Zeitung Heute : Das Büro- klammern

Es gibt eine Menge guter Gründe, sich in eine Kollegin zu verlieben. Und vieles spricht dafür, sich nicht mit dem netten Kollegen einzulassen.

Cornelia Heim

In dem Film „Schokolade zum Frühstück“ verführt die Sekretärin Bridget (Renée Zellweger) ihren Chef Daniel (Hugh Grant). Die Single-Frau wähnt sich dank der beglückenden Büroaffäre mit dem egoistischen Daniel am Ziel ihrer Träume. Gekapert hat sie ihren Traummann mit halbseidenen E-Mails und figurbetonten T-Shirts. Doch wenn alles wirklich so einfach wäre, gäbe es den seriösen Mark Darcey (Colin Firth) nicht und auch kein zweites Bridget-Jones-Tagebuch. In der soeben angelaufenen Fortsetzungsstory „Bridget Jones – Am Rande des Wahnsinns“ zeigt sich, dass Job und Gefühl sich auch behindern können. Zumal, wenn noch die Eifersucht in Form der bildschönen Assistentin Rebecca auf den Plan tritt.

Bisweilen gibt sich die Realität sogar freundlicher als die Hollywood-Fiktion: Im 21. Jahrhundert ist der Arbeitgeber zum Partnervermittlungsinstitut geworden. Jedes zweite berufstätige Paar in Deutschland hat sich im Job kennen gelernt. 20 bis 35 Prozent aller Ehen sind laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Gewis im Büro geknüpft worden. Das Magazin „Playboy“ behauptet gar, 90 Prozent aller Flirts würden zwischen Fax und Flur beginnen. „Wo sonst als am Arbeitsplatz soll die Masse an jungen, hormonell funktionierenden Leuten ihren Partner kennen lernen, wenn die Freizeit immer knapper wird“, fragt der Unternehmensberater Günter Gross.

Modedesignerin Gabriele Strehle hat ihren Chef geheiratet. Daimler-Chef Jürgen Schrempp seine Assistentin. „Focus“-Markwort liebt „Bunte“-Riekel. Und wo funkt es? 44 Prozent aller verliebten berufstätigen Frauen gaben in der Gewis-Umfrage an: beim Weihnachtsfest. Bei beiden Geschlechtern passiert es offenbar während Betriebsausflügen, Überstunden und Mittagspausen.

In „Aus nächster Nähe“ (1996) beginnt die vertrackte Liaison schon beim Vorstellungsgespräch. Der Nachrichtenprofi Warren Justice (Robert Redford) erkennt da bereits das berufliche Talent von Sally Atwater (Michelle Pfeiffer), einer ehemaligen Kellnerin mit großen Ambitionen im TV-Geschäft. Er wird ihr Mentor, verpasst ihr nicht nur eine neue Frisur und ein neues Geschäfts-Outfit, sondern auch das nötige Know-How. Es kommt, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich – trotz der heiklen Konkurrenzsituation. Sally macht Karriere und wird immer unabhängiger von Warren. Doch je berühmter sie wird, desto mehr glaubt sie, sie komme ohne ihren Berater im Hintergrund nicht mehr aus. Sie macht ihm einen Heiratsantrag, und dann kommt doch wieder alles ganz anders…

Ein Grund für den erotisch-emotionalen Kick zwischen Konferenz und Kantine ist sicherlich der von Experten so genannte „Parfüm-Faktor“. „Nirgends ist man so gut gestylt, so gepflegt und so frisch wie im Job“, meint die Berliner Kommunikationstrainerin Meike Müller, die das Buch „Rendezvous am Arbeitsplatz“ verfasst hat. Das soziale Netz der arbeitenden Bevölkerung, vor allem der unter 40-Jährigen, ist heute oft eindimensional geknüpft: Nicht selten rekrutiert sich der Freundeskreis ausschließlich aus Kollegen. Die Arbeit wird zum Lebensmittelpunkt, der Arbeitsplatz damit auch zur erotischen Kontaktbörse.

