Zeitung Heute : Das Ende der Straße

Seit 2006 wird in Deutschland mehr gestreikt als in den zehn Jahren zuvor. Doch auch immer erfolgloser – die Gewerkschaften suchen Alternativen

Katrin Zeug[Berlin Stuttgart]

Barbara E. ist nicht dabei, als die anderen mit Schildern vor dem Berliner Gesundbrunnen-Center stehen und rufen, dass sie Arbeit haben und trotzdem kein Geld. Obwohl sie bisher immer kam, wenn die Nachricht der Gewerkschaft auf ihrem Handy erschien, sie solle ihre Supermarktkasse alleine lassen, um für Nachtzuschläge und Tarifsicherheit zu kämpfen. Sie ging auf die Straße, als Gerüchte umgingen, aufmüpfige Kolleginnen würden versetzt, und die ersten lieber weiterarbeiteten, wenn der Streikaufruf kam. Am Ende war sie die Einzige von 36 Mitarbeitern in ihrer Filiale, die streikte. Und nun also, bei der Demonstration vor dem Einkaufszentrum am Gesundbrunnen, ist sie nicht mehr dabei. Sie geht jetzt jeden Tag zur Agentur für Arbeit in den Computerkurs, Weiterbildung für Arbeitslose.

In der Pause sitzt sie vor dem Seminarraum, kräftig, in Jeans und Bluse. Wenn sie redet, macht sie oft Pausen und schaut, als warte sie auf die Empörung über das Erzählte. An einem Tag Anfang dieses Jahres sei sie in das Büro der Filialleitung gerufen worden. Es war eine seltsame Stimmung, sagt sie, als ob sie in einem Stück mitspiele und ihre Rolle nicht kenne. Es ging um Getränkebons, einer zu 48, der andere zu 82 Cent, 12 Flaschen insgesamt, die sie unterschlagen haben soll. Nach 31 Jahren und kurz vor ihrem 50. Geburtstag war das ihr letzter Tag im Supermarkt. Man könnte vermuten, dass diese Unterschlagung – vor Gericht will Barbara E. beweisen, dass sie nicht stattgefunden hat – nur ein Vorwand für die Kündigung war, der eigentliche Entlassungsgrund jedoch E.s gewerkschaftliches Engagement.

Wie dem auch sei, ob die Supermarktkette mit ihrer Darstellung vor Gericht siegt oder E.: Dieser Fall ist einer, der nicht zu den Streikerfolgsgeschichten der letzten Monate passen will. Nicht zu den erkämpften Tarifabschlüssen der Lokführer, der Krankenhausärzte und vieler Beschäftigter im öffentlichen Dienst. Nicht zu den machtvollen Arbeitskämpfen der Piloten und zum gegenwärtigen – und scheinbar allgegenwärtigen – Protest der Milchbauern. Barbara E. ist eine von denen, für die das Grundprinzip des Streikens nicht funktioniert: wirtschaftlichen Druck auszuüben.

Während Barbara E. lernt, Excel-Tabellen zu erstellen, stehen 223 Frauen und ein paar Männer vor dem Einkaufszentrum in der Sonne und halten Schilder in die Luft. Sie sind aus den Supermärkten und Kaufhäusern der Stadt gekommen um sechs Prozent mehr Lohn, Zuschläge für ihre Schichten nach 18 Uhr und einen Tarifvertrag zu fordern. Am nächsten Tag wird kein Wort darüber in den Zeitungen stehen, der Arbeitgebervertreter wird der Streikführerin von Verdi gratulieren – einen Termin für Verhandlungen gibt er ihr nicht.

