift hielt sein Sohn auf kariertem Papier die Ergebnisse der Kicks in Altenstadt oder Salach fest, malte verzitterte Linien für die Rubrik „eigene Tore“ in das wundersame Nachschlagewerk. Beim Spiel gegen Hausen waren es 15. Ein auf Dauer fast ermüdendes Schauspiel, Toremachen schien für den Bäckerbuben erlernbar wie’s Brezelbacken.

Zum Gespräch legt Reinemer ein Foto seiner Mannschaft auf den blanken Holztisch. 14 Spieler mit den kindlichen Profilen von Chorknaben, ein Gruppenbild vom Eybacher Tal. „Wir sind die Zukunft“ könnte über der Momentaufnahme stehen, wüsste man nicht, dass zwei seiner Spieler inzwischen tot sind, einer durch Selbstmord. Jürgen kniet vorne in der Hocke, der künftige Recke mit artigem Mittelscheitel und Spielführerbinde, Reinemers Nummer 9, „die hat er sich nicht nehmen lassen“. Der Erwählte fällt nicht auf. Ein Hänfling, weder größer noch athletischer als seine Kameraden, indes mit Hummeln im Hintern. Die Kinder wissen nicht, was sie mit ihren Händen anfangen sollen. Der eine faltet sie wie zum Gebet, der andere verschränkt die Arme. Der Käpt’n hat es gut, darf den Siegerwimpel in die Kamera halten. Dem Trainer am rechten Bildrand spannt das Hemd um die Hüften.

Sein Vater, Heinrich Reinemer senior, war es übrigens – Vereinsboss, Sportchef der „Neuen Württembergischen Zeitung“ und überhaupt eine blutvolle Figur –, der dem 13 Jahre alten Klinsi 1978 schon satte 75 Druckzeilen ins Stammbuch schrieb: Mit „Dynamit in beiden Beinen“ stehe ihm „eine große Zukunft offen“! Eine kühne, unter den stoffbespannten Hängelampen am SC-Stammtisch arg belächelte Prognose.

Reinemer junior blättert beim Gespräch in der hymnischen Biografie „Jürgen Klinsmann, sein Weg nach oben“. Der Weltstar schrieb dem „lieben Heini“ ein „herzliches Dankeschön für alles, was Du in meiner Jugendzeit für mich getan hast!“ aufs Vorblatt. Aus dem Standardwerk fallen Eintrittskarten vom Spiel „VfB Stuttgart Allstars – Klinsmanns Dreamteam“ heraus. Zu dem nostalgischen Match hatte er 1999 die Jugendclique eingeladen und aus weiter Ferne stets betont, „Geislingen ist mehr als eine Zwischenstation gewesen. Es hat mir mehr als Italien und Frankreich gegeben.“

Genius loci, der besondere Ort. Regen fällt, typisches Fritz-Walter-Wetter im Eybacher Tal. Kastanien blühen. Links und rechts erhebt sich ein vom Wind bewegter Buchenwald. Über der Idylle schwebt der Geist des Berühmten. Reales mischt sich mit Idealisiertem. Hier fing es an, nahe der Eisenbahntrasse Stuttgart–Ulm. Sein Stammverein hat bessere Tage gesehen. Vom verflossenen Glanz ist ein Stadion für 6000 Besucher zu besichtigen. Vor der Turnhalle, es riecht nach Gras, Massageöl und Schweiß, hängt gleich einem Heiligenbild sein lebensgroßes Poster: „Dem Sport-Club von ganzem Herzen gewidmet, Euer Jürgen Klinsmann“. Die Vereinshomepage reklamiert ihren Anteil an seinem unaufhaltsamen Aufstieg mit den Worten „… zog mit Geislinger Rüstzeug in die große Fußballwelt hinaus“. „Sein Torhunger war unstillbar.“

