Zeitung Heute : Das erste Mal

Das KaDeWe plant, seine Türen zu öffnen – nach heftigen Querelen

Anne Wüstemann

Irgendwann konnte man sich nicht mehr raushalten. Eine halbe Million Menschen strömen seit Jahren zum Ku’damm, wenn die Lange Nacht des Shoppings dort steigt. Von Mal zu Mal entwickelte sich die Veranstaltung unübersehbar zum Verkaufsschlager. Von sensationellen Gewinnen sprachen die umliegenden Einzelhändler. Nur das KaDeWe war nie dabei, wegen innerbetrieblicher Querelen. Jetzt hat ein Richter des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt zunächst verhindert, dass der Betriebsrat eine Teilnahme blockiert. Das größte Warenhaus des europäischen Kontinents wird am Samstag wahrscheinlich bis 24 Uhr öffnen.

Die Schicht von 20 Uhr bis Mitternacht sollen Mitarbeiter übernehmen, die sonst am 27. März frei gehabt hätten. 450 der 1800 Angestellten sind davon betroffen. Der Personalchef des KaDeWe hält im Grunde nichts von Zwang: „Das Signal, das die Mitarbeiter erst bekamen, war mir sehr unangenehm“, sagt Ulf Willeke. Nach der Entscheidung in Erfurt habe er einen Teil des Personals zur Mehrarbeit verpflichten müssen. So solle die Einteilung aber gar nicht laufen. „In den Abteilungen können sich die Mitarbeiter untereinander darüber einigen, wer arbeiten möchte“, erklärt der Chef.

Die einzige Voraussetzung sei, dass die Freiwilligen am selben Tag noch nicht gearbeitet hätten – eine Bedingung aus arbeitszeitrechtlichen Gründen. Wer mitmacht, bekommt nach Tarif einen Zuschlag in Höhe von 50 Prozent des regulären Stundenlohns. Dass es Angestellte gibt, die gerne arbeiten würden, weiß Ulf Willeke. Genau diese habe er von vorneherein einsetzen wollen. „Aber dazu ist es gar nicht gekommen, weil der Betriebsrat absolut nicht verhandeln wollte“, schildert der 55-Jährige.

Nach der vorletzten Langen Nacht des Shoppings war der Personalchef auf den Betriebsrat zugegangen, hatte erklärt, dass sich das KaDeWe diesem Ereignis nicht länger verschließen könne. Doch der Betriebsrat lehnte ab, mit der Mehrheit der Beschäftigten im Rücken. Das betont Christel Hünefeld, die Betriebsratsvorsitzende. „Aus unserer Sicht ist es unzumutbar, dass die betroffenen Angestellten für vier Stunden aus ihrem langen Wochenende zitiert werden“, erklärt die 48-Jährige. Zumal viele aus dem Umland Berlins kämen und dann gar nicht wüssten, wie sie nachts nach Hause fahren sollten.

Diese Auffassung teilte der Vorsitzende der Einigungsstelle des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt offensichtlich nicht. Nachdem es bei der Abstimmung zwischen den beiden Seiten zuletzt ein Patt gegeben hatte, stimmte er mit – zu Gunsten der Geschäftsführung.

Ulf Willeke hofft, dass sich der Streit nicht langfristig auf das Betriebsklima auswirkt. „Eine erste Entspannung ist zumindest schon zu spüren“, meint der Personalleiter. Diesen Eindruck hat auch Tommy Erbe, der kurz nach der Zusage das KaDeWe besuchte, um einen Eindruck von der Stimmung dort zu bekommen: „Ich habe einige Verkäuferinnen gehört, die sich positiv dazu geäußert haben“, berichtet der Initiator der Shopping-Nächte. Die Haltung des Betriebsrates kann er nicht ganz nachvollziehen: „Wir schaffen Arbeitsplätze und holen auch mit Besuchern von auswärts Umsatz in die Stadt.“ Das KaDeWe sei dabei ein ganz wichtiger Magnet, umso mehr freut sich Erbe, dass dieser „Anker“ endlich mitmachen kann: „Das ist gigantisch.“ Auch die anderen Händler seien froh. Sie hätten keine Angst, dass ihnen das KaDeWe die Kunden wegnehme, im Gegenteil: „Die erwarten, dass dadurch noch mehr Menschen neugierig werden“, weiß der Organisator.

So werden die Kunden wohl morgen in den Mauern des berühmten Warenhauses nichts von dem Hin und Her merken. Das Programm steht derweil auch: Ab 14 Uhr präsentiert die Schachcomputerfirma Saitek gemeinsam mit dem Kaufhaus ein Simultan-Schach-Turnier mit Garry Kasparov. Der beste Schachspieler der Welt wird gleichzeitig gegen 25 Gegner antreten. Die Degustationsstände in der sechsten Etage locken mit Leckereien. Außerdem treten sechs Dixieland-Bands im Haus auf.

Doch es bleibt spannend. Die Gewerkschaft Verdi unterstützt diejenigen, die als Betroffene gegen die Ausnahmepraxis der Bezirke klagen wollen. 24 Widersprüche gegen die Sondergenehmigung liegen den Behörden vor. Nach Aussage von Christel Hünefeld stehen diese stellvertretend für weitere 180 Mitarbeiter. Die Beschwerden wurden vorgestern vom Wirtschaftsamt Charlottenburg-Wilmersdorf abgelehnt. Darauf sollte der Spätverkauf mit Anträgen auf einstweilige Verfügungen gestoppt werden. Die Kläger handeln auch im Interesse der Gewerkschaft Verdi, die die gesamte Lange Nacht kippen will. „Nur weil der Bezirk seinen Stempel gegeben hat, ist die Genehmigung nicht legal“, argumentiert Ottwald Demele, Fachsekretär Einzelhandel bei Verdi. Die Ausnahmeregelung dürfe nur in Notfällen gelten und „den kann man ja wohl nicht monatelang vorher festlegen“, sagt der Gewerkschafter. Der Erfolg des Events spielt für ihn keine Rolle: „Wir leben in einem Rechtsstaat und da sind die Gesetze zu befolgen.“

Patrice Wagner, Geschäftsführer des KaDeWe, hatte bis zum Redaktionsschluss dieser Beilage keine Zweifel: „Wir werden am Samstagabend öffnen.“ Ob das klappt, werden wir morgen sehen.

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