Zeitung Heute : Das Erbe machthungriger Ritter ist fast vollständig wieder hergestellt

Thomas Veser

Vom dichten Schilfgürtel der sumpfigen Uferwiesen aus betrachtet, wirkt die dunkelrote Marienburg erhaben und uneinnehmbar. Vor mehr als sieben Jahrhunderten auf einer Anhöhe über der Nogat errichtet, hielt der einstige Hauptsitz des Deutschen Ordens dank seines umfangreichen und ausgeklügelten Verteidigungssystems allen Belagerungen stand. Nähert man sich der wohl größten Burganlage Osteuropas über die moderne Nogatbrücke, wird hingegen deutlich, dass unser Jahrhundert unauslöschliche Spuren hinterlassen hat. Wo sich bis 1945 die Laubenhäuser der Altstadt von Marienburg erhoben, stehen auf dem ursprünglichen Schachbrettgrundriss triste Mietskasernen aus den fünfziger Jahren. Nur Rathaus, Pfarrkirche und Töpfer- sowie Marientor waren nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellt worden.

An der frühgotischen Burganlage von Malbork, wie die Stadt auf Polnisch heißt, erinnern die helleren Stellen an den tragischen Untergang der Marienburg, deren deutsche Besatzung am 9. März 1945 die Waffen streckte. Mag der Widerstand hinter den Mauern einer mittelalterlichen Klosterburg heute auf den ersten Blick sinnlos erscheinen, so brachte er doch einen sowjetischen Panzervorstoß vorübergehend zum Stillstand. Der Aufschub erlaubte Zehntausenden ostpreußischer Flüchtlinge, über die Flussbrücken ungehindert in Richtung Westen zu gelangen. "Mailand wurde aus Marmor, Ofen (Buda) aus Stein und die Marienburg aus Schlamm erbaut", steht in lateinischer Sprache auf der Gründungstafel im Innenhof des Mittelschlosses, das wie die meisten Teile der Marienburg auf einem künstlich aufgeschütteten Erdhügel angelegt wurde. Dass er unter der Last der Gebäude allmählich einsank, war bereits im Mittelalter nicht verborgen geblieben.

Keine der rund 150 Burgen, die der Deutsche Orden im 13. und 14. Jahrhundert auf dem Gebiet der ehemaligen Provinzen West- und Ostpreußen erbaute, besitzt eine stärkere Symbolkraft als die Marienburg. Vom Hochmeisterpalast des Mittelschlosses aus wurde während der Blütezeit des Ordens ein geschlossenes Territorium mit einer halben Million Bewohner und einer einheitlichen Währung straff verwaltet. Dorthin verlegte Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen den Hauptsitz des Ordens, der 1190 während des Dritten Kreuzzuges im Heiligen Land gegründet worden war. Im Kampf gegen die baltischen Pruzzen, die sich der Christianisierung widersetzten, bat der polnische Fürst Konrad von Masowien die Ritter 1226 um Beistand. Nach wenigen Jahrzehnten war ihre Mission erfüllt. An eine Rückkehr dachten die Ritter, Ritterbrüder und nichtadeligen Halbbrüder indessen keinesfalls. Sie richteten vielmehr den Blick in Richtung Osten. Nach und nach entstand rechts der Weichsel eine Reihe von Festungen. Ende des 14. Jahrhunderts stand der Orden im Zenit seiner Macht und gebot über die Bistümer Kulm, Pomesanien, Ermland und Samland. Durch die Heirat der Polenkönigin Jadwiga mit dem litauischen Großfürsten Jagiello erwuchs dem Orden ein mächtiger Konkurrent. Er sollte den erfolgverwöhnten Rittern 1410 beim ostpreußischen Tannenberg (Grunwald) eine vernichtende Niederlage bereiten. "Helme barsten unter den Schlägen der Keulen und Streitäxte, und Schulterstücke brachen, Panzer trieften von Blut, aus den Sätteln stürzten die Reiter wie zersägte Baumstämme." So schilderte Henryk Sienkiewicz in seiner Romantrilogie "Die Kreuzritter" (1906) die größte Feldschlacht des ausgehenden Mittelalters. Der polnische Nobelpreisträger, der die deutschen Ritter als habgierig, grausam und überheblich darstellte, hinterließ ein wenig schmeichelhaftes Porträt des Ordens, dem "ob seiner nie erlahmenden Eroberungslust noch ein Ende mit Schrecken" vorgezeichnet sei.

Nach dem Zweiten Thorner Frieden musste der Hochmeister 1466 fast die Hälfte seines Gebiets an die polnische Krone abtreten. Während der Reformation in ein erbliches Herzogtum umgewandelt, wurde der Orden von Napoleon I. 1809 aufgelöst. Später neugegründet, befindet sich sein Sitz heute in Wien. Er zählt rund tausend Angehörige, die sich vornehmlich sozial-karitativen Aufgaben widmen.

