Zeitung Heute : Das Ende der Weichspüler

Zwickel habe den Bruch mit der SPD gewollt: ein abgekartetes Spiel, sagen die Kompromissbereiten im DGB – dabei ist nun auch das Lebenswerk des IG-Metallchefs dahin

Alfons Frese Ursula Weidenfeld

Von Alfons Frese

und Ursula Weidenfeld

Es hätte so sein können wie immer. Der DGB-Bundesvorstand trat am Dienstagvormittag im Gewerkschaftshaus am Hackeschen Markt zusammen. Wie immer am ersten Dienstag im Monat. Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, macht die Begrüßung. Wie immer. Danach sind die Chefs der Einzelgewerkschaften dran. Auch wie immer. Über das was dann folgt wird Chemiegewerkschaftschef Hubertus Schmoldt sagen, so etwas habe er noch nie erlebt. Dabei hatte es ganz harmlos begonnen.

DGB-Chef Michael Sommer berichtete von seinem netten, aber total ergebnislosen Frühstück mit dem Kanzler. Kein Kompromiss, kein Konjunkturprogramm, keine Steuererleichterung für Geringverdiener – nichts von alledem, was den Gewerkschaften die Versöhnung erleichtert hätte, sei auf dem Tisch gewesen, musste Sommer seinen Gewerkschaftsbossen berichten. Aber es sei gut, dass man geredet habe, sagte der DGB-Chef. Das sei immer gut. Und damit könne man ja am Abend fortfahren, wenn man sich mit den SPD-Gewerkschaftern zusammensetze.

Es war Klaus Zwickel, dem angesichts dieser Harmlosigkeit der Kragen platzte: Er forderte als Erster die Absage der Gewerkschaften für das am Abend geplante Treffen. „So nicht“, soll er immer wieder gesagt haben. Mal habe er es gemurmelt, mal fast gebrüllt. Zwickel sei anzusehen gewesen, dass er in den letzten Wochen schlecht geschlafen hat, erzählen Teilnehmer der Sitzung. Zerquält habe er ausgesehen, der Chef der IG Metall.

Klaus Zwickel, für den in diesen Tagen sein Lebenswerk zerbricht, ist es offenbar gewesen, der am Ende den Ausschlag für den Bruch mit der SPD gegeben hat. Und nicht Frank Bsirske, der gewandte Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Der Scharfmacher, ohnehin Mitglied der Grünen, habe gar nicht viel tun müssen an diesem Dienstag, um die Roten auf seinen Kurs zu bringen. Er habe Zwickel sofort zugestimmt, mit jener verbissenen Heiterkeit, mit der Bsirske auch seinen Laden in die Linksaußen-Position der Gewerkschaften manövriert hat. Das sei ein abgekartetes Spiel von Zwickel und Bsirske gewesen, mutmaßen am Tag danach die anderen. Die, die den innergewerkschaftlichen Streit um Weiterreden oder richtig Krachmachen verloren haben.

Bsirske will es wissen

Für den Verdi-Chef Bsirske sei es ein Spiel um die Macht, da ähnele er dem Kanzler, sagen Beteiligte. Ein Spiel um die Macht nach innen, in seiner eigenen Gewerkschaft, im Deutschen Gewerkschaftsbund, und nach außen, auf der politischen Bühne. Bsirske sei Chef der größten Einzelgewerkschaft, und er sei entschlossen, diesen Machtanspruch jetzt in der Auseinandersetzung geltend zu machen. Gegen die IG Metall, gegen die Lieblingsgewerkschaft des Kanzlers, die IG Chemie, und vor allem gegen den Deutschen Gewerkschaftsbund und seinen Vorsitzenden Michael Sommer – jene Dachorganisation, die vom Geld der Einzelgewerkschaften lebt und die Bsirske ziemlich überflüssig findet. Jedenfalls will er den Kurs der Gewerkschaften nicht mehr von Weichspülern bestimmen lassen, für die er Leute wie Sommer oder Schmoldt hält.