Das US-Fachblatt „Psychology today“ spricht angesichts der neuen gesellschaftlichen Realität gar von einer „Liebesexplosion am Arbeitsplatz“ und begründet diese damit, dass „wir heute alle schneller, smarter arbeiten und mehr von uns in den Job einbringen“. Schuften macht sexy und Stress verbindet. Der Münchner Soziologieprofessor Ulrich Beck drückt das etwas vornehmer aus: „Die Berufssphäre ist ein Bereich, wo ein gemeinsamer Bedeutungshorizont dauerhaft präsent ist.“ Soll heißen: Die gegenseitige Anziehungskraft im Job beruht darauf, dass ähnliche Talente mit ähnlichen Interessen und demselben Background aufeinander treffen. Vor allem in Kreativberufen provoziert das Arbeiten in kleinen Teams eine größere menschliche Intimität. Lutz von Rosenstiel, Psychologie-Professor an der Universität München, dazu: „Es gibt kaum ein anderes Feld, in dem man Stärken und Schwächen des anderen so gut kennen lernt wie bei der Arbeit.“

Das beschreibt mit komödiantischem Charme bereits die 1960 gedrehte und mit fünf Oscars gewürdigte Romanze „Das Apartment“. Doch zunächst geht es scheinbar erst mal nur um Karrieresucht und Macht als Aphrodisiakum: Der Versicherungsangestellte Bud (Jack Lemmon) hofft mit Hilfe von Gefälligkeiten, endlich Karriere machen zu können. Er leiht seine Wohnung dem Firmenchef J.A. Sheldrake (Fred MacMurray) – für dessen heimliches Stelldichein. Spätestens als dieser seine Kollegin Fran (Shirley MacLaine) abschleppt, die Bud selbst inniglich verehrt, wird die Dreiecksgeschichte kompliziert: Fran, die irgendwann kapiert, dass J.D. sie nur benutzt, versucht sich umzubringen und fällt schlussendlich ihrem heimlichen Verehrer und Erretter Bud in die Arme.

Ein unumstrittener Vorteil der Büroliebe ist ihre längere Haltbarkeit. Mündet jede zweite Beziehungskiste im Betrieb in eine langfristige Bindung, ist dagegen nur jede 17. „draußen“ begonnene Liaison dauerhaft. Anders als in der Disco, wo man sich oft im Affekt und mit vom Alkohol vernebelten Sinnen hinreißen lässt, kann man sich bei der Arbeit Zeit lassen, das Objekt der Begierde ausführlich und vor allem unauffällig in Augenschein zu beobachten.

Und so wird die Büro-Liebelei zum Leistungs-Verstärker: „Gute Teams haben meist eine erotische Komponente“, sagt Shere Hite. Die amerikanische Sexforscherin schreibt: „Business ohne Sex ist eine Illusion.“ Das kommt auch den Chefs bisweilen sehr zupass. „Liebe zwischen Kollegen steigert die Motivation“, glaubt die Hamburger Karriereberaterin Sabine Breitbart. Die amerikanische Soziologin Lisa A. Mainiero, die drei Jahre lang empirische Daten zusammengetragen hat, behauptet in ihrem Buch „Liebe im Büro“ ebenfalls, Liebende würden nicht weniger oder sogar schlechter arbeiten. Im Gegenteil: „Erhöhte Arbeitsleistung ist ein Mittel, um den potenziellen Liebespartner zu beeindrucken.“ Von der Verliebtheit könne bisweilen gar die Produktivität des Unternehmens profitieren: Schließlich drehen sich auch Gespräche nach Dienstschluss oft noch ums Geschäft.

So ist es auch in „Working Girl“ (1986), wo die ehrgeizige Sekretärin Tess (Melanie Griffith) nach Vertragsabschluss im Bett mit ihrem Verhandlungspartner Jack (Harrison Ford) landet. Dumm bloß, dass es sich bei jenem Mann um den Freund der eigenen Chefin (Sigourney Weaver) handelt, die zuvor durch einem schlimmen Skiunfall außer Gefecht gesetzt worden war und von Tess in jeder Hinsicht hervorragend vertreten wurde. So viel zum Thema Über-Motivation...

