Zeitung Heute : Das Duell der Hirsche

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Lieber P.,

Du weißt wahrscheinlich gar nicht, welche dichterischen Untiefen in uns Journalisten stecken. Ich gebe Dir ein Beispiel: „Der Himmel über Berlin ballt seine grauen Fäuste/Das Zwielicht der Dämmerung leuchtet/Gletscherhaare, grauer Flanell/Gleißende Scheinwerfer/Es knistert. Ein hastiger Händedruck/Hier stehen zwei Hirsche auf der Lichtung der Zukunft…“ Du hast jetzt 80 Zeilen lang Zeit zu überlegen, wovon die Rede ist; dann wollen wir den Text schleunigst wieder vergessen. Unsereins sucht ja immer wieder nach dem Besonderen, dem Neuen, nach der Überraschung, da man die Routine des Lebens gerne unterbrechen möchte, die Monotonie überlisten.

Ähnlich mag es den Politikern gehen, zumal den Kanzlerkandidaten, die im Wahlkampf eine besonders nerv- und geisttötende Tätigkeit zu verrichten haben. Den Impuls, durch assoziierende Gedanken in freier Rede intellektuell zu glänzen, müssen sie konstant unterdrücken, denn sie sind gehalten und werden von ihren Beratern geradezu darauf getrimmt, sich zu wiederholen: Sie sollen immer das Gleiche sagen oder, noch besser, immer dasselbe. Ich habe Politikberater schon kreidebleich werden sehen, wenn ihr Schützling das Manuskript beiseite schob und zur freien Rede anhob.

Edmund Stoiber passiert das nach meiner Beobachtung weniger häufig als noch zu Beginn des Wahlkampfs. Neulich, als er „ganz persönlich als Kanzlerkandidat“ in einer „Grundsatzentscheidung“ verfügte, die Familienpolitik in seinem „Kompetenz-Team“ werde fortan (auch gegen den Wunsch von Kardinal Meisner) von einer unverheirateten 28-jährigen Frau aus Ostdeutschland repräsentiert, da war so ein kritischer Augenblick. Aber nein, Stoiber las jedes Wort, das er sagte, vom Blatt ab und verzichtete sogar auf den Hinweis, dass er, im Gegensatz zu seinem Kontrahenten, seit 34 Jahren mit ein- und derselben Frau verheiratet ist. Und abgesehen davon, dass er in diesem Moment, weil er eben nicht frei redete, ein klein wenig einen inkompetenten Eindruck machte, verlief der Auftritt absolut tadellos.

Gerhard Schröder ist ihm immer noch ein Stück voraus. Der Kanzler verfügt über eine Begabung, die man sich nur schwer aneignen kann, weil sie ein blitzschnelles Erinnerungsvermögen voraussetzt und hohe Disziplin in der Darbietung. Wenn Schröder das Manuskript beiseite legt und mit dem rechten Zeigefinger den Nasenflügel streichelt, dann lehnt sich sein Redenschreiber entspannt zurück, denn er weiß: Nie ist sein Meister besser als in der Pose des Interpreten seiner selbst. Da kommen die Sätze, die 99-mal gesagt worden sind, zum einhundertsten Mal, als seien sie eben erdacht worden – die perfekte Wiederholung, präsentiert als allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.

In dieser Kunst bewandert zu sein (Verzeih, wenn ich etwas belehrend wirke!), verschafft gewiss eine nicht unerhebliche Befriedigung, da sie doch vergleichbar ist der Leistung eines hochbegabten Schauspielers. Das soll nicht abwertend verstanden werden, sondern durchaus anerkennend, da es doch die Aufgabe der Politiker ist, mit größtmöglicher Überzeugungskraft den Wählern eine Politik nahe zu bringen, die nicht notwendigerweise auf dem eigenen Mist gewachsen sein muss. Wer, glaubst Du wohl, macht Dir beim „Sein oder nicht sein…“ die Gänsehaut? Doch nicht Shakespeare. Ich fand es immer falsch, die Kunst der Interpretation in der Politik gering zu schätzen.

Was allerdings gelegentlich höchst lächerlich wirkt, sind die inszenatorischen Beigaben zu solch kunstvollen Auftritten. Zum Beispiel jene Schwachsinnslyrik (siehe oben), mit der sich ein „Bild“-Autor, dessen zu seinem eigenen Schutz unerwähnt bleiben muss, über ein Streitgespräch zwischen Schröder und Stoiber in den Räumen des Springer-Verlages verbreitete.

Gemessen an derlei Ergüssen, verdienen die Anstrengungen der Politiker, aus einem trockenen Stoff einen spannenden Auftritt zu machen, eigentlich unsere Bewunderung. Wenn Du demnächst wieder flammende Kritiken an der Inszenierung von Politik liest, achte bitte darauf, wer verantwortlich zeichnet für die Inszenierung. In acht von zehn Fällen sind es die Kritiker selbst – die, um es auf bayrisch zu sagen, wahren Hirschen auf der Lichtung des deutschen Geistes…

Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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