Auch der neue Herr über Westpreußen, König Friedrich II., der den gotischen Stil nicht mochte, konnte der kahlen Anlage wenig abgewinnen. "Das Schloss bleibt stehen", verfügte er dennoch in einer Randnotiz. Der Festsaal des Hochmeisterpalastes mit seinen meisterhaften, auf grazilen Säulen ruhenden Sterngewölben wurde als Weberwerkstatt verwendet. Andere Teile dienten als Kaserne und Getreidespeicher. Die Absicht, das Ziegelgebirge ganz abzureißen und mit dem Baumaterial Kasernen zu errichten, stieß Anfang des vorigen Jahrhunderts auf den erbitterten Widerstand romantisch-patriotischer Strömungen. Sie setzten die Rettung durch. Prominente Baumeister, darunter Friedrich Gilly und Karl Friedrich Schinkel gründeten im Schloss eine eigene Restaurierungsschule, in der neue Konservierungsmethoden entwickelt wurden. Sie lieferte die Grundlage für die Wiederherstellung nach 1945.

Zunächst hing das Schicksal der Burg an einem seidenen Faden; polnische Kunsthistoriker mussten alle Überredungskunst aufwenden, um den Behörden den vorgesehenen Abriss auszureden. Da der Wiederaufbau der Warschauer Altstadt damals Vorrang genoss, wollte man auch dazu die Ziegelsteine der weit weniger bedeutenden Burg verwenden. Bevor der Wiederaufbau einsetzen konnte, musste die Regierung um die Sympathie der Bevölkerung werben: Auf Sondermarken der Post gab man das Baudenkmal kurzerhand als polnische Königsresidenz aus. Seine Rettung wurde damit zur Aufgabe der gesamten Nation. Das hat sich ausgezahlt, gehört die Ordensburg mit ihrem wiederhergestellten Hochmeisterpalast und den freigelegten Fresken doch zu den meistbesuchten Monumenten Polens.

Mit dem Abschluss der Arbeiten in der Marienkirche, deren östliche Chorwand eine wiederhergestellte hohe Mariendarstellung schmückt, soll der Wiederaufbau 2005 beendet sein.

Tipps für Polen

Veranstalter: Die Danziger Reiseagentur Aktivtours bietet ganzjährig eine zehntägige Schlössertour in Westpolen an. Die Reise beginnt in Stettin, führt nach Danzig zur Marienburg und endet in Posen. Im Gesamtpreis von 389 Euro sind inbegriffen sämtliche Eintrittspreise und Übernachtungen, in einigen Fällen in Schlössern, die zu Hotels umgebaut wurden. Auskunft: Aktivtours, ul. Jaskowa Dolina 114, PL-80286 Gdansk; Telefon: 00 48 / 58 / 344 38 79/80, Telefaxnummer: 00 48 / 58 / 520 19 13.

Indivdualreise: Wer die Reise individuell gestalten möchte, muss bei mäßigem Komfort mit relativ hohen Hotelpreisen rechnen. Auch die gastronomische Qualität lässt noch zu wünschen übrig. Drei-Sterne-Hotels in Marienburg/Malbork kosten mit Frühstück 100 Mark (Hotel Park und Hotel Zbyszko), 120 Mark (Hotel Dedal) oder auch 150 Mark (Hotel Zamek direkt beim Schloss). Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet das zum Hotel umgebaute Pferdegestüt Bialy Dwor bei Marienwerder (Kwidzyn). Seine ältesten Teile stammen aus dem 16. Jahrhundert. Sämtliche Zimmer sind im Stil des vorigen Jahrhunderts eingerichtet, das größte Doppelzimmer mit Frühstück kostet 150 Mark. Im Hotelrestaurant gibt es von 20 Mark an eine große Auswahl meisterhafter Gerichte.

Ausflüge: Von der Stadt Marienburg aus kann man die anderen Schlösser des Deutschen Ordens besuchen: Engelsburg (Pokrzywno) nahe der Kleinstadt Kulm (Chelmno). Weitere Schlösser: Burg Stuhm (Sztum) im Lande Aliem, Gollub (Golub-Dobrzyn), Birgelau (Bierzglowo), Rehden (Radzyn Chelminski), Festung Strasburg (Brodnica), Schloss Schönberg (Szymbark).

Literatur: DuMont Kunst-Reiseführer Polen, 1994.

Auskunft: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Marburger Straße 1, 10789 Berlin; Telefon: 210 09 20, Fax: 21 00 92 12.

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