Platzwart Joannis Korbiakis werkelt mit dem Rasenmäher hinter der Tribüne. Er führt durch die Katakomben. Unter einer verwirrenden Fülle von Wimpeln und Pokalen im Jugendraum verdrückt er eine Zähre, im Nerv getroffen vom Absacken der Ersten Mannschaft in die Unterklassigkeit. Ein Leidensweg von der Ober- in die Bezirksliga, nachdem man 1984 den Hamburger SV im DFB-Pokal 2:0 bezwungen hatte und zu lange in dieser Sensation schwelgte. Im SC-Lokal vergilbt das gerahmte Plakat vom Spiel der Spiele. Ihre CD „Die Macht vom Eybacher Tal“ beschwört die verlorene Zeit. Ewig her, dass die Talenge von Schlachtgesängen widerhallte. Es ist eine besondere Ironie, dass der Verein immer weiter erodiert, derweil Klinsi immer populärer wird.

Geislingen ist ein fast vergessenes Sportbiotop, ein überschaubarer Flecken mit 27 000 Einwohnern. Dort begann der Bodenständige sich selbst zu entdecken. Wenn man so will ein Emanzipationsversuch vom Vater, dem gestandenen Turner, der ihm aber die Freiheit ließ. In der Kleinstadt habe er „Wurzeln geschlagen“, notierte der Autor Hans Blickensdörfer, ohne zu verkennen, dass der Nestflüchter von Ruhmessucht getrieben war.

Es waren die viel zitierten kleinen Verhältnisse, denen der Bäckerlehrling „von der Alb ra“ davonstürmte. Heini Reinemer fällt ein, der SC habe sich seinerzeit überhaupt erst einen VW-Bus leisten können, vom Baugeschäft Gickeleiter für 500 Mark gekauft. Der Trainer saß am Steuer. Die „Böller“, Kickstiefel, mussten die Eltern selbst anschaffen. Reihum wuschen die Mütter Trikots und Stutzen. Das Wort Prämie existierte nicht. Heini ließ mal ein Essen springen. Ihr weitester Ausflug führte nach Hamburg.

Der Trainer kannte immer zwei Jürgen: den „liebenswertesten, nettesten, verträglichsten Menschen außerhalb des Spielfelds“. Dann den kaum zu bremsenden Derwisch mit brennendem Herzen, „stinkig ohne Ende“ bei Niederlagen. Ihn zur Halbzeit eines torlosen Matches mit dem Satz anzupflaumen, „was glaubst du eigentlich, warum ich heute einen Mittelstürmer dabeihabe?“, bedeutete, ungeahnte Power aus ihm herauszukitzeln. Danach schoss er „aus lauter Wut“ acht Kisten zur 9 : 0-Klatsche.

Der für seine 65 erstaunlich sportive Heini hielt sich nicht mit Systemtheorien auf. Ein wenig Taktik mit den Jungs, aber bitte nicht zu viel. „Klassisch, mit fünf Stürmern“ ließ er angreifen und weiß, wie exotisch das 2006 klingt. Die C-Jugend, „unser Aushängeschild“, durfte auf dem supergepflegten Hauptplatz auflaufen. Klar, sie holten nicht nur einen Titel. So hätte es hinter den sieben Bergen weitergehen können, wäre da nicht der berührende Moment gekommen, an dem ihm „Vadder“ Klinsmann stolz den Kaufvertrag für seine Bäckerei in Stuttgart-Botnang präsentierte. Heini freute sich mit – obwohl die Nachricht durch das Wissen vergiftet war, der SC würde um seinen Hoffnungsträger ärmer. Klinsmann wechselte zu den „Blauen“ (Stuttgarter Kickers), nicht sofort zu den „Roten“ (VfB). Dort hatte es bei der Sichtung geheißen, „solche wie dich haben wir genug“. Heini schüttelt den Kopf. Jürgen brachte immerhin 12 000 Mark Ablöse, trotzdem jammerte der Coach, dass es über Berg und Tal schallte, „i könnt heula“.

