Das Erbe des 17. Juni : Gesetz einer Straße

Die Scheibenputzer nehmen einen Euro, die Frauen an der S-Bahnbrücke 30. Nur die Gartenbaubeamten schauen manchmal nicht aufs Geld. Die Straße des 17. Juni in Berlin sollte ein Symbol der Freiheit sein. Aber auch das Leben hier hat seine Regeln.

Torsten Hampel

Sie wird dich anlügen. Wenn sie dir ihren Namen sagt, dann lügt sie. Bärbel soll sie heißen, dass ich nicht lache, sie akzeptiert ja auch Chantal, wenn es dir so besser gefällt. Oder Jasmin. Sie ist da, um dir weiszumachen, dass sie dich mag. 30 Euro im Auto, 70 auf dem Zimmer, und „wenn du es ein bisschen netter haben willst, dann 100“. So wird sie es sagen. Bärbel, sie steht jede Nacht von neun bis vier auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Auch schon über 30, aber blondes langes Haar, Bluejeans hat sie an, rosa Lippen, Pressmieder. Was tut ein Name da noch zur Sache?

An Straßen ändert er auch nichts. Die bleiben auch gleich, wenn man sie umbenennt. Was sich ändert, sind die Worte, die die Menschen sagen müssen. Das ist der Grund dafür, dass man Straßen Namen gibt, verstehst du? Dass man zum Beispiel seit 50 Jahren Straße des 17. Juni sagen muss, wenn mal einer wissen will, wie er rasch vom Reichstag nach Charlottenburg kommt. „Da fahren Sie am besten über den 17. Juni.“

So etwas hatten sie wohl im Sinn, der Bürgermeister und die Senatoren von West-Berlin, als sie sich zum ersten Mal nach dem Volksaufstand, fünf Tage später, im Rathaus Schöneberg trafen. Sie wollten, dass das Datum künftig ausgesprochen werden muss in ihrer Stadt. Sie wollten, dass es nicht verschwindet.

Es war ein Montagmorgen, Senatssitzung. 20 nach neun kamen sie zusammen im Goldenen Saal, sie hatten dort damals schon eine goldgestrichene Decke und Gitter aus poliertem Messing vor den Heizungen, deshalb heißt er so. Sie haben sich an den riesigen Tisch gesetzt, der von oben wie ein O aussieht, und beraten. Über Geld für den Ausbau des Finanzamts Tiergarten, über die Zulassung zweier politischer Parteien, Branntweinpreise, Beamtenernennungen. Und dann der Senatsbeschluss 3407. „In Würdigung des historischen Ereignisses vom 17. Juni 1953 und zu Ehren der Opfer dieses Ereignisses ist die Charlottenburger Chaussee (vom Brandenburger Tor bis zum S-Bahnhof Tiergarten) in ’Straße des 17. Juni’ umzubenennen.“ Unterschrift Reuter, Reg. Bürgermeister.

Zehn vor zwölf war die Sitzung vorbei. Die Sonne war wohl inzwischen hereingekommen in den Rathaus-Südflügel, und sie wird den Goldenen Saal noch ein bisschen goldener gemacht haben. Das Wetter ist sehr schön gewesen an diesem Tag, 27 Grad warm war es.

Bärbel, du stehst doch jetzt schon seit elf Jahren hier, was ist das für eine Straße?

Eine wie jede andere. Die Zeiten sind überall schlecht.

Da, wo du immer bist, ist sie nachts dunkler als andere.

Ach, nachts ist überall dunkel.

Bärbels Teil der Straße, das westliche Ende hinter dem S-Bahnhof, heißt erst seit November 1953 nach dem 17. Juni, davor war das die Berliner Straße von Charlottenburg. Das Bezirksamt hier hat es so beschlossen. Aber wie das genau war damals, warum die das ein halbes Jahr später als der Senat erst gemacht haben, ob es Streit darüber gab zum Beispiel, das weiß keiner mehr, die sind alle längst tot. Und wenn sie überhaupt Akten darüber angelegt haben, dann kann sie jetzt keiner mehr finden.

4000 und ein paar mehr Schritte von einem Ende zum anderen. Wenn du dir Zeit lässt, bist du in einer Dreiviertelstunde durch. Im Osten das Brandenburger Tor und der Platz des 18. März, im Westen der Ernst-Reuter-Platz. Am 18. März war auch einmal Revolution, und Ernst Reuter war der große Bürgermeister des frühen, freien West-Berlin, der 17. Juni liegt also zwischen ganz viel Hoffnung auf Freiheit. Wer im Osten anfängt, auf ihm zu laufen, der bekommt nach hundert Schritten erst mal einen Schreck. Eine Eiche steht da rechts am Rand, von einem Ast hängt ein Strick mit einer Schlinge runter. Aber viel zu tief über dem Boden, muss wohl ein Scherz gewesen sein oder so etwas.

