Zeitung Heute : Das Fahrwasser ist rau geworden

Christian Röwekamp

Das Lachen hat Tony Böhmer nicht verlernt. Sechs Wochen nach den Terroranschlägen am 11. September in den USA ist der Geschäftsführer von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten wieder optimistisch für sein Unternehmen und die Branche - trotz der Schockwelle, die weiter den weltweiten Tourismus durchzieht. Die Buchungszahlen für das Jahr 2002 seien gut, sagte Böhmer aus Anlass von Deutschlands erster Kreuzfahrtenmesse, der "CruiseLive" die an diesem Wochenende in Hamburg stattfindet. Nach dem ersten Entsetzen über die verheerenden Anschläge hätten die Menschen die Lust am Reisen wieder entdeckt, auch wenn die Zahlen noch nicht wieder da seien, wo sie sonst um diese Jahreszeit sind.

Eine Einschätzung, die andere Reedereien teilen: Heiko Jensen, Geschäftsführer von Festival Kreuzfahrten Deutschland in Hamburg, geht für sein Unternehmen sogar von 50 Prozent Wachstum auf dem deutschen Markt im Jahr 2002 aus. Richard Vogel, Vizepräsident von Seetours International in Neu-Isenburg, ist ebenfalls überzeugt davon, dass sich die positive Entwicklung der Branche in Deutschland fortsetzen wird - wenn auch erst nach "einer Phase der Zurückhaltung, die man zeitlich momentan nicht genau definieren kann".

Dieser zur Schau getragene Optimismus überdeckt jedoch ein wenig, dass auch die Kreuzfahrtenbranche durch die verheerenden Anschläge vom 11. September und die Angriffe der USA auf das Taliban-Regime in Afghanistan in ein schwieriges Fahrwasser geraten ist. Mehrere Unternehmen, darunter Festival, die Peter Deilmann Reederei aus Neustadt/Holstein und die britische Reederei Cunard, haben die Fahrpläne einzelner Schiffe geändert. Gemieden werden vor allem das südöstliche Mittelmeer sowie die Gewässer rund um die Arabische Halbinsel. Deilmanns "Deutschland" nimmt stattdessen Kurs auf das westliche Mittelmeer und Westafrika, Festivals "Azur" steuert statt Ägypten von Januar bis April 2002 nun Ziele in Griechenland an.

Die Probleme der Branche sind mit Umroutungen jedoch nicht gelöst. In den USA stehen mehrere Reedereien infolge des Einbruchs auf dem Inlandsmarkt unter Gläubigerschutz und damit finanziell mit dem Rücken zur Wand. So weit werde es in Europa nicht kommen, sind sich die Experten sicher. Er wolle zwar nicht ausschließen, dass auch auf dem deutschen Markt tätige Unternehmen an Sparplänen arbeiteten, so Vogel, der den Expertenkreis Schifffahrt im Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verband (DRV) leitet. Es gebe aber keine Anzeichen dafür, dass Entlassungen bevorstünden oder Investitionen verschoben werden. "Die starken Unternehmen werden diese Buchungsdelle überleben", so Vogel. Seetours zum Beispiel werde keins der für 2002 geplanten Projekte mit je zwei neuen Fluss- und Hochseeschiffen zurücknehmen.

Allerdings dürfte der Urlaub an Bord künftig teurer ausfallen. Festival, Seetours und Hapag-Lloyd haben ihre Preise für 2002 zwar nicht verändert, doch kommt es bereits dazu, dass die Kosten für größere Sicherheitsvorkehrungen und eventuell teurere Zubringerflüge an die Kunden weitergegeben werden: Festival erhebt für neue Buchungen derzeit einen Zuschlag von 50 Euro (97,79 Mark), sagte Heiko Jensen.

Bei Hapag-Lloyd wird Tony Böhmer zufolge ebenfalls über einen Zuschlag nachgedacht, auch wenn die Sicherheitsstandards auf den Schiffen schon vor dem 11. September sehr hoch gewesen seien - im Grunde gehe es in erster Linie um höhere Versicherungsprämien. Bei Seetours gibt es ebenfalls noch keine Entscheidung, doch wird Vogel zufolge intern über einen Zuschlag "im kleinen zweistelligen Euro-Bereich" geredet.

All das trifft die Branche zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Von 1995 bis 2000 hatte sich die Zahl der Kreuzfahrttouristen aus Deutschland von 309 000 auf 567 000 jährlich erhöht, erklärte Dieter Flechsenberger, Geschäftsführer des Fachverlags Dieter Niedecken in Hamburg, der die "CruiseLive" veranstaltet. Die Reedereien wollten diesen Trend weiter verstärken - immerhin buchen damit in Deutschland pro Jahr weiterhin nur 0,8 Prozent der Bevölkerung eine Kreuzfahrt. In den USA waren es in der Vergangenheit 2,1 Prozent. "Natürlich gefällt es uns nicht, dass wir gerade zu einem Zeitpunkt, wo Reisen auf dem Wasser populärer werden, an eine Preisbereitschaftsgrenze stoßen könnten", klagt Vogel. Es funktioniere aber nicht, Passagieren für immer weniger Geld immer mehr Leistung bieten zu wollen.

In dieser Zeit der Unsicherheit müsse Vertrauensbildung bei den potenziellen Kreuzfahrtpassagieren die Devise sein, so Vogel. Die Messe "CruiseLive" könne dazu einen wichtigen Beitrag leisten - zu sehen gibt es im Börsensaal der Handelskammer Hamburg das komplette Angebot von mehr als 50 Reedereien und Reiseveranstaltern bundesweit.

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