Zeitung Heute : Das doppelte Elend

Der Tagesspiegel

Von Frank Jansen

Potsdam. Der soziale Abstieg schien unaufhaltsam. „Manzke war seit 1990 arbeitslos und ist Stück für Stück dem Alkohol verfallen“, sagt der ehrenamtliche Bürgermeister von Dahlewitz, Fritz Lenk. Er hat versucht, dem Wendeverlierer zu helfen – vergeblich. Zuletzt konnte der PDS-Bürgermeister nur noch eines tun: Die Gemeinde beschloss, Dieter Manzke in dem von ihm besetzten kleinen Bungalow wohnen zu lassen. Doch wenige Tage später war der 61-Jährige tot. Am Abend des 8. August 2001 erschlagen ihn fünf junge Männer, denen der Bürgermeister am Mittwoch in einem Saal des Landgerichts Potsdam begegnet. Lenk kennt sie nicht, und sie wussten wahrscheinlich nichts von der Wohnerlaubnis für Manzke. Selbst wenn ihnen die Großzügigkeit der Gemeinde bekannt gewesen wäre, hätten sich die Schläger vermutlich kaum vom „Penner aufklatschen“ abhalten lassen.

Der dritte Tag im Prozess zum gewaltsamen Tod des alkoholkranken Mannes ist einer des doppelten Elends. Es geht nicht nur um das qualvolle Ende, sondern auch um die Qual der letzten elf Jahre im Leben des Dieter Manzke. Bürgermeister Lenk berichtet, wie der ehemalige Fahrer der örtlichen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft herunterkam: Arbeitslosenhilfe, dann nur noch Sozialhilfe, gemeinnützige Arbeit für zwei Mark pro Stunde aufgenommen und wieder abgebrochen, Tod der ebenfalls alkoholkranken Ehefrau. Manzke musste seine Wohnung verlassen, weil das Mietsgebäude saniert wurde, vom Ausweichquartier verzog er sich in einen Schuppen. Der stand plötzlich in Flammen, Bürgermeister Lenk vermutet Brandstiftung. Ein erster Anschlag auf Dieter Manzke?

Einer seiner Zechkumpane sagt dem Gericht, schon zwei Wochen vor der Bluttat hätten die Angeklagten Dirk R. und Ralf W. den Bungalow überfallen. Manzke konnte fliehen, doch ein zufällig anwesender, arbeitsloser Bekannter wurde von Dirk R. verprügelt. Manzke war gewarnt. Hätte er versuchen können, bei seinen drei Töchtern unterzukommen? Kerstin Manzke, mit 33 Jahren das älteste Kind, sagt dem Gericht nur, wegen der Alkoholprobleme ihrer Eltern habe sie noch zu Lebzeiten der Mutter den Kontakt abgebrochen. Die schmächtige, überfordert wirkende Tochter antwortet der Strafkammer knapp oder gar nicht. Weder sie noch eine ihrer beiden Schwestern hat sich darum bemüht, als Nebenklägerin am Prozess teilzunehmen. Nach zehn Minuten stellt die Strafkammer der Zeugin Manzke keine Fragen mehr.

An diesem Prozesstag wird deutlich: Die Sprachlosigkeit von Kerstin Manzke und die mit rauer Stimme vorgebrachten Stummelsätze der Trinkkumpane ihres Vaters ähneln dem kargen Aussagestil der Angeklagten. Von denen einer auch eine Zeitlang obdachlos gewesen war. Elend, in jeder Hinsicht.

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