Zeitung Heute : Das deutsche Verfahren

Der Täter weint, der Ankläger hat keine Hoffnung mehr, nur das Opfer ist ruhig: Drei Männer um die 80, vor 40 Jahren sahen sie sich das letzte Mal. Es war 1963 im Gericht, es ging um Auschwitz, eine Nation richtete über sich selbst – oder schob sie nur die Schuld auf ein paar wenige?

Annabel Wahba

Es gibt diesen Ordner, vielleicht einen Zentimeter dick, darin hat der alte Mann seine Vergangenheit abgelegt. Er muss ihn nicht suchen, ein Griff, und er zieht den Schnellhefter aus dem Schrank. Später wird er ihn dort wieder wegschließen.

Er will nicht reden, das hat er schon an der Tür gesagt. „Aber ich möchte Sie nicht einfach so draußen stehen lassen“, sagt er dann noch und bittet den unangemeldeten Besuch herein. „Es lohnt sich eigentlich nicht, dass Sie ablegen.“ Die Zeit sei nicht reif für ein Gespräch. Eine halbe Stunde später hat er dann doch ziemlich viel gesagt und bittet unter Tränen, anonym zu bleiben.

Es geht um Auschwitz. Der Mann war dort von 1940 bis 44 Ermittlungsbeamter in der Lagergestapo, dort wurden Häftlinge verhört, gefoltert und zum Tode verurteilt. Heute ist er Ende 80, ein schwerhöriger Großvater in schokobraunen Hosen. Für einen Moment tut er einem fast Leid, wie er da sitzt und weint. Aber hat er Mitleid gehabt, als vor seinen Augen Menschen in die Gaskammern gingen? Die Täter von damals sind heute nette Opas – das gehört zur deutschen Familiengeschichte. Und genau das ist es, was einen so fassungslos macht.

Der Mann, nennen wir ihn Schmidt, stand für seine Taten vor Gericht. Fünf Jahre musste er ins Gefängnis. In dem Ordner hat Schmidt auf ein paar Schreibmaschinenseiten notiert, wie er seine Zeit im Lager erlebt hat. Für seine Kinder, für niemanden sonst. „Das wird dann wieder alles gegen mich ausgelegt.“

Hinter seinen Aufzeichnungen hat er das Urteil abgeheftet. Er liest vor: „Der Angeklagte hat vor und nach seiner Tätigkeit in Auschwitz ein ordentliches Leben geführt und wäre nicht straffällig geworden, wenn er nicht durch Befehle in Verbrechen verstrickt worden wäre.“ Die Richter kamen zu dem Schluss, er habe „trotz seiner Intelligenz bestialischen Mördern seine Hand“ geliehen. An den Rand hat Schmidt mit Kugelschreiber notiert: „Die haben sich die Hand genommen.“

Am 20. Dezember 1963 stand sein richtiger Name in allen Zeitungen. An diesem Tag begann vor dem Landgericht Frankfurt am Main der Auschwitz-Prozess. 22 Männer waren angeklagt, vom Adjutanten bis zum Kapo. Schmidt ist der letzte, der noch lebt. 356 Zeugen sagten vor dem Schwurgericht aus. Auschwitz stand vor Gericht – endlich, 18 Jahre nach der Befreiung des Lagers.

„Der Auschwitz-Prozess überschattet Weihnachten“, schrieb eine Zeitung zum Auftakt. Anfang der 60er Jahre, das war eine Zeit, in der die Geschworenen Vornamen trugen wie Else, Erna, und Adolf. Was in Auschwitz geschehen war, drang zum ersten Mal ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit. Ohne das Engagement des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer wäre der Prozess wohl nie zustande gekommen. Bauer hatte dem israelischen Geheimdienst den entscheidenden Hinweis zur Ergreifung Eichmanns in Argentinien gegeben. Nun sollte ein deutsches Gericht feststellen, dass Auschwitz ein staatlich organisierter Massenmord war. Die Opfer: 965000 Juden, 75000 Polen, 21000 Sinti und Roma, 15000 sowjetische Kriegsgefangene und 15000 andere Häftlinge.

