Zeitung Heute : Das Erbe von Münchhausen

Warum Jobkandidaten Märchen erzählen dürfen und Schwindeln für das Miteinander sogar wichtig ist

Regina-C. Henkel

Es gibt kaum einen Bereich, in dem Lügen so ausdrücklich erlaubt ist wie im Arbeitsrecht: „Wer im Einstellungsgespräch unzulässige Fragen gestellt bekommt, darf lügen“, sagt Anja Mengel, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Berlin. Und die Liste dessen, was deutsche Richter für unzulässig erklärt haben, ist wahrlich lang. Sie beginnt bei Fragen nach den persönlichen Lebensverhältnissen, bezieht politisches und religiöses Engagement ein und reicht bis hin zu Krankheiten oder Vorstrafen. „Der Arbeitnehmer darf schweigen oder auch lügen“, erläutert die Juristin, „denn wenn er nur schweigen dürfte, könnte dies ja schon gegen ihn sprechen.“

Alles, was Recht ist. Ein moralisches Problem damit, ihrem potenziellen Arbeitgeber einen Bären aufzubinden, dürften deutsche Arbeitnehmer sowieso nicht haben. Als kulturelle Nachfahren des legendären Lügenbarons Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen (1720 bis 1797) und als Zeitgenossen des Soziologie-Professors Peter Stiegnitz, der mit der Mentiologie sogar eine „Lehre von der Lüge“ begründet hat, schwindelt der deutsche Durchschnittsbürger angeblich täglich rund 200 Mal: Weil er geliebt werden will, weil er den anderen nicht verletzen möchte oder auch, weil er Angst vor dem Chef, dem Kunden, dem ehrgeizigen Nachwuchsmitarbeiter hat, der an seinem Stuhl sägt. Für Stiegnitz ist die Lüge „nichts Böses“, Schwindler seien sogar „glücklicher und haben mehr Freunde."

Kein Wunder, dass masslose Übertreibungen, Halbwahrheiten und die Kunst des diplomatischen Weglassens unangenehmer Informationen am Arbeitsplatz besonders gepflegt werden. Auf Arbeitnehmerseite genauso wie auf Arbeitgeberseite. Fast jeder Bewerber entwickelt reichlich Fantasie, wenn er dem Personalchef erklärt, warum er ausgerechnet in diesem Unternehmen seine berufliche Zukunft sieht. Und welcher Mitarbeiter redet sich nicht heraus, wenn er beim privaten Googeln erwischt worden ist? Chefs wiederum lassen sich ganz selbstverständlich von der Sektretärin verleugnen und nennen bei einer Kündigung nur selten den wahren Grund. Sollen sie wirklich ehrlich sein und dem Mitarbeiter ins Gesicht sagen, dass die wirtschaftliche Lage nur erlaubt, den besseren Kollegen zu behalten?

„Die Gesellschaft würde nicht überleben, wenn nicht gelogen würde“, erklärte Mentiologe Stiegnitz erst Mittwoch vergangener Woche gegenüber Stern TV-Moderator Günther Jauch. Der hatte sich vom fernsehenden Millionen-Publikum sogar live beim Lügen erwischen lassen – in bester Journalistenabsicht.

Weniger hehr als die Beweggründe von TV-Star Jauch sind bisweilen die Motive anderer, der Öffentlichkeit wohl bekannter Personen, die prominent an der Wahrheit vorbeireden – und dabei auffliegen. Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp etwa entlarvte sich selbst in einem Zeitungsinterview, indem er zugab, seine Detroiter Geschäftsfreunde über die tatsächlich beabsichtigte Machtaufteilung im deutsch-amerikanischen Konzern zunächst belogen zu haben. Und wer erinnert nicht den Skandal um das gewaltige Defizit der Expo 2000 in Hannover, ausgelöst durch völlig aus der Luft gegriffene Besucherprognosen des Managments?

So weit, so schlecht. Denn eins steht auf jeden Fall fest: Irgendjemand muss für den „ökonomischen Umgang mit der Wahrheit“, wie Lügenforscherin Jeannette Schmid das unehrliche Verhalten nennt, immer zahlen. Mal ist es die Allgemeinheit der Steuerzahler, mal sind es die Aktionäre, und sehr oft sind es die Arbeitnehmer. So ist Psychologin Schmid, die sich mit einer Arbeit über „Lügen im Alltag“ habilitierte, nicht überrascht von der öffentlichen Meinung über Manager: „Bei Wirtschaftsmagnaten geht man ein Stück weit von Unehrlichkeit aus.“ In ihrer Internet-Umfrage zur Ehrlichkeit verschiedener Berufsgruppen hatten Bankiers, Industriemanager und Börsenmakler ausgesprochen mies abgeschnitten. Sie landeten auf einer Liste mit 22 Plätzen auf den Rängen 15 bis 17.

So mancher Cheflenker dürfte mit diesem schlechten Image gut leben können. Das entspräche etwa öffentlichen Auftritten wie denen der vergangene Woche frei gesprochenen Angeklagten im Mannesmann-Prozess und auch den Forschungen von „Lügen“-Professor Stiegnitz, der sagt: „Man lügt sich sein Verhalten schön.“

Doch warum schreiben sich so viele Unternehmen „Ethik“ auf die Fahnen: C&A ebenso wie Dräger, Gerling, Otto und Oetker. Die Grundsätze der Wiesbadener IT-Dienstleister autoinform sind typisch: „Wir sprechen Probleme offen und direkt an …Wir verhalten uns zuverlässig und berechenbar… Wir sind fair zu Kunden und zu Kollegen." Auch die Düsseldorfer DIS AG hat „Ehrlichkeit“ zu einem zentralen Punkt ihrer Unternehmenskultur erklärt. Sylvia Knecht, Sprecherin des Personaldienstleisters, nennt als Grund die Erkenntnis, dass Unternehmen, „die neben Profit- auch Werteorientierung zeigen, eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben, als solche mit reiner Profitorientierung“. Annette Kleinfeld, Generalsekretärin des European Business Ethics Network (EBEN) sieht das genauso. Die Geschäftsführerin von Dr. Kleinfeld & Partner in Norderstedt hebt allerdings die „besondere Verantwortung und Vorbildrolle“ des Managements hervor: „Lügen müssen Ausnahmen bleiben – also ,Notlügen’, die selbst Kant unter bestimmten Umständen für legitim hält. Wo sie aber zur Regel werden, wird das notwendige Fundament menschlichen Zusammenlebens unterhöhlt, das auf Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Integrität angewiesen ist: Die Wirtschaftsskandale der letzten Jahre zeigen, dass dies auch mit erheblichen materiellen Schäden verbunden sein kann.“

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