Einer Umfrage des Job- und Wirtschaftsmagazins „Junge Karriere“ zufolge tolerieren 79 Prozent aller Unternehmen die Romanze am Arbeitsplatz. 21 Prozent der Chefs allerdings fürchten schon, dass Leistung und Betriebsklima darunter leiden können und zwei Drittel der Firmenchefs befürworten eine Versetzung, wenn durch eine Büroliebelei der Teamfrieden insgesamt gestört werden sollte.

Beim beruflichen Liebesspiel gibt es keine Rückzugszone. „Liebespartner, die zusammenarbeiten, leben in einem Glashaus“, warnt Expertin Mainiero, „alles, was sie tun, wird ständig von wachsamen Augen verfolgt.“ Vor allem bei den im Fachjargon so genannten „vertikalen Rendezvous“, den klassischen Konstellationen Pilot und Stewardess, Arzt und Krankenschwester, Chef und Sekretärin, wo die Partner unterschiedliche Stufen der Karriereleiter besetzen. Solche Affären seien in der Regel destruktiv, meint die Soziologin Mainiero, weil oft Sexualität im Austausch mit Macht eingesetzt werde. Was passiert zum Beispiel, wenn ein verliebter Vorgesetzter von seiner Angebeteten brüsk zurückgewiesen wird? Wird er Druck auf seine Mitarbeiterin ausüben, kann er ihre berufliche Leistung wirklich noch neutral beurteilen? Enttäuschte Liebe kann in vielen Fällen extremes Mobbing provozieren.

Ein Paradebeispiel für emotionale Intrigen am Arbeitsplatz ist der Psycho-Thriller „Enthüllung“ (1994). Dort spielt Meredith (Demi Moore) eine knallharte Karrieristin. Im supersexy Business-Kostüm bedrängt sie aggressiv ihren ehemaligen Geliebten und jetzigen Mitarbeiter (Michael Douglas), dem sie soeben die lang ersehnte Beförderung weggeschnappt hat. Der verheiratete Tom verweigert sich seiner Chefin auf dem Schreibtischstuhl, sie zeigt ihn wegen sexueller Belästigung an. Er lässt sich das nicht gefallen und macht das triebhafte Machtspiel mit einer Gegenklage wegen sexuellen Missbrauchs am Arbeitsplatz öffentlich. Nun fliegen die Fetzen: vor Gericht und im Job.

Gerhard Winkler, Gründer des Karrieredienstes jova-nova.com, bringt das Problem im wirklichen Leben auf den Punkt: „Die Konstellation Chef und Mitarbeiter endet meist in einer Katastrophe.“ Der Grund ist offensichtlich: „Wenn Sie mit einem Kollegen anbandeln, verlieren Sie nur den Kollegen. Bandeln Sie mit dem Chef an, verlieren Sie ihren Job.“ Und bei Chefinnen mit Liaison nach unten verkompliziert sich das Ganze noch mehr. „Anders als Männer, die oft zumindest insgeheim Bewunderung für ihre Eroberung ernten“, meint die Hamburger Management-Trainerin Mirjam Gollenia, „gelten Frauen dann rasch als unprofessionell.“

Vermutlich aus Angst vor Repressalien oder Kollegen-Tratsch auf den Fluren weiht nur eines von drei Paaren Kollegen und Chefs in sein Geheimnis ein. Trotzdem halten 88 Prozent aller deutschen Personalchefs nichts vom Versteckspiel und empfehlen dem Büropaar, sich dem Team zu offenbaren. Wiewohl Psychologen davor warnen, sich der Liebe im Büro freizügig hinzugeben: Ein Begrüßungskuss ist okay, Händchenhalten vielleicht auch, aber mehr nicht.

Ex-Lieben sind auch dem Job alles andere als dienlich. Der Soziologieprofessor Ronald Hitzler sagt: „Wenn Menschen tief verletzt werden, wie das bei einer Trennung meist der Fall ist, gelten keine Regeln mehr.“ Im Fall des Scheiterns kann die ehemalige Liebesgeschichte zur verhängnisvollen Affäre ausarten. „Schlimmstenfalls“, sagt die amerikanische Wissenschaftlerin Mainiero, „kann eine zerbrochene Romanze die Karriere eines oder beider Partner zerstören.“

Nur Bridget Jones kriegt ihn doch. Bloß welchen von beiden?

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