Zeitung Heute : Das Ende der Schrift

Wenn Prognosen ihre eigene Geschichte vergessen. Über den Wandel der Kulturtechniken.

Christian Kassung
Verblassende Handschrift. Ob wir mit Füllfeder, Schreibmaschine oder Computer schreiben, macht einen großen Unterschied. Neue Kulturtechniken formen die Zukunft.Foto: Heike Zappe
Verblassende Handschrift. Ob wir mit Füllfeder, Schreibmaschine oder Computer schreiben, macht einen großen Unterschied. Neue...

Unterhalb des Burggartens in Wien, in der Akademie der bildenden Künste, lässt sich eine der eindrücklichsten Zukunftsvisionen bestaunen. Auf dem „Weltgerichtstriptychon“ von Hieronymus Bosch gelangen nur wenige Menschen in den Himmel. Die allermeisten werden in diesem um 1500 herum entstandenen Altarbild auf grausamste Weise von Teufeln gequält, gefoltert und getötet, beispielsweise mithilfe einer Menschenmühle.

Die Erzählung der Zukunft als Apokalypse, der möglicherweise die paradiesische Wiedergutmachung folgt, hat eine lange Tradition. Egal ob Ridley Scotts „Blade Runner“, James Camerons „The Terminator“ oder Roland Emmerichs „2012“: Der bildgewaltige Pessimismus, der uns seit wenigen Jahren in unmittelbarer Reaktion auf ökologische Katastrophen, globale Wirtschaftskrisen und unentschiedene Kriege ergriffen hat, steht seinen antiken und mittelalterlichen Vorläufern in nichts nach. Zur Inszenierung taugt das Paradies sehr viel weniger als die Hölle. Wer Aufmerksamkeit erzeugen möchte, tut besser daran, keine gute Geschichte zu erzählen.

Doch abgesehen von der narrativen Kraft der Apokalypse stimmen derartige Visionen mit der Wirklichkeit zumeist überhaupt nicht überein. Roland Emmerichs Bilder von der schmelzenden Erdkruste, die explizit den vom Maya-Kalender prognostizierten Weltuntergangstag des 21. Dezember 2012 bemühen, haben im Jahr 2012 keine reale Wahrscheinlichkeit. Die Plausibilität derartiger Zukunftsbilder ist vor allem eine narrative. Weder der Zusammenbruch der Sowjetunion noch die rasende Entwicklung des Internets oder die jüngste Kapitalkrise wurden vorhergesagt. In den vergangenen fünfzig Jahren haben sich knapp 80 Prozent aller Trendprognosen als falsch erwiesen – und die Hollywood-Fehlquote dürfte noch deutlich darüber liegen.

Die Frage nach der Zukunft ist also doppelt brüchig. Zum einen ist sie in Mythen, Geschichten und Erzählungen eingebunden, bei denen die Produktion von massiver und damit finanziell relevanter Aufmerksamkeit deutlich wichtiger als prognostische Verlässlichkeit ist. Was für Futurologen, Trendforscher, den Club of Rome übrigens gleichermaßen gilt wie für das große Hollywood-Kino. Zum anderen lässt sich die Frage nach der Zukunft nicht im Futur, sondern allenfalls im Futur II, im futurum exactum stellen. Wie die Welt von morgen sein wird, weiß schlichtweg niemand. Aber wir werden morgen wissen, ob wir die Zukunft richtig vorhergesagt haben werden. Dann, wenn sich niemand mehr an die Beweggründe für unsere Vorhersage erinnern wird.

