Zeitung Heute : Das Design bestimmt das Sein

Die Spuren, die der Mensch im Netz hinterlässt, wird er nicht mehr los – die Lust an der Kommunikation hat Risiken

Norbert Bolz

Sicherheit ist das große Thema der Internet-Gesellschaft, weil Unsicherheit ihr Lebenselement ist. Bekanntlich kann man das Internet nicht kontrollieren, weil es zu komplex und dezentral strukturiert ist. Information fließt frei; das erkennt man daran, wie aufwändig, schwierig und letztlich erfolglos Zensurversuche sind. Das ist die technische Seite. Hinzu kommt vonseiten der Nutzer, dass das Internet nicht nur ein Medium der Informationsverarbeitung ist, sondern auch die Kommunikationslust weckt. In bisher unvorstellbarem Ausmaß kommunizieren wir um des Kommunizierens willen – aus schierer Lust am multimedialen Geschwätz. Und schließlich nutzen immer mehr Menschen das Internet als Bühne der Selbstdarstellung, und zwar durchaus auch im Blick auf ihre berufliche Karriere. Aus all dem folgt: Das Internet kann nicht sicher, sondern nur robust sein. Sehen wir näher zu.

Der besorgte Datenschützer ist eine neue Sozialfigur der modernen Welt. Und in der Tat gibt es Grund zur Sorge. Die Guten und die Bösen benutzen dieselben Technologien – das ist das politische Grundproblem des Internetzeitalters. Terror und Terrorbekämpfung, bin Laden und Schäuble arbeiten im selben Netz. Kunden möchten als Individuen behandelt werden und hinterlassen gerade dadurch Datenspuren, aus denen findige Programme „Profile“ erstellen können. Solche stochastischen Profile führen unter dem harmlosen Namen „Trends“ längst ein Eigenleben in der Öffentlichkeit. Identity Management ist ein neuer technischer Begriff, der um Sicherheitsfragen im Netz, Kundenprofile und Datenspuren kreist.

Die digitalen Kommunikationswunder, an die wir uns so rasch gewöhnt haben, fordern also ihren Preis. Sie machen die Welt transparent, und alle Informationen sind nur noch einen Mausklick weit entfernt. Aber damit werden wir selbst transparent, und es sind eben auch die Informationen über uns als User, Kunden und Bürger, die für alle anderen nur noch einen Mausklick weit entfernt sind. Der technische und intellektuelle Aufwand, der erforderlich ist, um hier steuernd und schützend einzugreifen, ist gigantisch. Wie bei Atomkraftwerken ist auch im Internet der Aufwand, der zur Sicherung gegen Risiken und Nebenfolgen getrieben wird, größer als die Sache selbst. Und längst ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, dass Unternehmen die Hacker, die gerade in ihr abgeschirmtes Informationssystem eingebrochen sind, als neue Sicherheitsexperten anheuern.

Permanente Verunsicherung ist die Rückseite der Segnungen von Weltkommunikation. Dieses Problem kann man nicht lösen, sondern nur so modellieren, dass es handhabbar wird. Das setzt ein paar grundsätzliche Überlegungen zur Technisierung unseres Alltags voraus. Technik funktioniert ohne Konsens, und funktionierende Technik kann man nicht irritieren.

Und in eben diesem Geist arbeitet man heute an intelligenten Technologien, die im Jargon amerikanischer High-Tech-Institute things that think heißen. Immer mehr von dem, was gedacht werden muss, wird von Dingen gedacht.

Unsere Zivilisation könnte also zur Not auf intelligente Menschen verzichten, aber nicht auf denkende Dinge. Nicht das, was Menschen denken, sondern das, was man ihnen zu denken erspart, bringt den zivilisatorischen Fortschritt. Das Soziale setzt also Technisierung voraus – gegen die Natur. Aber diese Technik verbirgt sich im Vertrauen der Nutzer. Man könnte es auch so sagen: Technik ermöglicht unschädliche Ignoranz. Doch die Angst bleibt immer im Hintergrund. Technik funktioniert nämlich nicht nur sprachlos, sie macht auch sprachlos – und deshalb wird sie dämonisiert.

Das ist rasch erklärt. Was machbar ist, wird gemacht. Und was läuft, muss nicht mehr begründet werden. Hinzu kommt, dass dieses Funktionieren immer undurchsichtiger wird. Seit der Elektrifizierung der Welt steigert die Technik unaufhörlich die Zeichenwerte. Auslöser, Sensor, Knopf drücken, Mausklick – das sind unspezifische Handlungen, die überhaupt keinen Rückschluss mehr auf das erlauben, was sie in Gang setzen.

Ein benutzerfreundlicher Computer lässt mich deshalb vergessen, dass ich es mit einem Rechner zu tun habe; sein Interface-Design schirmt mich ab gegen die posthumane Technologie des Digitalen. Im Klartext heißt das: Man kann sein ganzes Leben Auto fahren, ohne auch nur ein einziges Mal unter die Motorhaube schauen zu müssen. Und man kann eben auch sein ganzes Leben am Computer arbeiten, ohne auch nur ein einziges Mal unter die Benutzeroberfläche, das User Interface, schauen zu müssen. Benutzerfreundlichkeit ist also genau das, was der Soziologe Helmut Schelsky einmal als „Vertrautheitsselbsttäuschung“ bezeichnet hat.