Offen gesagt, Klinsis Lehrwart verkörperte den Typus des körperbetonten Stoppers alter Schule (der Autor weiß, wovon er spricht, kickte ebenfalls in Geislingen). Heini konnte autoritär sein, trotzdem erstaunlich sensibel in Kinderseelen hineinhorchen. Den semmelblonden Neuner wusste er zu nehmen, noch immer bekommen seine Augen den besonderen Glanz. „Jürgen war nicht der Fußballer, der das ganz große Talent hatte. Technik ist ihm nicht in die Wiege gelegt worden.“ Der ebenfalls für den SC kickende spätere Nationalspieler Karl Allgöwer, Kampfname Knallgöwer, war nach Reinemers Meinung begabter.

Also: Hier war kein Wunderkind zu bestaunen, sondern ein „Wuhler“, ein Schaffer, im Strafraum von sonderbarem Fieber befallen, das der Trainer so nicht kannte. Klinsi versprach ihm in die Hand: „I tu alles, damit m’r gwinne.“ Heinis kleiner Himmelsstürmer suchte auf dem Rasen nicht das Mögliche, sondern das Unmögliche, mag die Klinsmann-Saga im steten SC-Niedergang auch eine Neigung ins Romantisierende haben. Jürgen konnte außer sich sein vor Freude in intensiver, für ihn typischer Choreografie des Glücks. „Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann“, hieße das im Klinsi-Jargon.

Von schwindlig gespielten Gegenspielern abgesehen, diesen aufgezogenen Kreisel, der sich nach Anerkennung verzehrte, musste man mögen. Klinsi, erkennbar an den rudernden Armen, den langen Haxen und dem Laufstil, der Chronisten an den „Storch im Salat“ erinnern sollte. Reinemer schnalzt mit der Zunge: „Der druckt, beißt, zerrt, goscht“, was nichts anderes hieß, als dass er früh lernte, sich auf dem Rasen zu wehren. „Audere est facere“, Wagen ist Machen, prangte später auf seiner Trikotbrust bei Tottenham Hotspurs. Es hätte schon in Geislingen zu der heroischen Unermüdlichkeit gepasst. Keine Überraschung also, wenn der Inbegriff des Keilstürmers heute sein Erfolgsmuster auf die Spieler zu übertragen versucht. Absolute Klinsmann-Klone: aggressiv, emotional, laufstark, mit unbedingtem Siegeswillen. Nicht ganz unproblematisch, im Anderen das Eigene zu suchen.

Das Eybacher Tal ist ein Naturschutzgebiet, in der SC-Chronik steht, dort „schossen die Sportler aus dem Boden“. Heinis Stimme klingt wehmütig, wenn er von seinem Ausnahmekönner erzählt: dass der Jürgen den Trimm-Pfad zur „Waldesruh“ gehasst habe – zwei Kilometer hin, zwei Kilometer her. Dass er am Ballpendel „voll da“ war. Man übte Kopfbälle, damit er später, wie es schien, in der Luft stehen konnte. Teamgefährte Joachim Dizinger kann es nur bestätigen. Der 42-Jährige hält es geradezu für einen Charakterzug, dass der „net verlieren konnte“. Und: „Mir hent ja kaum was verlore.“ Der Friseur durfte dem Weltmeister nach dem Titelgewinn anno 1990 die Haare schneiden und hätte nichts dagegen, wenn sich die Geschichte wiederholen würde. Welche Länge? „Etwas über das Ohr.“ Sein Vater war geistesgegenwärtig genug, den historischen Moment im Salon „Haargenau“ zu knipsen. Er beeilt sich zu versichern, jetzt sei es an der Zeit, dieses Bild ins Schaufenster zu hängen: „Seit zwei Wochen habe ich mir das vorgenommen.“