Was sind nun die Techniken und Praktiken, mittels derer wir Zukunft vorhersagen? Das Tier lebt, einer vielzitierten Aussage Friedrich Nietzsches zufolge, gebunden an den „Pflock des Augenblicks“. Demgegenüber besitzt der Mensch Zeit in dem Sinne, als er sich in Beziehung zu seiner Vergangenheit und Zukunft setzen kann. Die Voraussetzung für diese Erinnerungen und Projektionen sind dabei Kulturtechniken, die über eine gewisse historische Stabilität verfügen. Nur weil wir in der Vergangenheit eine Vielzahl von kulturellen Artefakten hergestellt haben, können wir daraus Geschichte rekonstruieren und diese mit der Gegenwart abgleichen. Allerdings eben unter der Voraussetzung, dass wir die Kulturtechniken von Bild, Schrift und Zahl, mit deren Hilfe diese Artefakte erzeugt wurden, noch und weiterhin beherrschen. Als die Nasa vor einigen Jahren die Videobänder der ersten Mondlandung suchte, um sie auf ein zukunftstaugliches Medium zu überspielen, stellte man fest, dass die Bänder nicht mehr auffindbar waren. Für Medientechniken wie für Kulturtechniken gilt gleichermaßen: Sie sind historisch variabel. Wenn man einen Keilschrifttext nicht mehr entziffern kann, stellt er kein Dokument der Vergangenheit mehr dar.

Nun sind es andererseits genau die gleichen, historisch veränderlichen Kulturtechniken, mit denen wir Zukunft erzeugen. Wir malen Bilder der Zukunft, wir beschreiben Utopien der Zukunft, und wir berechnen Szenarien der Zukunft. Es sind die Kulturtechniken Bild, Schrift und Zahl, die allererst Voraussagen über die Zukunft ermöglichen. Wer also nach den Kulturtechniken fragt, der verfängt sich nicht in der problematischen Frage, wie die Zukunft sein wird, sondern er versucht zu verstehen, wie bestimmte Kulturen ihre je eigenen Zukünfte erzeugen.

Greifen wir als kurzes Beispiel die Kulturtechnik der Schrift heraus. Kulturen mit hohem Schriftbedarf haben im Laufe der Jahrhunderte verschiedenste Techniken entwickelt, um die Praxis des Schreibens möglichst effektiv zu gestalten. Eine der ältesten Techniken ist die Kurrent- oder Schreibschrift. Zwar wurden bereits in der römischen Antike die lateinischen Buchstaben beim schnellen Schreiben miteinander verbunden, doch im Mittelalter musste diese Schreibtechnik erst wiederentdeckt werden. In direkter Konkurrenz mit den Druckmaschinen entstand eine enorme Vielzahl von Schreibschriften, deren Formen als gebrochene Schriften sich aus der Schreibpraxis mit dem Federkiel beziehungsweise später mit der Stahlfeder heraus entwickelten. Diese und andere historische Schreibpraktiken sind längst vergessen, und glaubt man den Kulturkritikern der Feuilletons, dann sind auch die Tage unserer Schulausgangsschrift gezählt: In Hamburg dürfen die Schulen seit diesem Schuljahr mit der so genannten Grundschrift – sprich schnörkelfreien Druckbuchstaben – arbeiten.

Dabei ist ein Argument der Schriftapokalyptiker besonders vielsagend: Wer Druckbuchstaben verwende, der schreibe nicht, sondern tippe oder male. Was also zur Debatte steht, ist nicht die eine oder die andere Schrift, sondern ein grundlegender Wandel auf der Ebene der Kulturtechniken: der Kulturtechnik des Schreibens – mit der Hand. Wir verwenden heute zum Schreiben nicht mehr primär die Hand, um ein Schreibgerät zu führen, sondern die Finger, um Buchstaben zu selektieren, die dann eine maschinelle Intelligenz und Ästhetik aktivieren. Schreibapparate unterliegen seit jeher einem starken historischen Wandel. Egal ob Computer, Kugelschreiber, Schreibmaschine oder Bleistift: Die Dinge verändern uns, erfordern neue Kulturtechniken des Umgangs mit ihnen. Vielleicht sind es also die Dinge, die die Zukunft womöglich schon sehr viel stärker verändert haben, als wir es manchmal wahrhaben wollen.

Der Autor ist Professor für Kulturtechniken und Wissensgeschichte.

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