223 ausgefallene Arbeitstage gehen an diesem Tag in die Streikstatistik der Agentur für Arbeit ein, sie werden Teil einer Zahl, die seit Monaten wächst. Geschätzte 150 000 Mal traten in den ersten drei Monaten des Jahres Deutsche aus Protest ihren Dienst nicht an, seit 2006 wurde so oft gestreikt, wie in den zehn Jahren davor zusammen nicht. „Die Bereitschaft zum Streiken ist momentan sehr hoch, aber das alleine bringt noch keinen Erfolg“, sagt Peter Renneberg. Der Wirtschaftswissenschaftler hat ein Buch veröffentlicht, es heißt „Die Arbeitskämpfe von morgen“. Er schreibt darin über Menschen wie Barbara E. Über Verkäuferinnen, Angestellte von Callcentern, Pflegediensten, Müllentsorgern und Leiharbeitsfirmen. Menschen, die an ihren Arbeitsbedingungen gern etwas verändern würden, aber keinen Erfolg haben, weil sie zu leicht ersetzbar sind oder zu schlecht organisiert – Arbeiter ohne Tradition im Arbeitskampf.

Ernst Eisenmann kennt die Macht dieser Tradition. Sein Haus steht in einem kleinen Ort nahe Stuttgart. Seit 80 Jahren wohnt er im Land von Daimler, Bosch und Porsche, und nirgendwo sonst in Deutschland gingen in den letzten Jahren so viele Menschen in den Streik wie hier, in Baden-Württemberg. Einen Vorläufer davon, den größten aller Arbeitskämpfe, hat Ernst Eisenmann geführt.

Er sitzt in seinem Arbeitszimmer, umgeben von Regalen mit Büchern zur Arbeiterbewegung. An den Wänden hängen Ehrenteller vom Deutschen Gewerkschaftsbund und von der IG Metall. Eisenmann hat Verträge, Broschüren und Tabellen von Forderungen und Abschlüssen vergangener Jahre vor sich auf dem Tisch ausgebreitet und trägt die Zahlen daraus vor, als könne er die Wucht gewerkschaftlicher Organisation von damals aus den Statistiken heraus wieder beleben.

500 000 Arbeiter waren betroffen von seinem Arbeitskampf, 1984. Es war der Streik der IG Metall um die 35-Stunden-Woche. Sechs Wochen lag die Automobilindustrie lahm, die Arbeitgeber bezifferten den Umsatzausfall auf 12 Milliarden Mark. Mit dem erzwungenen Kompromiss begann die schrittweise Arbeitszeitverkürzung, ohne Lohneinschränkungen. Eisenmann sagt: „So etwas wie damals wäre heute nicht mehr möglich.“ Dann beugt er sich über den Tisch und spricht so leise, als wäre es ein Geheimnis, „nicht Angst treibt die Menschen zum Streik“, sagt er, „sondern Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigene Kraft“.

Am Ende seien es nüchterne Zahlen, die siegten. Zahlen wie die 12 Milliarden – oder wie 2 553 041, die damalige Mitgliederzahl der IG Metall in der Bundesrepublik. „Wir waren eine Macht im Staat“, sagt Eisenmann stolz. Spricht er von heute, wird seine Stimme leiser. „Heute glaubt keiner mehr an die Kraft der Gewerkschaften, weder die Arbeitgeber noch die Arbeitnehmer.“

In der neuen Streiklust sehen viele daher vor allem eines: einen Überlebenskampf. Seit kleine Gruppierungen wie die Pilotenvereinigung Cockpit, die Ärztevertreter vom Marburger Bund und die Lokführergewerkschaft GdL mit ihren Forderungen Erfolg hatten, sind die großen Gewerkschaften in Zugzwang geraten. Es scheint, als wurde ihr Kampfgeist erst dadurch wieder geweckt. Doch die Bedingungen haben sich geändert.

Neue Berufe sind entstanden, alte werden in anderem Umfeld ausgeübt. Betriebe spalten Abteilungen ab, Kommunen vergeben Aufgaben an fremde Firmen – eine längst so gängige Praxis, dass der englische Begriff dafür, „Outsourcing“, mittlerweile im Duden steht. Flächentarife werden gekündigt, neue Verträge individuell verhandelt, Minijobs und die Zeitarbeitbranche boomen.

