Zeitung Heute : Das Ende bedenken

ES IST KRIEG

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Von Gerd Appenzeller

Nun kommen sie wieder, wie Gespenster. Diese grünschimmernden Fernsehbilder, mit Nachtsichtkameras aus großer Entfernung aufgenommen. Irreale Bilder, die den Krieg nicht abbilden, sondern wie seine Computervariante wirken, künstlich, blutleer. Aber in diesem realen Krieg wird Blut vergossen, wird gestorben und gelitten werden, vieltausendfach. Und auch diese Bilder werden kommen, und wir werden sie nicht verdrängen können.

War dieser Krieg unausweichlich geworden? Aus der subjektiven Sicht der Beteiligten wohl ja. Und warum? Weil der Diktator Saddam Hussein sich dem letzten Ultimatum nicht beugte und nicht ins Exil ging. Unausweichlich aber vor allem, weil Krieg oder NichtKrieg für die USA eine Frage des Prinzips, der Selbstachtung und der strategischen Überlegungen geworden war. So sprach aus amerikanischer Sicht alles für Krieg und nichts dagegen. Die Vereinigten Staaten stehen mit dieser Ansicht ziemlich alleine. Die Demonstrationen und die Proteste gegen die Politik Washingtons werden weltweit anschwellen. Bushs geradezu zwangsweise in den Krieg mündende Politik hat das Ansehen der USA schwer beschädigt.

Dennoch muss man einen Moment innehalten. Wer steht in diesem Konflikt gegen wen? Natürlich bedroht der Irak die USA nicht. Allerdings ist Saddam Hussein eine akute Gefährdung für die mittel-östliche Region. Der Diktator hat Nachbarstaaten brutal überfallen. Er rottet die Opposition im eigenen Land gnadenlos aus und lässt ethnische Minderheiten mit Giftgas umbringen. Wer ihm alles zutraut, ist eher Realist als Pessimist. Eine so mörderische Gewaltherrschaft wie im Irak gibt und gab es nur in ganz wenigen Ländern der Erde. Für die Gegenwart fällt einem Nordkorea ein, für die jüngere Vergangenheit Kambodscha. Dieser Krieg trifft keinen Unschuldigen.

Rechtfertigt ihn das? Rechtfertigt er die Opfer? Gelingt es den USA wirklich, durch den Sturz Saddams die Region politisch zu stabilisieren und der Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten Auftrieb zu verleihen? Es gibt große Zweifel, dass Washington die Risiken mit der nötigen Klarheit durchdacht hat. Das Ergebnis könnte noch dramatischer sein als der Krieg selbst – aber einen Krieg muss man vom Ende her bedenken.

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