Zeitung Heute : Das ehemalige NVA-Rechenzentrum kann besichtigt werden

Auskünfte unter Tel. 030 445 90 67 oder 0172

Die große Uhr hinter der großen Eisentür zeigt auf der einen Seite 15.45 Uhr und auf der anderen 13.29 Uhr. Doch die Zeiger müssen vor langer Zeit stehen geblieben sein, denn die Staubschicht auf den beiden Scheiben ist ziemlich dick. Vor zehn Jahren dürften sie zum letzten Mal geputzt worden sein. Damals liefen an der Uhr noch ausgewählte Offiziere und Soldaten in NVA-Uniformen auf ihrem Weg in ein unterirdisches Bunkerlabyrinth vorbei. Ihr Ziel war das Rechenzentrum der Armee, das sich 15 Meter unter der Erde am Rande des kleines Dorfes Garzau bei Strausberg befand. Heute gehört der Bunker zu den wenigen erhaltenen Anlagen im Berliner Umland, die von jedermann besucht werden können.

Der Mann mit den entscheidenden Schlüsseln für die erste Eisentür vor besagter Uhr und die vielen anderen Tore auf dem abenteuerlichen Weg heißt Willy Jennen und hat das frühere NVA-Rechenzentrum vom Bundesvermögensamt gepachtet. "Auf dem Gelände liefen nicht nur alle Informationen über Truppenstärke, Ausrüstungen und Materialbedarf der einzelnen Dienststellen zusammen. Hier wurde auch die Software für die Rechentechnik entwickelt", erzählt Jennen. Letztere Arbeiten hätten aber vor allem in den oberirdischen Gebäuden stattgefunden. "In 15 Meter Tiefe liefen und lagerten die Magnetbänder." Jeden Tag habe der DDR-Verteidigungsminister im nahen Strausberg einen detaillierten Rapport erhalten. Doch diese Daten wurden nicht etwa per Kabel oder Funk übermittelt, sondern durch einen Kurierfahrer. So groß war das Vertrauen in die angeblich abhörsichere Technik offensichtlich doch nicht.

Von den 200 Armeeangehörigen in Garzau hatten nur etwa 50 eine Erlaubnis zum Betreten des im Novemer 1975 fertiggestellten zweistöckigen Bunkers. Dazu kamen die Wachmannschaften, die hier einen 24-Stunden-Dienst schoben. Willi Jennen öffnet mehrere schwere Stahltüren, die mit ihrer Schließtechnik an ein U-Boot erinnern. Rund 200 Meter lang ist der Tunnel bis zum eigentlichen Bunkereingang. Hier sollten die Insassen selbst vor einem Atomschlag sicher sein.

Manche Räume machen den Eindruck, als sei der letzte Soldat gerade erst aus dem Raum gegangen. Auf dem Schaltpult und an den Rechnern leuchten Lämpchen und Zahlenkombinationen. "Ich sage den Besuchern immer, dass sie auf keinen Fall einen Knopf drücken dürfen", sagt Jennen. "Denn ganz bin ich mit meinen Kollegen noch nicht hinter alle Geheimnisse gestiegen." Funktionsfähig sind die Dieselmotoren, Luftfilteranlagen und der Wasserkreislauf.

Da Willi Jennen mehr als nur den Bunker zeigen will, entstehen derzeit Ausstellungen über die heute recht kompakt anmutende Rechentechnik der DDR und über Bunkeranlagen in Europa. Auch Ausrüstungen von NVA-Soldaten und -Offizeren sollen herbeigetragen werden. Ste.

Die nächsten Führungen in Garzau finden am morgigen Sonnabend sowie am 19. März, 8. April und 30. April jeweils um 10 und 14 Uhr statt. Der Preis pro Person für die etwa anderthalbstündige Führung liegt bei 18 Mark, Kinder zahlen weniger. In der Nähe befindet sich der Bahnhof Rehefeld, von dem der Bunker nach 20 Minuten Fußweg erreicht werden kann. Treffpunkt ist vor der Anlage.Auskünfte unter Tel. 030/445 90 67 oder 0172/307 09 90

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