Fritz Bauer hatte dem Bundesgerichtshof umfangreiches Beweismaterial vorgelegt, daraufhin wurde dem Landgericht Frankfurt der Auschwitz-Komplex übertragen. Zwei junge Staatsanwälte führten die Ermittlungen, Joachim Kügler war einer der beiden. „Wir hatten damals keine Ahnung, was auf uns zukommt“, sagt er 40 Jahre später, „die Bilder der Kinder in Auschwitz sehe ich bis heute vor mir.“ Der Pole Kazimierz Smolen trat als Zeuge auf, er war fünf Jahre lang Häftling in Auschwitz. „Gerechtigkeit ist, wenn jemand für ein Verbrechen bestraft wird. Aber wie wollen Sie einen Menschen bestrafen, der 80000 ins Gas geschickt hat? Für jeden Toten eine Stunde Gefängnis?“

Der Angeklagte, der Staatsanwalt und der Zeuge sind heute um die 80. Zum letzten Mal begegneten sie sich vor 40 Jahren in Frankfurt. Ein halbes Leben liegt dazwischen. Sie stehen auf verschiedenen Seiten, und noch immer hat Auschwitz sie fest im Griff. Wenn man mit den drei Männern zurückblickt, versteht man, dass es nicht zu Ende ist und das Land nicht verträgt, wenn ein Hohmann den Massenmord relativiert.

Der Angeklagte

Ein hellbrauner Ledersessel, das ist sein Platz. Darin verbringt er seine Zeit, ein farblich passendes Frotteetuch schützt das Leder vor der Abnutzung. An der Wand ein Heiligenbild, auf dem Tisch Überweisungsformulare von der Bank. „Ich war gerade dabei, ein paar Sachen zu erledigen.“ Ein patenter, freundlicher Herr, das lichte graue Haar streicht er immer wieder glatt nach hinten. Das Fenster ist weit geöffnet, die kühle Luft strömt ins Zimmer.

Ein Zeuge sagte über Schmidt: „Da wir in unserem Saal sein Eintreten nicht bemerkt und versäumt hatten, Achtung zu rufen, ordnete er ,Sport machen’ an.“ Der Sport dauerte eine halbe Stunde, danach mussten sich alle auf den Boden legen. „Mit etwa zehn Eimern Wasser wurden wir überschüttet. Dann wurde das Fenster geöffnet.“ Ein Häftling sprang hinaus in den elektrischen Zaun, in der Nacht starben noch vier weitere Häftlinge an den Folgen des „Sports“. Andere Zeugen sagten aus, Schmidt habe Häftlinge so geschlagen, dass sie daran starben.

Der alte Mann sagt, die Zeugen seien „präpariert“ gewesen, sie hätten sich zuvor abgesprochen. „Ich habe nie einen Menschen getötet, ich war nur begleitender Wachschutz.“

Das Gericht verurteilte ihn jedoch wegen „Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in 32 Fällen“. Ein „Fall“ ist nicht gleichbedeutend mit einem Menschenleben. Es galt als erwiesen, dass Schmidt mindestens zweimal an Selektionen der ankommenden Häftlinge teilgenommen hat, bei denen jeweils hunderte von Menschen für den Tod in den Gaskammern bestimmt wurden. Aber es konnte ihm weder besonderer Eifer nachgewiesen werden, noch dass Häftlinge an seinen Misshandlungen gestorben waren. Einige Zeugen hatten auch für Schmidt ausgesagt, der damalige polnische Ministerpräsident Cyrankiewicz bestätigte sogar, Schmidt habe ihm einmal das Leben gerettet.

„Ich hatte ja vorher keine Ahnung, was mich in Auschwitz erwarten würde“, sagt Schmidt und blättert in seiner Vergangenheit. „Hätte ich mich den Befehlen widersetzt, dann wäre ich jetzt tot.“ Das Gericht in Frankfurt kam zu einem anderen Schluss: Wenn sich ein SS-Mann weigerte, an Exekutionen teilzunehmen – was so gut wie nie vorkam –, riskierte er, innerhalb der SS nicht befördert zu werden und wurde oftmals an die Ostfront geschickt. Viele blieben lieber in Auschwitz, wo es für Rampendienste eine Sonderration Schnaps gab, als an der Ostfront ihr Leben zu riskieren.