„Der Arbeitsmarkt zersplittert und mit ihm die Kampfkraft“, sagt Peter Renneberg. Und: „Wenn sich Beschäftigungsstrukturen und Gesetze ändern, müssen die Protestformen sich anpassen.“ Flexibler müssten sie werden, individueller und spontaner. „Das Ziel ist, dass der Arbeitgeber morgens aufwacht und sich fragt: Was führen die wohl heute wieder im Schilde?“

Vielleicht sieht das in Zukunft dann aus, wie zum Beispiel an einem Morgen vor ein paar Monaten in Berlin. In der Rewe-Filiale am Ostbahnhof spielten sich seltsame Dinge ab. Eine Frau legte nicht eine Weinrebe, sondern eine einzelne Traube auf das Laufband, sie bezahlte einen Centbetrag, so wie bereits mehrere vor ihr. Eine andere füllte ihren Einkaufswagen randvoll und fuhr ihn an die Kasse, 371,58 Euro sollte sie zahlen. Sie hatte kein Geld dabei. Im gesamten Supermarkt standen Menschen herum, die nicht einkauften, sondern Wagen verschoben, Regale umräumten und Infoblätter verteilten. Es war eine Aktion von Verdi, die Gewerkschaft freute sich darüber, die Filiale „dicht gemacht“, für einen Moment den Handel unmöglich gemacht zu haben. Ein Gericht prüft jetzt, ob das als zulässiges Arbeitskampfmittel gilt oder als Hausfriedensbruch.

Es ist ein Begriff aus Amerika, der für schwache Gewerkschaften wie ein Zauberwort klingt. Organizing. Umweht von Erfolgsgeschichten, in denen im Sterben liegende Gewerkschaften in den USA, Australien und England plötzlich wieder Heere von Arbeitern in den Kampf führen konnten. In Hamburg gab es einen ersten deutschen Versuch mit dieser Methode. 6600 Wachmänner aus 90 Firmen und seit zwei Jahren ohne Tarifvertrag sollten in einen Arbeitskampf geführt werden. Als Verdi das letzte Mal dazu aufgerufen hatte, waren zehn Männer gekommen, das war die Ausgangslage.

Ein halbes Jahr wurde nur recherchiert, dann gingen 25 Gewerkschafter zu den unorganisierten Angestellten, besuchten sie in den Pausen, bei Nachtschichten und zu Hause, immer dann, wenn sie ungestört reden konnten, um sie davon zu überzeugen, dass sie sich für sie einsetzen und Aktionen planen können. Wie die, die eines Morgens kurz nach der Nachtschicht stattfand.

40 Wachmänner trafen sich, stiegen in einen Bus und fuhren zur Zentrale der Arbeitgebervertreter. Das Radio berichtete, als sie durch die Sicherheitskontrolle gingen, die Tür aufstemmten und in die Empfangshalle eindrangen. Eine kleine Plastikkiste stellten sie dort ab, hergerichtet wie ein Präsentkorb, aber gefüllt mit Waren vom Lebensmitteldiscounter, bezahlt vom Lohn einer Schicht: billige Zigaretten, Kaffee, Brot, Tütenwein. Die Botschaft: Wir sind da, und wir fangen an, uns zu organisieren. Kurz darauf wurde ein Tarifvertrag ausgehandelt.

Auch Barbara E. hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, eines Tages mit einem Tarifvertrag wieder an ihrer alten Supermarktkasse zu sitzen. Sie hofft auf das Gericht. Am Abend nach ihrem Computerkurs sitzt sie im Berliner Hauptgebäude von Verdi, Raum 212, beim Treffen der „Kreativgruppe Einzelhandel“. Am Anfang klebten sie hier noch große gelbe Prozentzahlen auf rote Pappe, um sie auf den Demos hochzuhalten. Heute, sagt Barbara E., ließen sie das mit den Schildern sein, „es geht nur noch darum, wie wir Läden dicht machen können“. In der Rewe-Filiale kaufte sie damals eine Birne und eine Nuss und kichert, wenn sie davon erzählt. Als sie geht, ballt sie die Faust und zitiert den ehemaligen KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann: „Einen Finger kann man brechen, aber fünf sind eine Faust“, es klingt irgendwie trotzig, aber erstaunlich überzeugt.

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