Zeitung Heute : Das Design am rechten Fleck

HELMUT MERSCHMANN

Business-Karten, Geschäftsbriefe, Aktenordnerrücken und noch so manches mehr bedürfen, sofern sie zum selben Unternehmen zählen, eines einheitlichen Designs.Das Logo wohlplaziert, die Leerzeilen exakt bemessen und nur bestimmte Farben zugelassen - solche Standards gehören zum guten Ton in der Geschäftswelt.Nicht bloß im äußeren Auftritt fordern Firmen die Einmaligkeit.Auch bei internen Abläufen, den Informations- und Kommunikationsprozessen ihrer Mitarbeiter, darf es an Kongruenz nicht fehlen, an Corporate Identity.Größere Firmen unterhalten zu diesem Zweck eigene Abteilungen, die dafür Sorge tragen, daß nicht jeder Mitarbeiter selbst zu Lineal und Farbstift greift.

Bei Fusionen von international agierenden Konzernen stellt sich darüber hinaus das Problem, Identifikationsprozesse überhaupt erst einzuleiten.Wie bringt man den Mitarbeiter in Übersee dazu, an den neuen Firmengeist zu glauben und dessen Gestaltungswillen anzunehmen? Hier gilt die Corporate Design Kommunikation als guter Weg zur Identitätsstiftung.Längst beschränkt sich "das bewußte Erzeugen einer Wirkung durch die Gestaltung", wie es in den Design-Bibeln heißt, nicht mehr bloß auf das Produkt.Auch Kommunikation will modelliert werden.

Unter dem Titel "Building Community by Communication" fand im Internationalen Design Zentrum Berlin ein von der Siemens Design und Messe GmbH ausgerichteter Workshop statt.Die Tochterfirma des Elektronikriesen kann auf viele Jahre Erfahrung im Bereich von Produktgestaltung und Corporate Design zurückblicken.Unternehmen dieser Größenordnung lenken immer viel Aufmerksamkeit auf ihr Image auch unter den eigenen Angestellten.

In Sachen Corporate Identity wird es für moderne Großkonzerne zunehmend wichtig, auf zeitgenössische Formen der Kommunikation zurückzugreifen - schon aus Kostengründen.Ein Online-Service erscheint als geeignetes Mittel, die weltweit verstreuten Filialen mit den neuesten Ideen aus der Chefetage und den Designerschmieden zu versorgen.Hauseigene Netzwerke - sogenannte Intranets - gewährleisten den steten Fluß von Informationen.

Neben der E-Mail-Kommunikation umfassen sie beim Siemens-Konzern komplette Homepages mit Download-Bereichen, wo von der richtigen Schrifttype über Farbmuster, Logos und Powerpoint-Schablonen bis zu Stil-Handbüchern und megabyteschweren Plakatmotiven alles vorhanden ist, was der Firma und ihrem angestrebten Erscheinungsbild am Herzen liegt.Daß sich ein Corporate Design am rechten Fleck jedoch konsequent einheitlich durchhalten ließe, scheint hingegen eine Illusion.

Eher noch gleicht es einem Ideal, das angestrebt, nie aber hundertprozentig erreicht wird.In Konzernen wie Siemens sieht man deshalb von strengen Direktiven ab.Keine ausländische Tochterfirma wird zur Einhaltung des Corporate Design gezwungen.Vielmehr setzt man auf "Evolution statt Revolution", auf ständige, kleine Verbesserungen in kurzen Zeitabständen, die von den Mitarbeitern als Arbeitsmittel leicht angenommen werden.

Ohnehin zeigt die Praxis, daß viele Anregungen aus den einzelnen Geschäftsbereichen kommen und daraufhin erst von den Designabteilungen konzipiert werden.Damit eine größtmögliche Annäherung an den Idealzustand geschieht, empfehlen sich Autoren-Tools, die den Umgang mit den Designmaßgaben so einfach wie möglich halten.Sämtliche Papiere und Formulare können standardisiert werden und lassen sich dann menügesteuert erstellen.Auch für die Webseiten von Tochterfirmen und Abteilungen, die in Großkonzernen manchmal dezentral ans Intranet angebunden sind, werden Module maßgeschneidert.

Spätestens bei einer täglich aktualisierten und mehrere hundert Seiten umfassenden Webpage laufen die Firmen in Gefahr, den Überblick zu verlieren.Ein Redaktionssystem, wie es bei Zeitungen üblich ist, muß her.Routinemäßig erledigt es bestimmte Aufgaben automatisch.Die Redakteure gießen nur noch den reinen Text in das System wie in eine Form.Den Rest erledigt das Programm.Das erleichtert die Arbeit natürlich ungemein, und man kann sich anderen Dingen widmen, vielleicht Gedanken zum Inhalt.

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