Zeitung Heute : Das Dolly-Dilemma

Die Diskussion ums Klonen ist immer auch eine über die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis und ihrer Anwendung

Oliver Tolmein

Das Schaf Dolly, dessen Erzeugung die Menschen so sehr viel mehr interessiert hat als sein Leben, ist rasant gealtert und mittlerweile tot. Und auch der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontroverse um die gezielte identische Reproduktion von Leben, das Klonen, geht es nicht sonderlich gut. Zwar wurde in den Hochzeiten der Debatte über Forschung an embryonalen Stammzellen die ethische Dimension des Unterschieds zwischen „therapeutischem“ und „reproduktivem“ Klonen selbst in Talkshows so selbstverständlich erörtert, wie die schädlichen Wirkungen von Horrorvideos auf Kinder. Mittlerweile konzentriert sich die öffentliche Meinung aber doch lieber wieder auf den Missbrauch deutscher Steuergelder durch Sozialhilfeempfänger, die in Florida leben oder es sich daheim in der Hängematte bequem machen.

Dabei verliert das Thema nicht an Brisanz, denn die Forscherinnen und Forscher, die sich ihr wissenschaftliches Leben lang in den Labors mit der Detailstruktur von Molekülen befassen, haben schon berufsbedingt viel Geduld und einen langen Atem. Die geklonten Maultiere, Steinböcke, Rinder und Schweine schaffen es zwar nur noch in die Kurzmeldungsspalten, sie sind aber gleichwohl in der Welt – und wenn sie bislang auf Grund ihrer Krankheiten oder kurzen Lebensdauer auch nur eingeschränkt als Beweis dafür taugten, dass die Wissenschaft kann, wenn sie will, so sind sie doch ein eindrucksvoller Beleg für die Schwierigkeiten, die auftauchen, wenn Werte und Normen tatsächliche Entwicklungen steuern sollen. Insofern weist die Diskussion, die in den westlichen Industrienationen in den letzten Jahren über Klonen geführt wurde, auch weit über ihr Thema hinaus: Es ist stets auch eine Diskussion über die Möglichkeit, Erkenntnissen und ihren Anwendungen Grenzen zu setzen.

Nichts als Prognosen

So viele Facetten die Auseinandersetzung um Klonen in all seinen unterschiedlichen Anwendungen hat, im Grunde geht es um dreierlei: Wie frei verfügbar soll das biologische Material sein, aus dem vielleicht Menschen geschaffen werden könnten? Welche Rolle weisen wir dem Zufall bei der Konzeption und Gestaltung unseres Lebens zu? Ist die Therapie von schweren, beispielsweise neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer ein Ziel für das wir (fast) jeden Preis zu zahlen bereit sind? Erschwert wird die Kontroverse dabei nicht nur dadurch, dass selbst die Forscher mehr ausprobieren, als dass sie exakt wüssten, was sie wofür tun. Auch die biologischen und sozialen Konsequenzen der Experimente, die oft nicht zu klaren Erkenntnissen, sondern allenfalls zu interessanten Beobachtungen führen, lassen sich lediglich prognostizieren. Einsicht und Aussicht sind so gleichermaßen vage, aber abzuwarten verspricht keine Abhilfe, denn, wenn überhaupt, lässt sich hier gesichertes Wissen nicht durch Zeitablauf, sondern nur über Experimente gewinnen.

Die Situation ist zusätzlich dadurch geprägt, dass Erfolge der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschung nicht sicherer, sondern zumindest aus ethischer Sicht gefährlicher erscheinen lassen, weil damit das Risiko, dass viele embryonale Zellen verwertet werden und dass der Umgang mit dem Material Mensch noch weiter versachlicht wird, wächst. Die erfolglose Forschung dagegen birgt die geringsten Folgerisiken.

So groß der Einfluss der Unbekannten ist, es gibt in der ethischen Rechnung auch Bekannte. Es sind die großen Hoffnungen: vor allem das therapeutische Klonen, bei dem aus dem geklonten Embryo eine embryonale Stammzelllinie gezüchtet werden soll, die dann den Grundstock beispielsweise für die Gewinnung von Organen oder von Hirnzellen bildet, gilt vielen als ein wichtiger Schritt hin zur Bekämpfung schwerer und verbreiteter Krankheiten. Bekannt ist auch, dass sowohl das „therapeutische“ als auch das „reproduktive“ Klonen die Instrumentalisierung menschlicher embryonaler Zellen, ja ganzer Embryonen im Frühstadium voraussetzt. Damit wird hier auf molekularer Ebene im Labor etwas vorangetrieben, was parallel dazu das Leben im gesellschaftlichen Alltag beeinflusst: Es wird versucht Leben in seinen verschiedenen Stadien, vor allem aber am Anfang und am Ende, in den Griff zu bekommen.