Klinsmanns Eltern führten ihre Bäckerei in der nahen Ortschaft Gingen. Für Jürgen richtete man beim SC einen Fahrdienst ein. Gewöhnlich chauffierte ihn sein Förderer Werner Gass, „im Renault 4 mit Dreigang, dass es nur so krachte“. Er hatte ihn vom Turnerbund ins Eybacher Tal gelotst. Beide betreiben in Geislingen heute gemeinsam die Boutique „Sport 3“. Den brüderlichen Freund nennt Jürgen „Großer“, Werner ihn den „Jonga“, Jungen. Sie müssen sich nicht täglich ihrer Treue versichern.

In den Schaufenstern an der Karlsstraße hängen erwartungsgemäß Farbfotos vom Bundestrainer. Drinnen kann sein Kompagnon Werner Gass Fragesteller nicht nur unendlich skeptisch über den Rand der Brille mustern, sondern auch so eisern schweigen, wie der Profi beim VfB Stuttgart die Gegner attackierte. Er ist mit seinen 52 schlank wie einst im Mai, seine Frau quittiert unser Kompliment mit dem Zwischenruf: „I versteh nix vom Koche!“ Klinsmanns Vertrauter – eben erst haben sie 90 Minuten telefoniert – hält still an Tagen, an denen ihn „acht, neun Rundfunksender“ belagern. Sie wollen hören, wie er über die Berufung Lehmanns zur Nummer eins denkt. Oder ob er, Gass, zugeraten habe, den Job anzunehmen, was er mit schwäbischer Dialektik denn auch tat: „Des tät i mir gut überlege. Des isch a heiße Kischte.“ In der schwankenden Konjunktur verteidigt Werner den Kumpel derart vehement, dass er von Kunden zu hören bekommt: „I han immer gmoint, Sie hent a Ahnung vom Fußball!“

Auch wenn der berühmteste Geislinger seine Wohnung in der von Höhen umschlossenen Gemeinde aufgegeben hat, die Jahre prägten den Kosmopoliten. Heini meint, er könne ihn bei Bedarf gewiss anläuten. Sein Sohn halte Mail-Kontakt. Klinsi erschien selbstverständlich zur Trauung vom Freund „Paule“. Gegenüber dem SC erwies sich der Crack als dankbarer Eleve, schickte pro Saison Schecks über 15 000 Mark.

Heimatkunde als Sportgeschichte, auf die Stadt im Schnittpunkt fünfer Täler lässt Klinsmann nichts kommen. Das macht sich nicht ungeschickt sogar der Krimiautor Manfred Bomm für seinen Thriller „Schusslinie“ zunutze. Wie im richtigen Leben heißt es in dem auf den Torjäger zugeschnittenen Band: „Das Eybacher Tal galt doch damals als Fußballer-Schmiede.“ Der Plot seines Wälzers ist die Entführung des Bundestrainers aus der Fußgängerzone. Mit Pflanzkübeln möbliert, ein trostloser Tatort. Zur Sicherheit hat der Reporter der Geislinger Zeitung (in jungen Jahren ein begnadeter Polizeifunk-Abhörer) bei Klinsmann vorfühlen lassen, ob er was gegen die Handlung einzuwenden hätte. Wie es sich gehört, löst Bomms Chefermittler Häberle den komplizierten Fall, die Verschleppung endet Gott sei Dank glimpflich, obwohl man das nicht verraten sollte. Clever deponierte Bomm Exemplare seiner „Schusslinie“ bei Gass mit der Bitte, Klinsmann möge sie signieren: „Koi Problem.“

Die Klinsi-Story verdient einen versöhnlichen Abschluss. Im Krimi verspricht er Häberle eine Karte fürs WM-Finale. „ Abgemacht. Wir sind uns doch im Klaren, wer eine der beiden Mannschaften im Endspiel sein wird? Oder?“

Klinsmann zwinkert mit den Augen: „Wir natürlich.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar