Zeitung Heute : Das Buch zum Krieg

Staatsmänner sollten weniger auf Generäle hören – sagt der Militärhistoriker Cohen

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Jedes Jahr, nicht ohne Stolz, dringen solche Nachrichten aus dem Weißen Haus, liest George W. Bush – abgesehen vom regelmäßigen Studium der Bibel – ein Buch. Im vergangenen Jahr folgte der amerikanische Präsident der Lektüreempfehlung des Pentagon, und legte sich eine viel diskutierte Studie des Militärhistorikers Eliot A. Cohen auf den Nachttisch. „Supreme Command“ – so heißt das Buch – handelt vom Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung in Kriegszeiten (The Free Press, 25 USDollar). In vier historischen Fallstudien arbeitet der angesehene Historiker von der Johns Hopkins Universität heraus, dass Abraham Lincoln, Georges Clemenceau, Winston S. Churchill und David Ben Gurion als große Männer in die Geschichte eingegangen seien, weil sie sich über die Bedenken und Zweifel ihrer Generäle hinweggesetzt hätten. Nicht nur den Primat der Politik bei der grundsätzlichen Entscheidung über Krieg und Frieden hätten sie behauptet, sondern auch bei der konkreten Ausübung des Kriegshandwerks wären diese Staatsmänner ihren ersten Militärs regelmäßig in die Parade gefahren – und am Ende mit Recht.

In allen vier Untersuchungen geht es um Politiker, die nicht etwa kleine Kriegereien zu bestehen hatten, sondern um Leben um Tod, um die pure Existenz ihrer Sache zu kämpfen hatten. Das vertrackte an Bushs Rolle als Führer in Kriegszeiten seit dem 11. September ist, dass er sich einerseits auch einer totalen Herausforderung gegenüber sieht, der aber andererseits nicht mit den Mitteln eines entgrenzten Kriegs Herr zu werden ist. Das aber macht das Kriegshandwerk für die Staatskunst zur schwer handhabbaren Größe: Jeder Einsatz von Streitkräften, der in der Zeit seit den Anschlägen auf New York und Washington in Erwägung gezogen wurde, werden kann, birgt Risiken in sich, ohne dass ein Sieg schon den Sieg bringen würde. Viel Spiel-, aber auch Wagnisraum für einen Staatsmann, der seine Generäle Mores lehren will.

Nur am Rand übrigens erwähnt Cohen Beispiele, wo die Halsstarrigkeit politischer Führung gegenüber militärischer Expertise in die Katastrophe führte. Die deutsche Geschichte hat da ein besonders furchtbares Beispiel zu bieten. Aber daran jetzt zu erinnern, wäre sicherlich die falsche Nervennahrung für den amerikanischen Präsidenten – genauso wie die Lektüre eines früheren Titels von Eliot Cohen: „Military Misfortunes: The Anatomy of Failure in War“. psi

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