Schmidt war nicht von Anfang an in der SS, er studierte Maschinenbau und meldete sich 1939 zur Heimwehr seines Ortes, die später von der SS übernommen wurde. „Damals hätte ich wohl nein sagen können.“ Es ist das erste Mal an diesem Morgen, dass Schmidt die Verantwortung bei sich selbst sucht. Im September 1940 wurde er zum Dienst ins Konzentrationslager geschickt. „Schon nach einer Woche“, sagt Schmidt, „wollte ich weg. Was ich dort erlebte, hat mich so schockiert, dass ich bis heute nervenkrank bin.“ Im Frankfurter Prozess sagte seine frühere Frau aus: „Nachts bekam er oft Anfälle. Wenn er lag, wurde er ganz unbeweglich, man musste ihn dann hochreißen.“

Was hat Schmidt gefühlt, wenn er an der Rampe die jüdischen Kinder ins Gas schickte? Er versucht es mit einer Ausrede: „Damals war Krieg, im Irak sterben auch unschuldige Kinder, so grausam es ist.“

„Aber Auschwitz war anders: Die Kinder waren für den Tod bestimmt, sobald sie vor der SS auf der Rampe standen.“

„Sie wissen ja gar nicht, wie schrecklich die Zeit damals war.“ Der alte Mann steht auf, er zeigt auf seine Knie: „Die haben so gezittert, dass ich nicht mehr aufrecht stehen konnte.“ Dann sinkt er in den Sessel zurück, die Hände vorm Gesicht. Man weiß nicht genau, ob er um sich selbst weint oder um die Kinder.

Der Staatsanwalt.

Sechs Jahre lang hat sich Joachim Kügler Tag für Tag damit beschäftigt, SS-Männern wie Schmidt die Schuld nachzuweisen. Als das Ermittlungsverfahren begann, war Kügler ein 33 Jahre junger Staatsanwalt. Als das Urteil gesprochen war, wollte er kein Staatsanwalt mehr sein.

Joachim Kügler, heute 77 Jahre alt, hat keine Illusionen mehr. Nach dem Auschwitz-Prozess schied er aus dem Staatsdienst aus und ließ sich als Anwalt nieder, Spezialgebiet Wirtschaftsstrafrecht. Er lebt in einer Kleinstadt, manchmal hält er dort Vorträge über Auschwitz. „Nicht dass Sie denken, ich bin ein Menschenfeind“, aber Auschwitz hat ihm eine Erkenntnis gebracht: „Wenn bestimmte Dispositionen gegeben sind, dann tun Leute so was.“ Die meisten der 22 Angeklagten seien ja keine Monster gewesen. „Das waren Menschen wie du und ich.“

Kügler lebt alleine in einer hellen Wohnung im vierten Stock, umgeben von Ölgemälden und Porzellan, einiges davon Erbstücke der preußischen Vorfahren. Sein erstes Buch, die Großmutter schenkte es ihm, hieß „Krieg und Sieg 1870/71“. Er hat es nicht besonders gern gelesen. Die Bücher, die sich heute auf seinem Wohnzimmertisch stapeln, haben fast alle nur ein Thema: die NS-Zeit.

Dabei wollte er doch nach dem Ende des Prozesses von all dem nichts mehr wissen. Die nächsten NS-Verfahren warteten schon auf ihn. Aber die sechs Jahre mit Auschwitz hatten sein Leben auf den Kopf gestellt: Wenn er in die Straßenbahn einstieg, fragte er sich, welche der Fahrgäste wohl Juden ermordet hatten. Abends trank er, um schlafen zu können. Was die Zeugen im Gerichtssaal erzählt hatten, beschäftigte ihn auch nachts noch. „Irgendwann hat man das Gefühl, selbst in Auschwitz zu sein.“ Er war fast 40 und gab die Beamtenlaufbahn auf.

Die Angeklagten hingegen zeigten sich unbeeindruckt, sagten, sie hätten nicht geahnt, was im Lager vor sich gehe. Der Zeuge Josef Glück bat deshalb nach seiner Befragung noch einmal um das Wort. „Schon am zweiten Tag habe ich alles gewusst. Und nicht nur ich. Dieser kleine Bursche, bitte, der war 16 Jahre alt. Er war in der 11. Baracke. Er hat mit Blut auf Ungarisch geschrieben: ,André Rappaport, gelebt 16 Jahre’.“ Die nächsten Sätze schreit der Zeuge fast. „Er hat mir zugerufen: ,Ich weiß, dass ich sterben muss. Sag meiner Mutter, dass ich bis zum letzten Moment an sie gedacht habe’.“ Josef Glück konnte es ihr nicht sagen, auch die Mutter musste sterben.