Ein paar Meter weiter sind zwei Panzer. Sowjetische T-34-Panzer, zentimeterdick bestrichen mit hellgrüner Farbe. Sie hocken auf Sockeln, sie bewachen das sowjetische Ehrenmal. Im Krieg sollen sie von Moskau bis Berlin durchgefahren sein. Es ist derselbe Panzertyp wie der, den die Russen am 17. Juni benutzt haben, nur dass die beiden hier, die Weltkriegsvariante, kleinere Kanonen haben. Und dass zwei Sperlingspaare in ihnen nisten. Seit Jahren machen die das schon.

Es ist laut am 17. Juni. Früher, vor dem Mauerfall, konnte man ihn entlanggehen und die Amseln im Tiergarten singen hören. Christoph Schaaf erinnert sich oft an die alte Sackgassenzeit, immer wenn er seine blaue Schiebermütze aufsetzt und hierher kommt. Er muss das machen mit der Mütze, wegen der vielen Sonne in diesem Jahr. Schaaf ist der Parkchef, Jahrgang 1940, seit 1965 im Tiergarten, in einem Monat hört er auf. Die Straße macht ihm nur noch Kummer. Im Herbst 1990 hat er angefangen, das aufzuschreiben, er hat einen grauen Ordner in seinem Grünflächenamts-Archivregal, da heftet er alles ab. „Vorgang: Belastung des Großen Tiergartens und Nachlassen seines Erholungswertes“, steht da auf einem der Blätter mit Schreibmaschine geschrieben. „Seit dem 9.11.1989 wird die Straße des 17. Juni zunehmend stärker von Kraftfahrzeugen genutzt als bisher. Es sind zwei Verkehrsarten zu beobachten: 1.das Rasen von Pkw mit überhöhter Geschwindigkeit auf der sehr gut gebauten Asphaltpiste“. Und „2. das Stehen von Pkw in 3-Reihe mit laufendem Motor“.

Großer Stern und großer Sumpf

Jetzt geht auch noch einmal im Jahr die Love Parade hier entlang, insgesamt sind es wohl so 20 Großdemonstrationen pro Saison, Millionen Menschen stehen dann übers Jahr auf Schaafs Sträuchern und Büschen, und sie treten die Erde fest, bis nichts mehr wächst. In diesem Jahr hat er es aber noch einmal probiert und die Lehrlinge 2000 neue Ligusterbüsche an den Straßenrand setzen lassen, auf dass ein paar der Pflanzen den Sommer überstehen. Aber er hat vergessen, dass man sie gießen muss. Dafür hat Schaaf nämlich keine Leute mehr, Personalkürzung, sagt er, von 120 Angestellten auf 20. Der Liguster ist nicht einmal angewachsen.

Ganz früher war hier Sumpf. Der Tiergarten ist der tiefste Ort der Stadt, das Wasser hat sich hier versammelt. Dann kam Friedrich I. Friedrich I. hat den Sumpfwald kanalisiert und kurz vor 1700 einen Reitweg aushauen lassen zwischen seinem Stadtschloss im Osten und Schloss Charlottenburg im Westen. So ging es los mit der Straße. Der Weg war schlammig, und die Kutschen brauchten manchmal acht Stunden für die Strecke, so oft sanken sie bis zu den Achsen in den nassen Sand. Und ein Jagdgebiet war hier. Der König hat noch ein paar andere schnurgerade Schneisen in den Wald geschlagen, alle liefen auf einen Platz in der Waldmitte zu, er hat sich dann angeblich immer dahin gesetzt und seinen Jägern beim Jagen zugeschaut.

Der Platz ist der Große Stern, der große Kreisverkehr auf dem 17. Juni, in dessen Mitte heute die Siegessäule steht. Hitler hat sie draufstellen lassen und die Straße Ost-West-Achse genannt, sein Architekt hat sie breiter gemacht und zwei, vier Meter aufgeschüttet, damit sie genauso hoch ist wie die Straße Unter den Linden jenseits des Brandenburger Tores. Damit es eine Flucht ergibt, damit es seine Ordnung hat. Und er hat Straßenlaternen entworfen, sie stehen jetzt noch an der Stelle, wo Bärbel arbeitet.