Zwickel also hat alles besorgt. Der Klaus Zwickel, der noch am 14. März in einer denkwürdigen Telefonkonferenz nach der Agenda-2010-Regierungserklärung des Kanzlers immer wieder zum Abwarten mahnte. Zu einem als die Gewerkschaften das Ende der Allianz mit der SPD erstmals ernsthaft in Betracht zogen. Der Zwickel, in dessen Schädel es einfach nicht hineingepasst habe, dass der Kanzler ernst machen könnte. Dass er durchziehen könnte – und damit auch ihn persönlich und seinen Kompromiss-Kurs, auf den Zwickel die IG Metall vor dem Ende seiner Amtszeit im Herbst noch führen wollte, diskreditieren würde.

Zwickel soll bei der Telefonkonferenz den Gemäßigten gegeben haben, den freundlichen Gewerkschaftsboss, der mit Routine all die Alltagsaufgeregtheiten der Anderen kontert. Damals telefonierten miteinander: Michael Sommer und seine Stellvertreterin Ursula Engelen-Kefer, Zwickel, Bsirske und Hubertus Schmoldt von der Chemiegewerkschaft. „Und was machen wir jetzt“, soll jeder jeden gefragt haben. Ratlos, hilflos, fassungslos. „Ja, hier ist nochmal der Klaus", habe er sich dann in bedächtigem Ton aus Frankfurt gemeldet, wenn Engelen-Kefer aufgeregt sozial- und arbeitsmarktpolitische Bedenken vorgetragen habe. Am Ende war sich der Telefonkreis einig: Wir warten ab. „Wenn man das im Radio gespielt hätte, wären uns die Mitgliedsbücher um die Ohren geflogen“, sagt ein Teilnehmer.

Zwickel habe am Ende des Telefonsgespräches offen gesagt, wer in der Sache das letzte Wort habe. Nicht der DGB, sondern die Einzelgewerkschaften. Und die Metallgewerkschaft habe sich nicht entscheiden wollen an diesem 14. März, drei Wochen vor dem Treffen, auf dem Zwickels Nachfolger ausgeguckt werden sollte. Drei Wochen, bevor die IG Metall ihre eigene Richtungsentscheidung zwischen links und moderat treffen musste, zwischen dem lauten Zwickel-Vize Jürgen Peters und dem leisen Intellektuellen Berthold Huber, dem Chef der baden-württembergischen Metaller. Zwickel, so sagen die Metaller sei sicher gewesen, dass sein Favorit Huber das Rennen machen werde, dass der Kanzler wenigstens ein bisschen einknicken werde – dass es am Ende so ausgehe wie immer. Ein bisschen Reform, ein bisschen mehr Umverteilung, und vor allem: Am Ende haben alle das Gesicht gewahrt. Nur, dass es diesmal nicht so ausging. Und dass Zwickel dabei am meisten verloren hat. Er ist nun die lame duck, die lahme Ente, die er nie werden wollte. „Lame duck“, sagt ein Radikal-Metallgewerkschafter grinsend, „das ist untertrieben. Der liegt schon auf dem Grill.“

Kanzlerfreund und Kanzlerfeind

Derzeit steht von den Gewerkschaftsbossen keiner loyaler zum Kanzler als Hubertus Schmoldt. Das war lange ein Vorteil. Jetzt schadet es. Schmoldt spielt im Gewerkschaftslager keine Rolle mehr. Erstmal, bis die Revolution vorbei ist. Wenn „der Herr Schmoldt“ meine, er müsse weiter mit dem Kanzler reden „dann kann er das von mir aus tun“, donnerte Zwickel, „wir haben das nicht nötig“. Er fühlt sich vom Kanzler verraten. Wenn Schröder der Meinung sei, dass man einfach so an die wirtschafts- und sozialpolitische Tradition der Regierung Kohl anknüpfen könne, dann solle er das ruhig tun, drohten die Zwickels, Bsirskes und Engelen-Kefers. Dann aber werde es Schröder so ergehen wie Kohl, dann werde er abgewählt. Bei Bsirske klingt das fröhlich. So, als seien die Gewerkschaften auf dem Weg in ein lustiges Abenteuer. Bei Zwickel klingt es so, als würde ihm das etwas ausmachen. Für Zwickel ist etwas zerbrochen in diesen Maitagen. Für immer.

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