Das Schlüsselwort dafür heißt Selbstbestimmung: Der Mensch soll selbst bestimmen können, wie er sich vermehrt, wie er stirbt, was mit seinen Zellen geschieht. Dieser Anspruch auf Selbstbestimmung und das damit verknüpfte Versprechen auf ein besseres, weil schmerzfreieres, biologisch optimiertes, durch günstig zu beschaffende Ersatzteile meist gut zu reparierendes Leben ist die Übersetzung der Versprechen des gesellschaftspolitischen Aufbruchs in den 1960er und 1970er Jahren in die weitgehend desillusionierte Gegenwart. Der Wunsch nach grundlegenden Reformen oder gar der Revolution ist der Überzeugung gewichen, dass die Wissenschaft die Verhältnisse verbessern wird, die nicht umzuwälzen waren.

Der Ansatzpunkt ist dabei aber diesmal der oder die Einzelne, deren biologische Verfassung den Schlüssel zur Neuen Welt in sich birgt. Das ist materialistisch gedacht und vom Glauben an den Fortschritt getragen – weswegen der Wandel nicht als der Systembruch erscheint, der er tatsächlich ist. Denn indem der Mensch die Gewalt über seine biologische Verfasstheit ergreifen und hier den Zufall ausschalten will, gibt er den Anspruch auf die Verwirklichung seiner gesellschaftlichen Verfassung auf, deren Freiheitskonzept und Würdevorstellungen eine umfassende Planbarkeit und Kontrolle über die biologische Ausstattung ausschließen. Planung und Kontrolle, die die Sicherheit geben, nach der viele sich sehnen, werden zwar als Akte der Selbstbestimmung beschrieben. Tatsächlich sind sie es aber nicht, denn es bestimmen, insbesondere was das reproduktive Klonen angeht, stets andere, nämlich die, die Klonierung veranlassen, über die Verfasstheit und Konditionierung des Klons, über die Ausschaltung des Zufalls für dessen biologische Konstitution – was dessen Herstellung beispielsweise von der Erzeugung eineiiger Zwillinge unterscheidet, die zufällig entstehen und nicht untereinander in einem Kopierter-Kopie-Verhältnis zueinander stehen. Das therapeutische Klonen ist insofern ethisch anders bedenklich. Hier geht es weniger um die Ausschaltung des Zufalls, als um die totale Verfügung über den Embryo, der zum Material gemacht wird, hergestellt um den Ausgangsstoff für Therapien zu liefern und dabei selbst vernichtet zu werden.

Fortschritt – Rückschritt?

In den Auseinandersetzungen um Abtreibung, Suizid und die Einwilligung in schädigendes und riskantes Verhalten hat sich in der Vergangenheit stets gezeigt, dass der rechtliche Schutz schwer zu gewähren ist, wenn es darum geht, dass Menschen über ihren Körper verfügen – auch wenn das Ziel, das sie dabei verfolgen ethisch missbilligt wird. Die gesellschaftlichen Freiheitsrechte verhindern, die Verfügungsgewalt des Menschen über seinen Körper zu beschränken. Die wenigen Ausnahmen, beispielsweise die Einschränkungen bei der Lebendorganspende, sind, das zeigt sich immer wieder, schwer zu überwachen.

Nicht anders sieht es mit der Wissenschaftsfreiheit aus: Was in den Labors geschieht, kann von außen schlecht kontrolliert werden – und das ist auch gut so. Das Streben nach Erkenntnis verträgt sich schlecht mit staatlicher Reglementierung. Doch gibt es, wenn es an die Substanz gesellschaftlicher Werte geht, Grenzen: Das Bundesverfassungsgericht hat in der Debatte um Abtreibung von einem Untermaßverbot gesprochen. Das gilt es für die bioethische Debatte, gerade mit Blick auf das Klonen, umzusetzen: Am effizientesten ist dabei nicht die schwere Strafandrohung, sondern der gesellschaftliche Konsens, der Selbstkontrolle sicherstellt. Denn in der wissenschaftlichen Community, das hat sich gerade in der Debatte um Stammzellforschung und therapeutisches Klonen gezeigt, gibt es das Bewusstsein, dass medizinischer Fortschritt gestoppt werden muss, um gesellschaftlichen Rückschritt hinter grundlegende, auch rechtlich gefestigte Wertkonzepte zu verhindern.

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