Zeitung Heute : Das Ende des Baumfrevels

Andreas Conrad

Nun haben sie ausgedient, die Bündel aus Weidenruten, die zwölf Tage lang den Weg durchs Foyer des Berlinale-Palasts flankiert hatten. Ein letztes Mal paradierten gestern Abend die Stars und ihr Publikum daran vorbei, dann blieb nur noch der Komposthaufen. Manches Rätselraten hatte es um die Bündel gegeben, Hobbygärtnern und anderen Naturliebhabern stellte sich etwa die Frage, ob hier Baumfrevel vorliege, sind doch Weidenkätzchen die erste Bienennahrung. Oder sollte der Dekorateur sich der Zeiten erinnert haben, als man die allabendlich auftauchenden Girlies noch als flotte Bienen bezeichnete? Berlinale 2002 Online Spezial: Internationale Filmfestspiele
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Weitere Assoziationen kamen durch den Abschlussfilm "Der große Diktator" auf. Hatten nicht die italienischen Faschisten unter Benito Mussolini, Chaplins Vorbild für den Diktator Napaloni, stilisierte Rutenbündel mit einem herausragenden Beil zum Staatssymbol erklärt? Geklaut hatten sie das bei den alten Römern, symbolisierten doch die von den Amtsdienern des Magistrats, den Liktoren, getragenen Bündel die Gewalt über Leben und Tod. Darüber verfügt der neue Festivalchef Dieter Kosslick zwar nicht, der Rückgriff auf Rom brachte den Besucher gleichwohl ins Grü beln.

Gestern Nachmittag hatte Kosslick die Preise bekannt gegeben - und sich zugleich eine Sperrfrist für die Veröffentlichung bis 19 Uhr 45 erbeten. Ein bemerkenswerter Optimismus, zu erwarten, dass sich daran zumindet die Mehrheit halten würde. Tat sie natürlich nicht. Offensichtlich sollten am letzten Abend amerikanische Verhältnisse eingeführt werden, dieses Zittern und Bangen, wer wohl auserkoren würde, das Aufjuchzen der Sieger - all diese Rituale, die man aus den Oscar-Zeremonien kennt.

Auch Geraldine Chaplin hatte den Abend schon lange in ihrem Terminkalender rot angestrichen, Papa zu Ehren. Am frühen Nachmittag stand sie noch einmal der Presse für Fragen zum "Großen Diktator" zur Verfügung. Die von der Familie geschaffene Chaplin-Association will künftig weitere Chaplin-Filme erneut ins Kino bringen. "Der große Diktator" ist voraussichtlich im Oktober dran, danach kommt "Modern Times". Für die Neuauswertung wurden frische Kopien gezogen, die Filme werden auch im Ton digital nachpoliert.

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