Zeitung Heute : Das doppelte Opfer

Die zerstörten Skulpturen aus dem Flakbunker Friedrichshain sollen an den Zweiten Weltkrieg erinnern

Rolf Brockschmidt

Nur ein Auge, tief in der Höhle liegend, erinnert noch an ein einstmals unversehrtes Antlitz. Die Nase ist wie weggeschossen, der Mund lippenlos, wie zum Hilfeschrei geöffnet, die rechte Gesichtshälfte fehlt völlig. Der Anblick ist furchterregend. Ein Kriegsopfer in jeder Hinsicht. Ein Mensch, der einen Napalmangriff wie in Vietnam überlebt hat – die Assoziation kommt Michael Knuth, dem Kustos an Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst. Man fühlt sich aber auch erinnert an die schrecklichen Bilder aus dem Ersten Weltkrieg, die die zerfetzten und zerschossenen Gesichter des modernen Krieges zeigen.

Das Exponat stellt jedoch Acellino Salvago, einen reichen Patrizier dar, der um 1500 in Genua von Antonio Tomagnini in Marmor verewigt wurde. Salvago hätte es sich wahrscheinlich niemals träumen lassen, dass seine Porträtbüste rund 500 Jahre später im wieder eröffneten Bode-Museum in einem kleinen Kabinett als Symbol für die Zerstörungen des Krieges stehen würde.

Tamagnino war ein begnadeter Bildhauer: Wie Pergament wirkt die Haut. Ganz fein hat er die Falten rund um das Auge angelegt, die Poren der Haare sind zu erkennen – im schroffen Kontrast dazu: das rohe Material, abgeplatzt unter großer Hitze oder einer Explosion. Was genau das Schicksal dieser Figur und vieler anderer Kunstwerke war, die im Zweiten Weltkrieg in den Flakbunker Friedrichshain ausgelagert wurden, liegt im mysteriösen Dunkel. Denn diese Büste sowie all die anderen zerstörten Werke waren nicht das Ergebnis unmittelbarer Kampfhandlungen. Die Rote Armee hatte Berlin bereits eingenommen. In der Nacht vom 5. auf den 6. Mai und vom 14. bis zum 18. Mai ist es im Flakbunker Friedrichshain zu verheerenden Bränden gekommen, obwohl der Bunker von der Roten Armee bewacht wurde. Die Holzskulpturen waren unwiederbringlich verloren, und auch die Stein- und Terrakotta-Figuren nahmen erheblichen Schaden: der Stein veränderte sich, Majolika-Lasuren verloren ihren Glanz. Und das Schlimmste, so Kustos Michael Knuth, „der Schaden ist nicht mehr gut zu machen. Es gibt von vielen Objekten keine Abgüsse mehr, um sie eventuell zu rekonstruieren. Von der Salvago-Büste existiert nichts mehr, vom Relief des Kardinal del Monte aus dem 16. Jahrhundert gibt es noch einen Abguss, man könnte ihn also restaurieren.“ Aber ist das sinnvoll?

Die Frage stellt sich auch bei der Madonna mit vier Engeln von Antonio della Robia. Die Glasur ist zerstört, stumpfgrau wirkt das Bildnis jetzt, roh zusammengeklebt. Michael Knuth zeigt ein Foto: ein Scherbenhaufen wie bei einer archäologischen Ausgrabung – so haben viele Kunstwerke aus dem Bunker nach dem Brand ausgesehen. Die Rote Armee hatte die Reste nach dem Brand in die Sowjetunion geschafft, 140 Kunstwerke konnten geborgen werden. Viele dieser Kunstwerke kehrten 1958 nach Ost-Berlin zurück.

Michael Knuth deutet auf eine Vitrine in der Studiensammlung. Hier sind weitere Fragmente ausgestellt, viele Köpfe von Madonnen und Jesus-Kindern. Ein Knabe liegt wieder da wie ein Kriegsopfer: Der Arm ist wie weggeschossen, ein Bein fehlt. Ein geschundenes Wesen. Wer dieses kleine Kabinett im ersten Stock des Bode-Museums an der Empore zur Basilika gesehen hat, wird mit wachem Auge durch die Sammlung gehen, denn auch dort finden sich die Spuren der Zerstörung an vielen Kunstwerken aus dem Flakbunker. „Es war die größte Katastrophe der europäischen Museumsgeschichte“, sagt Knuth zu dem Brand, „Renaissance-Skulpturen, die so zugerichtet sind, finden Sie nur in Berlin.“

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