Die Aussage wurde wie alle anderen auf Tonband aufgezeichnet, als Gedächtnisstütze für das Gericht. Wenn man die Bänder heute anhört, kann man spüren, wie die Zeugen ihre Zeit in Auschwitz noch einmal durchlebten. Das Fritz Bauer Institut hat die 430-stündigen Aufnahmen transkribiert. Die Texte erscheinen zusammen mit ausgewählten Originaltönen bald als DVD.

Nach dem Prozess fuhr Kügler erst einmal drei Monate in Urlaub. Dann stürzte er sich in die neue Arbeit als Anwalt, er kaufte ein Haus in Südfrankreich und ein Segelboot. „Auf dem Meer gibt es kein Auschwitz“, sagt er. Ein Interview, eigentlich eine Kleinigkeit, brachte Auschwitz zurück in sein Leben. 1993 drehte der Hessische Rundfunk eine Dokumentation über den Frankfurter Prozess. Kügler, der sich schon lange nicht mehr mit dem Thema beschäftigt hatte, wurde befragt. In der Rohfassung des Interviews sieht man einen Juristen in Anzug und Krawatte, in der Hand immer eine Zigarette. Er beantwortet Fragen zu den Ermittlungen und den Zeugen, man sieht, wie er auf dem Stuhl herumrutscht und der Blick immer starrer wird. Irgendwann springt er auf, reißt fast das Mikrofonkabel ab, auf dem Bild bleibt ein leerer Platz zurück.

Als das Interview geführt wurde, war Kügler gerade in den Ruhestand gegangen. Er lebte in Maastricht. Später kehrte er nach Deutschland zurück und hatte auf einmal viel Zeit. Zeit, um sich zu erinnern. Ein anderer hätte sich vielleicht bequem im Sessel zurückgelehnt und voll Stolz daran gedacht, wie aufregend alles war. Die Staatsanwälte waren ja so was wie Nazi-Jäger. Kügler findet den Ausdruck übertrieben.

Aber immerhin spürte er den letzten Kommandanten von Auschwitz auf, Richard Baer. Der lebte unter falschem Namen als Holzfäller im Sachsenwald. Später starb er in Untersuchungshaft an Herzversagen. So wurde Robert Mulka, Adjutant des Lagerkommandanten Höß, zum Hauptangeklagten. Kügler war auf ihn aufmerksam geworden, weil sein Sohn 1960 eine Olympiamedaille im Segeln gewonnen hatte. Der Sieg des Sohnes kostete den Vater die Freiheit.

Fünf weitere Angeklagte sorgten schnell für Schlagzeilen: Wilhelm Boger, Buchhalter, in Auschwitz für seine brutalen Foltermethoden berüchtigt. Josef Klehr, Tischler, tötete kranke Häflinge mit Phenolinjektionen. Oswald Kaduk, Metzger, nach dem Krieg Krankenpfleger, hat Häftlinge erdrosselt, indem er ihnen eine Eisenstange über den Hals legte und sich darauf stellte. Dr. Victor Capesius, Apotheker, nach dem Krieg Besitzer eines Schönheitssalons, selektierte ankommende Häftlinge. Hans Stark, später Berufsschullehrer, hat bei den ersten Vergasungen Zyklon B in die Einwurfluken der Kammern gefüllt.

Sie alle waren nach dem Krieg in ein bürgerliches Leben zurückgekehrt. Im Gerichtssaal belastete keiner den anderen, alle schwiegen, selbst als der Adjutant Mulka in feinem Hamburger Dialekt erklärte, er habe das Lager nie betreten. Kügler ließ später ins Gerichtsprotokoll aufnehmen, Mulka sei „verlogen und feige“. Ein anderes Mal sagte er zu Mulka, der als ehrenwerter Soldat behandelt werden wollte, er sei Mitglied „eines uniformierten Mordkommandos“ gewesen. Das brachte Kügler eine Beleidigungsklage ein, aber auch etwas Ruhm: Peter Weiss verewigte die Worte in seinem Theaterstück „Die Ermittlung“. Und so hallten sie bei der Uraufführung 1965 gleichzeitig über 15 Bühnen in Ost- und Westdeutschland.

