Zeitung Heute : Das Bürohaus in der Mohrenstraße ist ein "Herausragendes Beispiel für lebendige Denkmalpflege"

Harald Olkus

Die Verbände und Spitzenorganisationen der Wirtschaft haben ihre Domizile in Berlin gefunden und sind zum Teil auch schon umgezogen. Wichtig für die Wahl des Standortes waren offensichtlich die zentrale Lage und die Nähe zum Regierungsviertel. So hat sich der Deutsche Industrie- und Handelstag direkt auf der Spreeinsel einen Neubau errichtet. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) zieht dagegen in ein Bürohaus am Hackeschen Markt und entscheidet sich so gegen den traditionsreichen Standort im wieder hergerichteten Bürogebäude des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes an der Wallstrasse. Allerdings "hat auch manche prominente Denkmaladresse durch die geplanten Umzüge einen Nachnutzer und damit eine sinnvolle Erhaltungsperspektive gefunden", konstatiert der Leiter des Landesdenkmalamtes Berlin, Jörg Haspel, im Heft 15 der Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin.

Darin wird auch die Geschichte des jetzigen Sitzes des Verbands des Deutschen Handwerks dokumentiert, der sich in der Mohrenstraße ein bemerkenswertes denkmalgeschütztes Bürohaus gekauft und behutsam restauriert hat. Das neue "Haus des Deutschen Handwerks" veranschauliche "als beredtes Zeugnis in vielfacher Weise Zeit-, Stadt-, Planungs-, und Architekturgeschichte", urteilt Denkmalpfleger Norbert Heuler. Das Gebäude hat seine besondere Bedeutung zum einen durch seinen zentralen Standort in der Nähe der Regierung, dann durch den "Einsatz der auf klassizistisches Formenrepertoire rekurrierenden Architektur des noch jungen Staates DDR" und schließlich wegen des anspruchsvollen Interieurs und der hohen handwerklichen Qualität der Ausführung.

Das im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts als Geschäftshaus errichtete Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und sollte in den Jahren 1950 bis 1954 als Parteizentrale der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD) in völlig neu gestalteter Form wieder aufgebaut werden. Die NDPD war im Blockparteiensystem auf die konservative Mittelschicht ausgerichtet und galt als Sammelbecken für nichtbelastete ehemalige Mitglieder der NSDAP. Zudem verstand sie sich als Vertretung der Handwerker und Gewerbetreibenden. Doch kurz nach Baubeginn beschloss das Ostberliner Stadtplanungsamt, die relativ enge Friedrichstraße in einen Prachtboulevard von 66 Metern Breite zu verwandeln. Dazu sollten sämtliche Häuser an der östlichen Straßenseite abgerissen werden. Der an der Mohrenstraße stehende Neubau wäre somit zum Eckhaus geworden und die Seitenwand zur Fassade an der Friedrichstraße. Das Gebäude musste umgeplant, diese Seite entsprechend aufgewertet werden.

Repräsentative Großstadtarchitektur

Das Haus erhielt eine turmartige Erhöhung, die dazu noch als Vorsprung gestaltet wurde. Erdgeschoss und erstes Obergeschoss bilden eine Sockelzone, die durch kräftige Pfeiler und Bögen "beinahe monumental wirkt und den Anspruch der Bauherren nach repräsentativer Großstadtarchitektur erkennen lässt".

Auch das Innere wurde mit viel Sorgfalt entworfen und blieb überwiegend in gutem Zustand erhalten. Der Grund für die durchgängig sehr hohe Ausarbeitungsqualität sei sicherlich darin zu sehen, dass sich die NDPD in ihrer Gründungsphase als Interessenvertretung der Handwerker und Gewerbetreibenden verstand, und zugleich ein junger Staat die Gelegenheit nutzte, die Leistungsfähigkeit seiner Arbeiterschaft unter Beweis zu stellen.

Besondere Beachtung verdient ein umlaufender Keramikfries im Foyer des Gebäudes. Die von Waldemar Grzimek entworfenen und von Hedwig Bollhagen in Marwitz bei Velten hergestellten Kacheln zeigen Szenen aus Arbeitswelt und Freizeit: Architekt und Bauherren, eine Autowerkstatt, Maurer, eine Töpferin sowie Bäcker, Arzt und Forscher. Dem gegenüber stehen Fußballer, eine Strandszene, ein Paar auf einem Segelschiff, ein Jäger und Männer im Biergarten. Im Unterschied zum Wandbild am nicht weit entfernten Reichsluftfahrtministerium zeigt der Fries nicht die üblichen Aufbau-Szenen, die den jungen Staat glorifizieren, sondern wirkt in seiner Darstellung der Freizeitidyllen beinahe eskapistisch.

Der Bauherr, Norbert Heuler, wollte sein Haus selbst nutzen und nicht, wie im Regelfall, erwerben, um es instand zu setzen und dann zu vermieten und weiterzuverkaufen. Dies habe die Arbeit der Denkmalpflege erheblich erleichtert. "Erste Gespräche zwischen dem Bauherrn und der zuständigen Behörde waren noch von Skepsis geprägt gegenüber einem Erbe, das Verpflichtung und Einschränkung bedeutet sowie von der Befürchtung, die Erhaltungsforderungen könnten die Nutzungsmöglichkeiten für den Zentralverband des Deutschen Handwerks zu sehr beeinträchtigen." Die wesentlichen baulichen Veränderungen beschränkten sich auf den großen Saal im Erdgeschoss, der erweitert wurde sowie auf den Einbau eines zusätzlichen Aufzugs. Für die Denkmalpflege ist das Bürogebäude ein herausragendes Beispiel für lebendige Denkmalpflege, und "das Sanierungsverfahren nachahmenswert wegen der konstruktiven und vertrauensvollen Kooperation zwischen Bauherr, Architekten und Denkmalpflege".Vom Geschäftshaus zum Haus des Deutschen Handwerks: Baudenkmalpflege in der Friedrichstadt; Landesdenkmalamt Berlin; Verlag Schelzky und Jeep, 1999.

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