Zeitung Heute : Das Ende einer Aufführung

Sie haben ihre Olympia-Teilnahme abgesagt – das Schuldeingeständnis der griechischen Sprinter

Benedikt Voigt[Athen]

In der klassischen griechischen Tragödie bringt das Schicksal den Helden in eine unausweichliche Situation. Jedes Handeln verschlechtert die Lage, es gibt keinen Ausweg, der Held stirbt. Die Tragödie endet mit dem Schluss-Chor.

Bei der aktuellen griechischen Tragödie bilden den Schluss-Chor Francois Carrard und Giselle Davis. Der Generalsekretär des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und seine Sprecherin sitzen am Mittwochnachmittag im Main Press Center auf dem Podium. 300 Journalisten und 22 Kameras sind das Publikum, sie zeichnen jedes Wort auf. „Wir hoffen, dass sich jetzt die Aufmerksamkeit wieder auf die Wettbewerbe richtet“, sagt Giselle Davis. Sie will die Aufführung beenden, die Griechenland und die Olympischen Spiele eine Woche lang in Atem hielt. Nur eines stimmt mit dem Aufbau einer klassischen Tragödie nicht überein: Die Helden sind nicht tot. Aber sie sind tief gefallen.

Am Vormittag haben Katerina Thanou und Kostas Kenteris, die beiden größten Stars der griechischen Mannschaft, ihre Akkreditierungen für die Spiele zurückgegeben. „Aus Verantwortungsbewusstsein und aus nationalem Interesse ziehe ich meine Teilnahme zurück“, sagte der 200-Meter-Sprinter Kenteris. Sprintkollegin Thanou formulierte ähnlich: „Ich entschuldige mich bei den Griechen dafür, dass ich in Athen nicht auftreten werde.“

Wahrscheinlich sind die beiden damit einem Ausschluss durch das IOC-Exekutivkomitee zuvorgekommen. „Die Untersuchung durch die Disziplinarkommission ist nicht zu einem Ende gekommen“, sagt Generalsekretär Carrard. „Thanou und Kenteris sind nicht mehr Teilnehmer, also können sie auch nicht mehr ausgeschlossen werden.“ Nun wird der internationale Leichtathletikverband IAAF weiter untersuchen.

Der Schaden, den die beiden seit langer Zeit dopingverdächtigen Sprinter vermeiden wollen, ist längst eingetreten. Ihr Fall überschattet die Olympischen Spiele 2004. Es ist der größte Skandal, seit der kanadische Sprinter Ben Johnson 1988 in Seoul nach seinem Olympiasieg über 100 Meter des Dopings überführt wurde.

Diesmal gibt es keine Beweise, doch alle Umstände wirken wie ein Schuldspruch. Am vergangenen Donnerstag um 16 Uhr 15 hat eine Helferin den beiden griechischen Stars ihre Zimmer im olympischen Dorf gezeigt. Kurze Zeit später waren sie für einen Dopingtest nicht auffindbar, obwohl es zur Pflicht eines olympischen Athleten gehört, dem eigenen Nationalen Olympischen Komitee den Aufenthaltsort bekannt zu geben. „Ich bin nie darüber informiert worden, dass ich zu einem Dopingtest soll“, sagt Kenteris. Die Zeitung „Athens News“ berichtet jedoch, dass der Nationaltrainer der griechischen Leichtathleten ab 18 Uhr 15 Uhr zehn Mal mit dem umstrittenen Trainer der Dopingverdächtigen, Christos Tsekos, telefoniert habe. Er habe ihn gedrängt, seine Athleten zum Test zu schicken. Tsekos leugnet diese Gespräche, doch der Nationaltrainer sagt, er könne die Verbindungsdaten seiner Telefongesellschaft vorlegen.

Kurz vor Mitternacht hielten sich Thanou und Kenteris tatsächlich bei Tsekos auf. Sie wollen erst im Fernsehen von dem Dopingtest erfahren haben. Beim Versuch, mit dem Motorrad zum olympischen Dorf zu fahren, erlitten sie angeblich einen Unfall, für den es keine Zeugen gibt. Inzwischen untersucht das ein Staatsanwalt.

Den angeblich versäumten Dopingtest aber wollte das IOC beurteilen. An diesem Punkt wandelt sich die griechische Tragödie zur olympischen Farce. Zweimal konnten der Goldmedaillengewinner und die Silbermedaillengewinnerin von Sydney mit medizinischen Attesten ihre Anhörung hinauszögern: Wegen der Unfall-Verletzungen sei es unmöglich, das Krankenhaus zu verlassen. Allerdings untersuchte sie auch ein Arzt der Staatsanwaltschaft. Ein Informant sagte der Nachrichtenagentur Reuters: „Dieser Arzt hat bei Thanou keine und bei Kenteris nur kleinere Verletzungen festgestellt.“

Vor dem gestrigen finalen Akt glaubte Kenteris, die Geschehnisse wenden zu können. Als er am Dienstag gemeinsam mit Thanou das Krankenhaus im Osten Athens verließen, sprach der Sprinter einen missglückten Satz in die Mikrofone. „Ich möchte hinzufügen, dass nach der Kreuzigung die Wiederauferstehung folgt.“ Doch das gelang bislang nur Jesus. Die Griechen glauben ihren gefallenen Helden längst nicht mehr.

Vor der Weltpresse hebt Giselle Davies die rechte Hand. Darin hält sie bunte Bänder, an denen zwei Akkreditierungskärtchen für die Olympischen Spiele baumeln. Auf einem steht „Katharina Thanou“, auf dem anderen „Kostas Kenteris“. Die IOC-Sprecherin schwenkt die Bänder einige Sekunden lang wie Trophäen. Damit ist das Theaterstück beendet.

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