Aber ist es das, was die Staatsanwaltschaft mit ihrer „volkspädagogischen Absicht“ erreichen wollte? Die „Bild“-Zeitung schrieb zu Beginn des Prozesses, die Deutschen könnten nun endlich freikommen vom Vorwurf, sie hätten Auschwitz erst ermöglicht. Der musste in den deutschen Wohnstuben bald unberechtigter denn je erscheinen, wo doch nun „die wirklich Schuldigen gefasst und abgeurteilt“ waren.

Der Auschwitz-Prozess hat das Versagen der deutschen Justiz nach Kriegsende offenbart, wieder gutmachen konnte er es nicht. In Auschwitz taten 8000 SS-Angehörige Dienst. 750 wurden in Polen verurteilt, wohin die Alliierten die Täter in den Nachkriegsjahren auslieferten. „Vor deutschen Richtern standen insgesamt nur 45 Angeklagte“, sagt Werner Renz vom Fritz Bauer Institut. Die deutsche Justiz hat in den 50er Jahren nie systematisch nach den Tätern gesucht, viele Richter und Ankläger hatten selbst eine unrühmliche Vergangenheit. Erst 1958 wurde die Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg gegründet. Sie führt aber lediglich die Vorermittlungen, und nicht selten stellten die Gerichte später die Verfahren ein. Ausgerechnet darüber sind sich der Verurteilte, der Zeuge und der Anwalt einig: Die Deutschen haben sich ihrer Mitschuld nicht gestellt. Schmidt formuliert das so: „Wir Angeklagten mussten stellvertretend für ein ganzes Volk büßen.“ Er war gewiss kein Sündenbock. Aber auch Kügler und Smolen sagen: Einzeltäter befreien das Volk nicht von der Sühne.

Der Zeuge

Nach seiner Befreiung besuchte Kazimierz Smolen einen amerikanischen Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg, damals beschloss er, Jurist zu werden. Er fuhr auch ins ausgebombte Berlin, sah Kinder in Lumpen, die Zigarettenstummel von der Straße sammelten. „Es war ein Elend“, sagt er. Und weil ihm sein Mitleid wohl selbst etwas eigenartig vorkommt, sagt er: „Sie müssen verstehen, ich bin eben etwas mild.“ Er spricht ein schönes Deutsch, mit rollendem „r“, und einem „ü“, das wie ein „i“ klingt.

Smolen kämpfte bei den polnischen Partisanen, nachdem deutsche Soldaten sein Land überfallen hatten. Er wurde verhaftet und kam nach Auschwitz.

Nach 1945 arbeitete Smolen zunächst in der polnischen Hauptkommission zur Untersuchung der Naziverbrechen, dann wurde er Direktor des Auschwitz-Museums. In Deutschland, sagt er sehr vorsichtig, habe es eine große Lücke bei der Aufklärung der Verbrechen gegeben. Aber das ist auch schon das Kritischste, was ihm über die Lippen kommt. Unter den drei Männern, Täter, Ermittler und Opfer, ist er wohl der nüchternste. Erschreckend nüchtern, möchte man fast sagen.

Es ist dunkel in Oswiecim. Wir fahren in den kleinen polnischen Ort, 40 Jahre, nachdem die Täter in Frankfurt vor Gericht standen. Den Weg zum Lager findet man auch, wenn man noch nie hier war. Immer den Bahngleisen nach. In Auschwitz endete die Menschenjagd quer durch Europa, Tag und Nacht rollten die Waggons ein. Irgendwann geht es links ab, und nach zwei oder drei Kilometern stehen da die roten Backsteinbauten, das so genannte Stammlager Auschwitz.

In der ehemaligen Villa des Kommandanten Höß brennt noch Licht, das Gelände ist nur spärlich beleuchtet. Wenn man nicht aufpasst, läuft man in den Stacheldraht, man sieht in kaum. „Halt! Stoj!“ steht auf einem Schild davor. In Block 23 sitzt Kazimierz Smolen an seinem Bürotisch. Aber der ehemalige Häftling arbeitet nicht nur hier – er wohnt auch in Auschwitz. Wenn er von seinem Büro auf dem Lagergelände nach Hause geht, muss er nur ein paar Schritte durch eine schmale Öffnung im Zaun zurücklegen. Über der Tür zum Wohnhaus steht in eisernen Buchstaben „Kommandantur“. Hier hatte früher Rudolf Höß sein Büro, später zogen Angestellte des Museums ein, weil es nach dem Krieg nicht genügend Wohnungen gab.

