Zeitung Heute : Das Buch der Witwe

Der Journalist Daniel Pearl fiel Al Qaida zum Opfer: Seine Frau wagt den Blick zurück

Jana Simon

Mariane Pearl macht keine Lesungen, die Gefahr, dass jemand sie danach fragt, ob sie sich das Video angeschaut habe, ist zu hoch. Nein, sie hat die Aufzeichnung der Enthauptung ihres Ehemannes nicht gesehen. Vor solchen Fragen will sie sich schützen und setzt sich ihnen doch aus. Vor zwei Jahren wurde der Journalist des „Wall Street Journal“, Daniel Pearl, in Karatschi, Pakistan, von Terroristen entführt und ermordet. Mariane Pearl war zu diesem Zeitpunkt schwanger.

Nun hat sie ein Buch geschrieben über die fünf Wochen des Suchens und Wartens. Warten auf ein Zeichen ihres Mannes, über Hoffnung und Enttäuschung und über das ungewöhnliche Ermittlerteam aus pakistanischer Polizei, FBI und Journalistenkollegen in Karatschi. Mariane Pearl spielt darin keineswegs die Rolle der „weeping widow“, der trauernden Witwe. Im Gegenteil, sie treibt die anderen an und wünscht sich manchmal, dass sie weinen könnte. Stärke ist ihr Mittel gegen den Zusammenbruch.

Mariane Pearl wirkt noch immer sehr beherrscht, ihr Buch „Ein mutiges Herz“ ist gerade in Deutschland erschienen. Sie sitzt in einem Café in Berlin und bestellt einen Tee. Sie ist 36, eine kleine schmale Frau mit großen wachen Augen, Tochter einer Kubanerin und eines holländischen Juden, in Frankreich aufgewachsen. Eine Weltbürgerin wie ihr Mann Daniel, Amerikaner, Nachkomme von Juden aus dem Irak und Israel. Momentan gibt sie mehrere Interviews am Tag, immer wieder erzählt sie die Geschichte ihres ermordeten Mannes. „Ich fühle mich wie beim Psychiater“, sagt sie und lacht. Es ist ein Spiel mit Nähe und Distanz: Wie redet man über ein sehr persönliches Schicksal, ohne sich dabei völlig zu entblößen. In manchen Augenblicken lacht sie, im nächsten scheinen ihre Gesichtszüge wie erfroren.

„Das Buch war keine Katharsis für mich“, sagt sie. Dazu war es wohl noch zu früh. Irgendwann konnte sie es auch nicht allein weiterschreiben und holte die ehemalige „Newsweek“-Journalistin Sarah Crichton als Koautorin hinzu. Schreiben hieß, sich jedes Mal wieder „in die Hölle“ zu begeben, wie sie sagt. Ein Jahr lang. „Und ich wusste ja, wie es ausgeht.“ Je näher das Ende kam, desto schlimmer wurde es. Ihr Sohn, der seinen Vater nie kennen lernen wird, war da schon geboren. Mariane Pearl hat sich fürs Weiterleben entschieden. Es gab eine Zeit, sie beschreibt es in dem Buch, da war sie sich nicht sicher, da schien alles egal, und sie fürchtete den Tod nicht mehr. „Aber dann hätten die gesiegt“, sagt sie. Die – die Mörder ihres Mannes.

Am 23.Januar 2002 verließ Daniel Pearl das Haus einer gemeinsamen Freundin in Karatschi, um Omar Said Scheich zu treffen, der wiederum sollte ihn zu einem Treffen mit Scheich Gilani führen, vermutlich einer wichtigen Figur des pakistanischen Terrorismus. Eigentlich wollte Pearl eine Geschichte über den so genannten Schuhbomber Richard Reid schreiben, der wahrscheinlich in Verbindung zu Gilani stand. Was Pearl nicht wusste – Omar Scheich, sein Mittelsmann, hatte in der Vergangenheit schon Ausländer entführt. Es war eine Falle, Daniel Pearl wurde von dem Treffpunkt, einem Restaurant, verschleppt. Was danach passierte, ist bis heute nicht ganz geklärt. Chalid Mohammed, einer der führenden Köpfe von Al Qaida, ist auch in den Fall verwickelt. Und Pearl war Jude, in diesem Teil der Welt fast ein Todesurteil.

