Zeitung Heute : Das Ei

Von Harald Martenstein

Die erste urkundliche Erwähnung des Ostereies erfolgte vor genau 330 Jahren, in der Schrift „De ovis paschalibus – von Ostereiern“, verfasst vermutlich 1678 von Georg Franck von Frankenau. Auf eine durchaus moderne Weise warnte Frankenau vor den gesundheitlichen Gefahren übermäßigen Ostereiergenusses. Es ist ja eigentlich alles ungesund – warum dann nicht auch das Osterfest?

Das Osterei lässt sich historisch erklären. In den katholischen Gegenden wurde gefastet, auch Eier fielen unter das Fastengebot. Gerade im Frühling aber legen die Hennen besonders heftig. Um die Eier haltbar zu machen, wurden sie in den Wochen vor Ostern hartgekocht, an Ostern fing dann das, in Franck von Frankenaus Worten, übermäßige Eiergenießen an.

Aber es ist ein völliges Rätsel, wieso die Eier ausgerechnet von einem Hasen gebracht werden. Neoliberale Leser werden sich an dem Gedanken erfreuen, dass der Osterhase keineswegs ein Monopol im Eiergeschäft besitzt. In der Schweiz bringt vielerorts ein Kuckuck die Eier, in gewissen Gegenden Thüringens ein Hahn, im Schaumburger Land, in Versmold, Asmissen und Schildesche tut dies der Osterfuchs. In Australien sind Kaninchen ein verhasster Schädling. Die unbestreitbare Ähnlichkeit zwischen Kaninchen und Hase hat dazu geführt, dass der Australier, um an Ostern nicht von unangenehmen Erinnerungen und negativen Gefühlen überflutet zu werden, sich seine Ostereier von einem Tier namens Nasenbeutler liefern lässt. Ähnlich wie bei der Briefzustellung und der Bundespost sind die Konkurrenten des Osterhasen aber, global gesehen, relativ schwach, hier sehe ich Profilierungschancen für die FDP.

Übrigens ist das Ei ein Symbol der Fruchtbarkeit und passt deswegen in die geistige Landschaft des Frühlings. Die Frage, warum die Eier bemalt werden, ist historisch wieder relativ gut erforscht, es ist allerdings ein bisschen delikat. Bei den Aramäern, einem großen alten Kulturvolk, das bis heute etliche Spuren in unserem Alltag und in der Sprache hinterlassen hat, wurden vor der Hochzeitsnacht die Hoden des Bräutigams – vermutlich beide – mit Henna bunt bemalt. Sie haben einen Borstenpinsel genommen. Ich weiß nicht, wer das getan hat, vielleicht Freunde des Brautpaars, oder die Schwiegereltern, oder der Dorfälteste. Bei manchen alten Bräuchen sind sicher auch Konservative froh, dass es sie nicht mehr gibt. Ich kann mir dieses Ritual bei Roland Koch oder Jörg Schönbohm wirklich nicht vorstellen, am ehesten noch, global gesehen, bei Sarkozy. Jedenfalls steht, ob es uns nun beim Hineinbeißen passt oder nicht, fest, welche symbolische Bedeutung ein buntes Osterei besitzt. Aber man muss den Kindern ja nicht gleich alles sagen, was man weiß.

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