Am Großen Stern sind nachmittags die Autoscheibenputzer. Es sind immer Polen. Sie haben dieses Gewerbe vor vielleicht zehn Jahren nach Deutschland gebracht, und begonnen hat es in Berlin am großen Kreisverkehr. Sie stehen an der Ampel und fragen dich, Scheibe putzen?, und wenn du ja sagst, dann machen sie es. Sie erwarten, dass du ihnen Geld gibst dafür, früher war eine Mark Usus, heute ein Euro. 50000 Autos kommen hier durch an jedem Tag in Richtung Westen, 38000 nach Osten. Jedenfalls 1998 war das so, da haben sie von der Stadt zum letzten Mal gezählt, und das Brandenburger Tor war noch auf. Nun ist es wieder mal zu, und deshalb stehen Michal und seine beiden Kollegen jeden Tag auf der Spur, die nach Osten führt. Da ist jetzt mehr los.

Und, Michal, gute Straße?

Ich war noch nie woanders in der Stadt.

Michal ist 25, er sieht ein wenig älter aus, aber das liegt wohl an dem Schmutz in seinem Gesicht. Er hat früher schon Autoscheiben gewaschen, sagt er, als Kind in Warschau, an den Warteschlangen vor den Tankstellen. Michal trägt wie die beiden anderen auch ein schwarzes T-Shirt, auf seinem steht „Dumm und glücklich“. Er spricht klasse Deutsch, weiß sich zu helfen in der Fremde, wie man sieht, und er erkennt seinen Außenminister, wenn der zu Besuch ist in Berlin und in einem Autokonvoi an ihm vorbeifährt.

Scheibenwischer-Rabatt

Sein Kollege, der mit dem geschorenen Schädel, hat vorhin gesagt, er mache das hier zum Überleben, es scheint etwas Dramatisches zu sein bei ihm. Michal sagt das nicht. Er ist wohl zufrieden, warum auch nicht. Manchmal, wenn er Riesenglück hat, macht er 20 Euro in der Stunde, dann kann er sich auf sein Klapperfahrrad setzen und zu Bolle am nahen Hansaplatz eiern und ein paar Sechserpacks Schultheiss kaufen. Und bei Bärbels Kolleginnen bekommen er und seine Freunde Rabatt, weil sie immer mal mit Zigaretten aushelfen. Das musst du aber niemandem weitererzählen.

Es wird auch gewohnt an der Straße, ein paar Leute haben den 17. Juni als Anschrift, obwohl sie ganz woanders leben. In Booten nämlich, auf dem Landwehrkanal, den der König Friedrich damals angelegt hat, um den Sumpfwald zu entwässern. 50 Meter bis zur Straße, und trotzdem der Lärm, sagen sie. Aber es hat auch sein Gutes, „wir kriegen immer einen Parkplatz“.

Manche Geschäfte laufen gut, wie das von Michal, manche schlecht, wie das von Bärbel, es gibt Beamte wie den Herrn Schaaf, die sich redlich bemühen, und die Anwohner beschweren sich ein bisschen über den Krach. Es ist wie überall.

Und es ist eine Straße, auf der viele tausend Autos zügig vorwärtskommen. Es gibt Natur am Rand und Stadtbesucher in Bussen. Und ganz hinten im Westen, da wo die Straße die Form verliert, wo sie auseinander fließt nach Nord und Süd, wo statt der Baumkante am Rand nur ein weiter Parkplatz ist mit ein paar welken Sommerlinden dazwischen, da ist die Technische Universität von Berlin. Hier, eigentlich nur hier, wird er überquert, der 17. Juni. Viele tausend Studenten jeden Tag laufen über ihn drüber. Auch sie hat man einmal gezählt vor ein paar Jahren, es ging darum, ob es eine Ampel für sie geben wird oder nicht. Sie haben sie bekommen.

Kann sein, wenn der 17. Juni noch Charlottenburger Chaussee hieße, also einen richtigen Namen hätte und kein Datum, kann sein, dass der Gedanke an die Straße dann doch ein bisschen mehr mit dem zu tun hätte, was hier so ist. Weil Chaussee gut zu allem passt, zu den Autos, den Bäumen, der Breite. Aber darum ging es ja Reuter und seinen Senatoren nicht, erinnerst du dich? Sie wollten das, was jetzt nach 50 Jahren so mit aller Macht hervorkommt aus der Vergessenheit, über die Zwischenzeit retten. Mehr haben sie nicht tun können.

Es ist Abend in Berlin. Ein paar Männer der Stadt werden heute noch 17. Juni sagen. Und sehr wenige von ihnen auch Bärbel.

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