Daniel Pearl wurde vermutlich Anfang Februar 2002 umgebracht, die Täter filmten ihr Verbrechen. Zu diesem Zeitpunkt glaubte Mariane Pearl noch an sein Überleben. Am Ende steht ein Kollege von Daniel in ihrer Tür und sagt: „Er hat es nicht geschafft.“ Der Sender CBS strahlt Teile des Videos aus. Bis heute findet Mariane Pearl das unfassbar. Sie ist selbst Journalistin, Teil der Medien, und sie weiß sehr genau, wie sie funktionieren. Sie schreibt vom „Druck, das Raubtier zu füttern“, sie sitzt in Talkshows und gibt Interviews. Vielleicht ist das Buch auch ein Versuch, die Deutungshoheit über ihr Leben und ihren Mann zurückzugewinnen.

Mittlerweile ist Omar Scheich in Pakistan zum Tode verurteilt worden. Seine Hinrichtung wird immer wieder aufgeschoben. Mariane Pearl lehnt sich zurück, sie presst ihre Hände zusammen, die Knöchel treten hervor. Sie hat lange über diese Todesstrafe nachgedacht. Auch Omar Scheich hat Frau und Kind. „Bei manchen Verbrechen sollte jeder Mensch wissen, was er dafür bezahlen muss“, sagt sie. Natürlich habe sie auch Rachegedanken. „Wenn ich einen von denen töten könnte, würde es mir vielleicht kurz besser gehen.“ Aber eben nur kurz. Auf lange Sicht hätte sie verloren. „Ich kann nur Menschlichkeit entgegensetzen.“ Wahrscheinlich hat Mariane Pearl deshalb überlebt, sie will nicht, dass Bitterkeit ihr Dasein regiert. Das war auch die Frage, die ihr Präsident Bush bei einem Treffen stellte: Warum sie nicht bitter geworden sei? Aber das wäre ein Sieg der Terroristen über ihr Leben und damit auch über Daniel gewesen. Im Buch schreibt sie: „…Die einzige Art, wie ich Dannys geistigen Sieg bestätigen kann, indem ich weiterlebe und danach strebe, wieder glücklich zu werden.“

Sie ist mit ihrem Sohn nicht in die Heimatstadt Paris zurückgekehrt, sondern nach New York gezogen. „Warum sollte ich dorthin zurück?“, fragt sie. Schon Jahre zuvor war sie mit Daniel aus Paris weggegangen, obwohl sie dort ein bequemes Leben erwartet hätte. „Er hätte sich gelangweilt“, sagt sie. Daniel Pearl übernahm stattdessen das Südasien-Büro des „Wall Street Journal“ in Bombay, seine Frau begleitete ihn. „Wir wollten wirklich wissen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht“, sagt sie. Sie sahen ihren Beruf als eine Möglichkeit, zum Dialog der Kulturen beizutragen. Wahrscheinlich war es auch Neugier und etwas Abenteuerlust wie bei vielen Journalisten. Leichtsinn war es nicht. Daniel Pearl hatte kurz zuvor einen Einsatz in Afghanistan abgelehnt, zu gefährlich. Eines der traurigsten Dokumente in dem Buch ist ein „Memo über den Schutz von Journalisten“, das Daniel Pearl lange vor seiner Entführung verfasst hat. Es hat sich in seinem Fall als völlig nutzlos erwiesen.

Mariane Pearl schweigt, ihre Finger sind ineinander verhakt. Das Buch soll jetzt verfilmt werden, die Produktionsfirma von Brad Pitt und Jennifer Aniston hat die Rechte an dem Stoff gekauft, und Mariane Pearl hat zugestimmt. Neben Daniel Pearl soll „der Captain“, Chef der Einheit zur Terroristenbekämpfung in Pakistan, eine Hauptrolle spielen. „Allein die Vorstellung, dass in einem Hollywood-Film der positive Held ein muslimischer Pakistaner sein wird, ist es wert“, sagt sie, lächelt. Und dann bestellt Mariane Pearl einen Scotch.

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