Schon heute gibt es Computer, die man am und im Leib trägt. Und die Technik rückt uns immer weiter auf den Leib; aus den peripheren werden implantierbare Geräte. In seinem Roman Heliopolis von 1949 hatte Ernst Jünger das Kommunikationsmedium „Phonophor“ erdacht. Der Phonophor ist ein Allsprecher, der jeden mit jedem verbindet und damit das alte Ideal des pausenlosen Forums, der permanenten Tagung technisch implementiert; er ermöglicht die planetarische Volksversammlung genauso wie die instantane Volksbefragung. Der Phonophor ersetzt den Personalausweis, Uhr und Kompass; er vermittelt die Programme aller Sender und Nachrichtenagenturen und gibt über ein Zentralarchiv Einblick in alle elektromagnetisch gespeicherten Texte; so dient er als Zeitung, Bibliothek und Lexikon.

Ernst Jüngers präzise Fantasie des „Phonophor“ wird heute technische Wirklichkeit. Nach der Telekommunikation wird jetzt auch die Nahdistanzkommunikation revolutioniert, nämlich durch sogenannte Personal Sensory Device Interfaces, also tragbare Sensoren und Computer. Die Menschen tragen Informationen über sich und ihre Arbeit, ihre Interessen und Vorlieben mit sich, die dann in Gruppensituationen ganz automatisch mit den anderen ausgetauscht werden können.

Wie Kleider tragbare Computer, die als Informationsassistenten funktionieren, zeigen sehr schön den Paradigmenwechsel an, der die fortschreitende Digitalisierung unserer Lebensverhältnisse bestimmt. Der Computer wird von der Black Box zum Kleidungsstück und schließlich zum Implantat. Zum andern gewinnen Computer, etwa als Roboter, eine Art Leben, d.h. sie treten zunehmend als sozial Handelnde auf. Und ganz entsprechend entwickeln die Nutzer ein soziales Verhalten gegenüber Technologien. „Bots“ nennt man die Softwareäquivalente von Robotern, die stellvertretend für uns als Agenten im Internet kommunizieren, suchen und verhandeln. Zu diesen neuen Agenten zählen wir die adaptiven Avatare, die Trusted Thrid Parties und die vielfältigen Communities. In all diesen Fällen haben wir es mit einer Art digitalem Cloning von Interaktivität zu tun. Und das wäre eine durchaus robuste Definition: Agenten sind digitale Klone von menschlicher Interaktion.

Von intelligenten Umwelten kann man genau dann sprechen, wenn Mikro-Computer in alle unsere Alltagsgegenstände eingedrungen sind: Schuhe, Kleider, Kühlschränke, Zimmerwände. Und prinzipiell wäre es möglich, alle Alltagsobjekte zu vernetzen, um sie ständig unter Kontrolle zu haben. Nicht nur die Menschen wären dann „online“, sondern auch ihre Artefakte. Das würde voraussetzen, dass unsere gesamte Umwelt von Relais-Stationen durchdrungen wäre – die Bluetooth-Technologie weist bereits in diese Richtung. Das heute schon weltweite Netz wäre dann allgegenwärtig und gerade deshalb unsichtbar – eine Art freundlicher „Matrix“.

Doch nicht nur diese medientechnischen Revolutionen machen den Datenschützern Angst. Viele, vor allem junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind und es als eine zweite Natur erfahren, können mit unseren klassischen Begriffen von Privatsphäre und Intimität gar nichts mehr anfangen. Deutschland sucht den Superstar und Casting-Shows im Fernsehen, YouTube und MySpace im Internet signalisieren Exhibitionismus und Voyeurismus als neuen Megatrend. Doch was steckt dahinter?

YouTube spricht es aus: Broadcast yourself. Hier geht es um neue Formen einer öffentlichen Zurschaustellung von Identität. Genau 100 Jahre nachdem Oscar Wilde den Begriff Self-culture prägte, treten wir ins Zeitalter des Selbst-Design ein. Statt das „wahre“ Selbst zu entdecken, geht es den Jugendlichen darum, ein interessantes Selbst zu erschaffen. Anprobieren – das macht man heute nicht mehr nur mit Kleidern, sondern auch mit Lebensstilen und Weltanschauungen. Und damit reagieren die Internet-Kids unbewusst auf die neuen Anforderungen der modernen Gesellschaft.

Wer bin ich? Auf diese Frage wird man heute antworten: Gib deinen Namen bei Google oder Yahoo ein; google deine Identität. Ob du einen Job bekommst, hängt in Zukunft weniger von deinem Bewerbungsschreiben als von den Datenspuren ab, die du im Netz hinterlässt. Der Arbeitsmarkt wird im 21. Jahrhundert zum Persönlichkeitsmarkt. Und das gilt aus der Perspektive des Arbeitgebers genauso wie aus der Perspektive des Arbeitnehmers oder des Selbstständigen.

So spricht man heute von Humandesign, wenn es um die Kriterien bei der Auslese von Führungskräften geht. Und auf der anderen Seite sucht man nach Möglichkeiten, die eigene Arbeit zu signieren wie ein Maler sein Werk. Die Arbeit des 21. Jahrhunderts findet gleichsam auf einer Bühne statt, und Selbstmarketing ist heute die Bedingung für geschäftlichen Erfolg. Verkauf' Deine Identität! Mach' Dich selbst zur Marke! Das kann und muss man von den Celebrities lernen. Dass hier Gefahren lauern, liegt auf der Hand. Natürlich sind die Lust an der Kommunikation, die Sehnsucht nach virtueller Gemeinschaft und der Exhibitionismus der persönlichen Websites Einfallstore für die Trojanischen Pferde des Bösen. Und es ist sicher richtig, dass Regierungsstellen mit Aufklärungskampagnen versuchen, die Kids vor den Folgen der Droge Selbstdarstellung zu warnen. Bertolt Brechts Ratschlag für Städtebewohner, die Spuren zu verwischen, scheint aktueller denn je. Aber wir bräuchten eine Web 2.0-Version davon. Und die kann nur von den Eingeborenen der Internet-Gesellschaft selber stammen.

Der Autor ist Universitätsprofessor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin

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