Wie kann man an diesem Ort wohnen? Smolen blickt etwas verlegen drein, als kenne er die Antwort selbst nicht. Wenn er durch das Lager geht, sagt er dann, freue er sich einfach, dass er noch lebt. Natürlich gibt es Momente des Trauerns, bei Zeremonien oder wenn er an einer Stelle steht, wo ein Freund ermordet wurde. „Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit diesem Ort“, sagt Smolen, der mit 83 noch hier arbeitet, „es geht darum, das Verbrechen ans Licht zu bringen. Ich bin nicht kalt, aber ich darf nicht ständig über den Horror nachdenken, ich muss Dokumente auswerten.“

Auschwitz ist das Symbol für den Massenmord, ein „Hohlraum völliger Kulturentleerung“, wie Kügler in seinem Plädoyer sagte. Im Lager ist vieles so geblieben, wie es ursprünglich war. „Chirurgische Abteilung. Zutritt verboten“ steht an einer Tür. Daneben Block 11 mit den Stehzellen. Das sind von außen zugemauerte Hohlräume, weniger als ein Quadratmeter groß, die Häftlinge mussten durch eine kleine Öffnung hineinkriechen. Bis zu vier Menschen pferchten die Deutschen in die Zelle, die Häftlinge erstickten, verhungerten oder wurden wahnsinnig.

Smolen war Schreiber in der Aufnahmeabteilung. Er musste für die Listen der SS registrieren, wie viele Transporte täglich ankamen. Im Frankfurter Prozess sagte Smolen vor allem gegen den früheren Leiter der Aufnahmeabteilung, Hans Stark, aus. Da saß der ehemalige Häftling dem früheren SS-Oberscharführer gegenüber, und der verzog keine Miene. „Stark sah aus wie immer“, sagt Smolen, „ernst und mit erhobenem Kopf, ganz der Herrenmensch.“ Smolen hat nie beobachtet, wie Stark Häftlinge ermordete. Er sah nur, dass Stark sein Gewehr holte und Menschen ins Krematorium brachte. Wenn Stark dann ins Büro zurückkam, musste dort ein frisches Handtuch hängen, er wusch sich die Hände, ließ sich die Schuhe putzen und steckte sich eine Zigarette an. „Stark rauchte eigentlich nicht, aber in dieser Situation nahm er immer einen tiefen Zug.“ Alle wussten dann, dass Stark jemanden erschossen hatte.

Stark wurde zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt, er war 19, als er seinen Dienst in Auschwitz antrat. Das Gericht sprach sechs Mal lebenslänglich aus, zwei SS-Männer waren zuvor aus dem Verfahren ausgeschieden. Kügler hatte für 16 Angeklagte lebenslänglich gefordert. Denn für die Staatsanwaltschaft war klar: Wer im Lager mit der Waffe Dienst tat, ist Mörder. Sie sah in der Vernichtungsmaschinerie ein einziges, zusammenhängendes Verbrechen. Aber das Gericht vertrat diese Rechtsauffassung nicht.

Für den verurteilten SS-Mann Schmidt ist ohnehin klar: „Das war ein Schauprozess.“ Dann sperrt er die Erinnerung zusammen mit den Papieren zurück in den Schrank.

Kazimierz Smolen blickt bei der Frage nach der Gerechtigkeit aus seinem Bürofenster in Block 23, dort unten kann er die Holzbaracke sehen, in der er als Häftlingsschreiber gearbeitet hat. „Unmoralisch ist es nur, wenn ein Verbrecher nicht bestraft wird. Die Höhe der Strafe ist Sache des Gerichts.“

Und Joachim Kügler? Er sagt, das deutsche Justizsystem habe dafür gesorgt, dass nur „die Hampelmänner“ verurteilt wurden. Man hört ihm die Enttäuschung an. „Wissen Sie“, sagt er dann, als wolle er sich entschuldigen, „durch die 20 Monate im Gerichtssaal bin ich ein Sonderling geworden.“

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