Zeitung Heute : Das Chaos von Mogadischu: Umschulung für Anarchisten

Christoph Link

Diese Stadt ist am Nullpunkt. Der Hafen ist geschlossen, der Internationale Flughafen ebenfalls. Geschäftsleute reisen mit kleinen Propellermaschinen aus Nairobi an, die tonnenweise die Blätterdroge Khatt geladen haben, und landen auf der Sandpiste des kleinen Jesira-Airports weit draußen vor der Stadt. Kein Zoll, keine Polizei, kein Haus, keine Hütte. Dafür wartet an der Düne die täglich 200 US-Dollar teure Schutztruppe des Hotels, sechs Mann mit Maschinengewehren auf einem Pick-Up.

Mogadischu ist gefährlich. In zwölf Monaten sind zehn Mitarbeiter humanitärer Hilfsorganisationen bei Überfällen erschossen worden. Der Marktwert für einen gekidnappten Ausländer betrage 50 000 US-Dollar, sagt der australische Entwicklungshelfer Tony Burns, der von sich behauptet, seit Jahren der einzige Weiße in Mogadischu zu sein. Fast alle Botschaften haben aus Sicherheitsgründen geschlossen, nur die Vertretung Libyens hält noch die Fahne hoch.

Auf dem Weg in die Stadt fährt man an einer zerschossenen Raffinerie vorbei, einem zertrümmerten Elektrizitätswerk und einer zerstörten Wohnsiedlung. Seit dem Sturz des Diktators Siad Barre 1991 herrscht Bürgerkrieg in Somalia. Zwei arme Nordprovinzen - Somaliland und Puntland - haben sich abgespalten, um dem Chaos zu entfliehen. Doch die meisten der zehn Millionen Einwohner Somalias leben im einst reichen Süden, in der grünen Gartenlandschaft rund um Mogadischu, in einem Land ohne Gesetze.

An der Einfahrt von Mogadischu warten die ersten Wegelagerer: verwegene Gestalten mit Gewehren, die um einen Kleinbus herumsitzen. "Das sind Freiberufler, die gehören zu keinem Warlord", sagt Ajos, der Hotelmanager. Von jedem Khatt-Lastwagen, der in die Stadt kommt, verlangen die "Freelancer" zehn Dollar. Bei der Fahrt durchs Zentrum wird das Tempo erhöht. Ein britischer Fotograf möchte Bilder von den Ruinen machen, doch der Fahrer weigert sich anzuhalten. Er fürchtet die Banditen.

Die Kriegsherren haben die Hauptstadt untereinander aufgeteilt. Doch vor einem halben Jahr ist eine neue Kraft ins Spiel gekommen. Auf einer monatelangen Konferenz in Arta bei Djibouti haben friedlich gesonnene Clanführer einen Präsidenten und ein Parlament für eine dreijährige Übergangszeit bestimmt. Präsident Abdoulkassim Salat Hassan zog im August in Mogadischu ein, von Tausenden als Heilsbringer umjubelt. Seine mehr als 200 Parlamentarier wohnen im Hotel, denn alle Staatsgebäude sind zerstört. Ein Abgeordneter und ein enger Berater des Politikers wurden bislang erschossen.

Das Ziel des Präsidenten Salat Hassan ist anspruchsvoll: langsam staatliche Strukturen aufzubauen, vorsichtige Distanz zu den Warlords zu wahren und gleichzeitig den Dialog mit ihnen zu suchen. In der frisch renovierten Residenz des Präsidenten, einem Privathaus im Stadtteil Medina, ist ein neues Machtzentrum entstanden. Schranken, Fahnen, Wachposten, Geschütze und ein stattlicher Fuhrpark - es sieht aus wie ein Anfang von Staatlichkeit. Von hier aus predigt Salat Hassan, einst Premierminister unter Barre, seine Botschaft: "Das Volk der Somalis ist fähig, sein Land wiederaufzubauen." Es bedürfe aber der internationalen Unterstützung.

Das Unheil, das die Warlords in Mogadischu angerichtet haben, ist kaum in Worte zu fassen. 30 000 Menschen, schätzt die BBC, sind seit 1991 ums Leben gekommen. An jeder Straßenecke stehen Männer mit Maschinengewehren, täglich kommt es zu Schießereien aus nichtigem Anlass. Im alten Hafen spielen Jugendliche Fußball; als ein Ball gegen ein Auto prallt, springen Gewehrträger vom Wagen und fuchteln wütend mit den Waffen, bis sie eine Entschuldigung erhalten.

In der verelendeten Stadt sind Cholera und Tuberkulose verbreitet, 250 000 Flüchtlinge leben in Laubhütten, auf Schulhöfen und in Ruinen. Tony Burns schätzt, dass nur drei Prozent der Kinder zur Schule gehen. Doch die Menschen schöpfen Hoffnung. Denn die neue Regierung, die von Geschäftsleuten finanziell unterstützt wird, hat Taten vollbracht. Sie hat den Waffenmarkt geschlossen und eine Putzaktion organisiert, bei der stinkender Müll beseitigt wurde.

Zu den Fans der neuen Regierung gehört der 75-jährige Passfälscher Hasi Deg-Deg. Im Gewimmel des von Stacheldraht durchzogenen Barkara-Marktes hat der rüstige Alte mit dem rot gefärbten Bart ein Fotogeschäft. "Die Warlords sind seit zehn Jahren an der Macht und haben überhaupt nichts für uns getan", klagt Deg-Deg. Andererseits hat er von der Staatenlosigkeit profitiert, Tausende der grünen "Baasaboor", der somalischen Pässe, hat Deg-Deg in den letzten zehn Jahren für 25 Dollar das Stück verkauft. Die Dokumente, geliefert aus Druckereien in Indien und Pakistan, werden über Dubai ins Land gebracht. Man darf sie selbst ausfüllen, die Unterschrift des Außenministers fälscht ein Mitarbeiter Deg-Degs.

Es gibt Zeichen der Besserung in Mogadischu, und die kommen aus der Geschäftswelt: Trotz der Anarchie haben sich zehn Mobil-Telefongesellschaften und ein Internet-Provider etabliert, und ein Somali-Kanadier hat eine private Fernsehstation gegründet. Augenfälligstes Beispiel für mehr Ordnung aber ist die Aufstellung einer Polizeitruppe. Die Polizeiwachen sind die einzigen intakten Häuser in der Stadt: "Wir haben hier zehn Jahre lang mit unseren Familien ausgeharrt", sagt der 60-jährige Hauptwachtmeister Amin Zid Ahmed. Er führt in den Innenhof, wo eine kleine Truppe marschieren lernt, ergraute Polizisten aus der Barre-Zeit mischen sich mit jungen Männern und Frauen, ehemaligen Milizionären, die die Fronten wechselten. Die Regierung will 2000 alte Polizisten aus der Barre-Diktatur übernehmen und hat 2000 Ex-Kämpfer umgeschult.

Die Polizei ist noch schwach. Vor jedem der vier eröffneten Reviere stehen private "Technicals", Pritschenwagen mit aufmontiertem Geschütz und schwer bewaffneter Mannschaft. Der Staat muss Milizen anheuern, um seine Ordnungskräfte zu schützen. Bei Familienstreitigkeiten und Diebstählen schreitet die Polizei schon ein. Doch dem Konflikt mit den Warlords weicht sie noch aus.

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