Zeitung Heute : Das Christuskind besuchen

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Jan und Josefine lieben Rollenspiele. Mal sind sie Mama und Papa, die Eltern ergeben sich dann in ihr Schicksal als Kinder. Dann wieder krabbeln sie fauchend als Raubtiere auf allen Vieren übers Parkett. Und wehe, die Zweibeiner bringen sich nicht schlotternd in Sicherheit. Seit Weihnachten erfreut sich das Modell Heilige Familie größter Beliebtheit. Zunächst drapieren sich die beiden mit Wallegewändern als Maria und Josef, dann wird die Puppe als Christuskind verpackt. Seitdem sind Jan und Josefine begeistert, wenn es sonntags in die Kirche geht. Dort ist das Originalsetting mit Gold und Kerzenschein noch zu sehen, eindrucksvoll genug auch ohne die singenden Engel vom Weihnachtsspiel.

Kirche, das ist für Jan und Josefine wie Kindertheater, nur mit mehr Musik. Zunächst wird die Sitzordnung festgelegt, wer neben wem auf der Kirchenbank Platz nehmen darf – für dreieinhalbjährige Zwillinge ein Dauerbrenner, egal ob sie ins Auto klettern oder sich zum Frühstück setzen. Dann werden die Sichtverhältnisse zum Altar geklärt, die Gesangbücher inspiziert und schließlich die Banknachbarn aufmerksam studiert. „Mama, warum hat die eine so große Brille auf?“, will Josefine in Richtung einer sehbehinderten älteren Dame wissen. „Schläft die jetzt?“, fragt Jan noch ein bisschen lauter. Das ist erst der Anfang, denn noch größere Rätsel gibt die Predigt auf: „Wer ist Johannes?“ „Was heißt ,Plötzlich’?“ „Wieso gestorben?“ Wir versuchen dann rechtschaffen Antwort zu geben und setzen auf die fromme Geduld unserer Banknachbarn. Spätestens beim Handreichen zum Friedensgruß wissen wir, ob Jan und Josefine es zu weit getrieben haben.

In letzter Zeit trennen wir uns immer einvernehmlich; die elterlichen Stoßgebete werden offensichtlich erhört. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da hätten Jan und Josefine beinahe ein Gemeindeschisma ausgelöst: Die einen verlangten die Entfernung solcher Bälger, dem hielten die anderen das Bibelzitat „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“ entgegen. Danach sind wir eine Weile zu Hause geblieben. Damals konnten Jan und Josefine allerdings auch noch nicht sprechen. Geschweige denn, Maria und Josef spielen.

Die St.-Ludwig-Kirche bietet jeden Sonntag um 10.30 Uhr einen Kindergottesdienst.

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